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Bestattungen zu Corona-Zeiten: Wir haben mit einem Trauerredner gesprochen

Bestattungen zu Corona-Zeiten
© Syda Productions / Shutterstock
Coronavirus bedeutet auch: Ein Familienmitglied oder enger Freund verstirbt, aber zur Beerdigung kann niemand anreisen. Wir haben mit einem Trauerredner darüber gesprochen, wie man mit dieser neuen Situation am besten umgeht.

Rüdiger Salzmann und ich kennen uns nur flüchtig. Gemeinsame Freunde hatten vor rund 15 Jahren einen benachbarten Schrebergarten, als unsere Kinder noch klein waren. Damals war Rüdiger gerade Trauerredner geworden, ein Beruf, der mir ebenso befremdlich vorkam, wie er mir Respekt abzollte. Dass jemand sich freiwillig immer wieder in traurige Situationen brachte, erschien mir so heldenhaft wie verrückt.

Vergangene Woche verstarb nach langer schwerer Krankheit ein Onkel und die Familie ließ ausrichten, dass die Bestattung im allerkleinsten Kreise stattfinden würde. Nur seine Frau und die vier Kinder, hieß es zunächst, keine Enkel, keine Geschwister, keine Freunde. Das ist für unsere Familie extrem ungewöhnlich. Mein Vater, selbst im Alter von 46 Jahren gestorben, hat über Beerdigungen immer gesagt: "Das sind die besten Familienfeste." Er war der Capo, ihm widersprach niemand. Natürlich meinte er nicht den Anlass, sondern die Art der Zusammenkunft: sich gemeinsam in der Erinnerung an einen Verstorbenen treffen – und das Beste daraus machen. Sich beim Essen über alte Zeiten austauschen. Noch einmal die Geschichten erzählen, die jeder kennt, die aber mit jedem Mal besser werden.

Eine schwierige Entscheidung, aber die einzig richtige

Zwei Tage nach der Nachricht, dass mein Onkel gestorben war, kam die Ankündigung, dass auch seine Frau, meine Tante und die Schwester meines Vaters, nicht an der Beerdigung ihres Mannes teilnehmen würde. Ich war irritiert. So ein langes gemeinsames Leben und dann eine Bestattung ohne Trauernde? Könnte man dem Rest der Familie und Freunden nicht einbläuen, Abstand voneinander zu halten? Keine Umarmung, aber Präsenz?

Einen Tag später fragte ich mich, ob ich noch richtig ticke. Die Vorsichtsmaßnahmen in puncto Corona hatten sich verschärft und ich begriff: Nahezu Hundertjährige sollten anreisen, um Abschied zu nehmen? Mit Kindern und Enkeln und von überall her? Am besten noch mit der Bahn? Das war der Moment, in dem mir Rüdiger einfiel. Der Profi, der weiß, wie man in der Zeit des Coronavirus Adieu sagt, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Und dennoch einem Menschen gerecht wird, der eine große Trauergemeinde verdient gehabt hätte. Ich wollte das genauer wissen.

Rüdiger, was macht eigentlich ein Trauerredner?

Ich treffe mich mit der Familie oder dem Freundeskreis vor der Bestattung und erfahre ganz viel über den Verstorbenen. Wir besprechen, was die Familie oder die Freunde für Vorstellungen haben. Was ist schön, was ist richtig? Ich berate sie dementsprechend, dafür braucht es gemeinsame Zeit, ein Zuhören und manchmal auch den Blick von außen, um herauszufinden, was wirklich von Bedeutung ist. Im Grunde genommen gestalte ich die Feier jenseits dessen, was der Bestatter leisten kann. Und mein Kernding ist eben diese Rede.

Was machst du, was der Bestatter nicht macht?

Zum Beispiel die musikalische Umrahmung. Musik trägt Emotion und kann viele Geschichten beinhalten. Manchmal erfahre ich nach anderthalb Stunden, was dieses eine Lied für eine Bedeutung hat. Das kommt in einem Gespräch über Gestaltung über Blumen, Design oder Kerzen nicht vor. Ich erfahre dann etwa, dass der Song "Blue Spanish Eyes" im Leben des Verstorbenen ganz zentral und wichtig war. Oder ich sitze bei der Familie zu Hause im Wintergarten und bin von 1299 Igeln aus Ton, Steingut oder sonst etwas umgeben. Dann kann ich sagen: Na gut, von denen müssen 999 mit auf die Trauerfeier!

Wer engagiert einen Trauerredner? Familien, in denen die Angehörigen Angst davor haben, selbst in Tränen auszubrechen?

Es geht darum, in Zeiten der Katastrophe gemeinsam Handlungsfähigkeit zu zeigen. Es ist natürlich toll, wenn jemand aus der Familie oder dem Freundeskreis selbst sprechen kann. Aber das ist selten. Wenn man sich das nicht zutraut, dann ist das einfach so. Schlimm ist, wenn man glaubt, man müsse repräsentieren, man müsse etwas tun. Dann kommt man vielleicht gar nicht zu seiner Trauer, weil man damit beschäftigt ist, nach außen eine Form zu finden. Mir geht es zum Beispiel so, wenn mich Schulfreunde anrufen, von denen ich seit 20, 30 Jahren nichts gehört habe. Dann weiß ich, oh Gott, da ist ein Elternteil gestorben. In dem Moment habe ich schon einen Kloß im Hals und sehe mich als 16-Jährigen in der Küche sitzen, wo die Mutter sagt: "Und kommt nicht zu spät und trinkt nicht so viel und esst was Ordentliches und macht keinen Unfug." Dann ist die ganze professionelle Distanz weg.

Der Anlass unseres Gesprächs ist das Coronavirus. Wann hat sich das für dich in deinem Beruf bemerkbar gemacht?

Das ist eine unglaublich rasante Entwicklung. Ganz deutlich wurde das am vergangenen Freitag und am Montag, als viele Trauerfeiern auf einmal abgesagt worden sind. Weil Familien Angst bekommen haben, Familienangehörige nicht anreisen konnten, einige vielleicht schon nicht mehr aus ihren Wohnungen kamen oder ältere Menschen dachten: Um Gottes willen, ich will nicht mit so einer großen Runde zusammensitzen. Am nächsten Tag rief die Hälfte davon wieder an und sagte: "Wir machen das jetzt draußen am Grab, ohne den Raum um uns herum."

Sprichst du normalerweise in einer Kapelle oder in dem Raum, wo der Tote aufgebahrt liegt?

Das ist ganz unterschiedlich, es gibt kein "Normalerweise". Verstorbene sind nicht immer aufgebahrt, der Sarg ist fast immer verschlossen. Oft gibt es auch eine Urne. Man kann sich Trauerfeiern auch nur mit einem Bild, unabhängig von einem Friedhof, vorstellen. Das ist eine Situation, von der ich glaube, dass sie in der nächsten Zeit ganz häufig vorkommen wird.

Das heißt, die Bestattungen werden ohne Freunde und Familie stattfinden und eine Trauerfeier wird nachgeholt? Oder wie hast du das bislang erlebt?

Die Antwort ist klares Jein. Wie in allen Lebensbereichen herrscht durch das Coronavirus auch in diesem gerade ein riesiges Durcheinander. Viele haben einfach abgesagt. Oder gesagt: "Wir stehen jetzt nur zu zweit auf dem Friedhof und gucken, wie der Sarg in das Grab abgelassen wird." Oder: "Wir machen die Feier in einem Restaurant oder so in einem Vierteljahr als Gedenkfeier." Aber es sind auch neue Dinge hinzugekommen, zum Beispiel durch die Kirche. Ich hatte erste Anfragen, wo Pastorinnen und Pastoren gesagt haben: "Ich mache das nicht mehr in Räumen. Wir machen das zu dritt am Grab, aber gehen nicht mehr in Räume." Dann sind die Einladungskarten aber schon raus und plötzlich stehen Angehörige da. Denen kann man ja nicht sagen: "Geht jetzt woanders hin."

Was machst du in so einem Fall?

Zwar gibt es in Norddeutschland viel mehr Trauerfeiern mit konfessionsfreien Rednerinnen und Rednern als mit Pastoren. Dennoch ist das Ersetzen eines Pastors im Moment schwierig, weil die Termine ganz kurzfristig sind, von heute auf morgen. In einem konkreten Fall saß ich zum Beispiel um neun Uhr abends mit älteren Menschen zusammen und inklusive der Verantwortung, mit dieser Krankheit umzugehen. Ich würde die Treffen zurzeit gerne telefonisch machen, aber das ist manchmal schwierig, weil viele Personen zusammenkommen oder etwa ein Hörgerät nicht mit dem Telefon kombinierbar ist.

Verhindert Corona gemeinsames Trauern?

Das Besondere an einer Trauerfeier ist, das es eine der letzten gesellschaftlichen Zusammenkünfte ist. Es geht dabei auch ganz körperlich darum, eine Verbindung zum Ausdruck zu bringen. Darum, gemeinsam zu verarbeiten, was einem Schreckliches widerfahren ist. Wo sich alle drücken und gegenseitig stützen. Das ist zurzeit nicht möglich.

Hast du das Gefühl, das Coronavirus kostet Würde und Trost?

Nein. Dieses Ringen um die Situation ist ja auch ein Ringen um, benutzen wir ruhig diesen Begriff, Würde. Man setzt sich ganz bewusst auseinander. Das ist etwas anderes, als wenn Feiern Selbstgänger sind, wie manchmal im dörflichen Rahmen. Wenn der ganze Schützenverein am Grab steht und am Ende gibt's Butterkuchen. Solche Traditionen können sehr tröstlich sein, weil sie den Menschen, die sie pflegen, vertraut sind. Aber in der jetzigen Situation ist keiner der Abläufe selbstverständlich. Das fängt schon mit der Frage an: Was macht man mit dem Kugelschreiber am Kondolenzbuch, den jeder anfasst?

Hast du einen Tipp für Hinterbliebene und ihre Trauerfeiern in Corona-Zeiten?

Mein Tipp ist der, der für jede Auseinandersetzung mit Trauer gilt, unabhängig von den äußeren Einflüssen: herausfinden, was einem gut tut, was wichtig ist und dafür auch eine eigene Form finden. Dass man nicht an überkommenen oder ritualisierten Handlungen kleben muss, nur "weil es sich so gehört". Sondern dass man sich bewusst für bestimmte Rituale entscheidet, weil sie zu einem gehören. Das eigentliche Problem entsteht, wenn man aus Angst vor Corona nicht trauern kann.

Dieser Artikel ist ursprünglich auf stern.de erschienen.

Susanne Baller

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