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Wo liegt die Grenze? Bin ich noch Mittelschicht oder schon arm?

Noch Mittelschicht oder schon an der Armutsgrenze? Portemonnaie wird geöffnet
© Nana_studio / Shutterstock
Ab wann gehört man zur Mittelschicht, wann ist man von Armut bedroht? Über die Einkommensverteilung in Deutschland – und wie sie schön-gerechnet wird. 

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte das Statistische Bundesamt eine Pressemitteilung, aus der hervorging, dass im Jahr 2019 ungefähr zwei Millionen Menschen in Deutschland ihre Wohnung nicht angemessen beheizen konnten – weil das Geld fehlte. Im selben Jahr war mehr als jeder fünfte Erwerbstätige hierzulande armutsgefährdet. Das entspricht einer Zahl von ungefähr 3,1 Millionen Erwachsenen. Aber ab wann gilt man in Deutschland als "armutsgefährdet" – und wieso ist die rechnerische Mittelschicht so groß?

Mindestlohn soll wirtschaftliche und soziale Teilhabe fördern

"Mit der Erhöhung des Mindestlohns wird die wirtschaftliche und soziale Teilhabe von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gefördert", so die Bundesregierung. Seit dem 1. Januar diesen Jahres beträgt der gesetzliche Mindestlohn 9,50 Euro pro Stunde – brutto. Bis Juli 2022 soll er auf 10,45 Euro angehoben werden. Zum heutigen Stand verdient ein Arbeitnehmer, der nach Mindestlohn bezahlt wird und in einer 40-Stunden-Woche arbeitet, 1.520 Euro brutto im Monat. Ist diese Person alleinstehend, kinderlos und nicht Mitglied in der Kirche, bleiben unter'm Strich ungefähr 1.152 Euro netto übrig. 

Wo liegt die rechnerische Armutsgrenze?

Armut errechnet man in Deutschland durch einen Prozentsatz am Mittleren Einkommen. Das ist das Einkommen, bei dem es gleichmäßig viele Menschen mit einem höheren sowie einem niedrigeren Einkommen gibt, so die Definition laut IAB-Forum. Übersetzt bedeutet das: Wer nicht mehr als 60 Prozent des Mittleren Einkommens zur Verfügung hat, ist von Armut bedroht. Wer nur maximal 50 Prozent hat, ist offiziell arm. 2019 lag der Schwellenwert für 60 Prozent bei 1.074 Euro für eine alleinstehende Person. Wer weniger als 900 Euro im Monat zur Verfügung hat, ist arm, schreibt der "Stern" und beruft sich auf Angaben der Bundeszentrale für Politische Bildung. 

Reicht allein der Mindestlohn überhaupt aus?

Wer also den Mindestlohn bezieht, liegt nur knapp über der rechnerischen Armutsgrenze – die Differenz sind nicht einmal 100 Euro. Als alleinstehende Person sind ungefähr 1.100 Euro pro Monat wenig, Mittelschicht hin oder her. Besonders, wenn man in einer Großstadt wie Hamburg, Berlin oder München wohnt. Die Faustregel von "ein Drittel des Nettogehalts für Miete, zwei Drittel zum Leben" ist für viele fern jeglicher Realität. Denn nur, weil man rein rechnerisch zur Mittelschicht gehört, also zwischen 60 und 200 Prozent des Mittleren Einkommens verdient, ist man noch lange nicht aus dem Schneider. Unsere Kollegen vom "Stern" schreiben treffend: "Man sieht schnell: Armut beginnt früher." 

Die "Mittelschicht" rechnet uns die Wirklichkeit schön

Das Kreditportal "Vexcash" hat die Lebenshaltungskosten von Menschen aus zehn verschiedenen deutschen Städten miteinander verglichen, so der "Stern". Ein Durchschnitts-Single gibt monatlich 1.600 Euro für Wohnen, Lebensmittel, Verkehrsmittel etc. aus. Das wäre nur mit dem heutigen Mindestlohn schon nicht machbar. Warum also reicht der nicht aus? Und weshalb gehört man scheinbar noch zur Mittelschicht – obwohl man sparen muss, wo man kann? Das Phänomen "Mittelschicht" verzerrt Grenzen, Lebensstandards und rechnet uns die Wirklichkeit schön. 

Verwendete Medien: destatis.de, stern.de, bundesregierung.de, iab-forum.de


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