So einfach: Welt verbessern kostet nur 10 Euro im Monat! Oder ein paar Dosenravioli ...

Angst vor Bienen? Macht nichts! Retten kannst du sie trotzdem – ohne dabei auf Sicherheitsabstand zu verzichten. Unsere Redakteurin macht's vor.

Rund anderthalb Autostunden nördlich von Hamburg sind die Straßen so schmal, dass keine zwei SUVs nebeneinander passen (aber die sind ja anscheinend eh für den Stadtverkehr gedacht ...🙄). Die Felder und Ackerflächen sind dafür so weitläufig, dass man auf einem einzigen vermutlich alle Bundesliga-Vereine gleichzeitig gegeneinander antreten lassen könnte.

Knicks? Rar gesät!

Perfekt, um mit Traktoren und großen Maschinen über die Äcker zu brettern und sie effizient zu bewirtschaften. Blöd allerdings für Rehe, Hasen, Vögel und ein paar Tierchen, die mittlerweile einen wirklich schweren Stand in unserer Welt haben: Insekten! Doch genau ihretwegen bin ich hier. Meine Mission: Neuen Wohnraum für Biene, Falter, Ohrenkneifer und Co. schaffen.

Insekten – die armen Schweine ...

Ich weiß: Insekten sind nicht besonders nahbar. Wenn wir ihnen so in ihre kleinen, doch überproportionierten Facettenaugen blicken, bieten die in der Regel wenig Identifikationspotenzial. Zudem fliegen sie uns beim Joggen ständig in die Nase, setzen sich dreist auf unsere Lebensmittel und früher war nach einer halben Stunde auf der Autobahn die Windschutzscheibe voller kleiner Leichen, sodass man ständig putzen musste. 

Mittlerweile sind all diese "Unannehmlichkeiten" erwiesenermaßen nicht mehr so extrem: Laut Studien fliegen hierzulande heute rund 75 Prozent weniger Insekten durch die Gegend als vor 30 Jahren. 75 Prozent! Einfach! Weg! ERSCHRECKEND! Hauptgrund, so Experten, sind ausnahmsweise weder Klimawandel noch Plastik – sondern unsere höchst wirtschaftliche Landwirtschaft.

Monokulturen sowie riesige, knicklose Anbauflächen, wo sie weder Nahrung noch Lebensraum finden, und natürlich der Einsatz von Pestiziden und Pflanzenschutzmitteln machen den kleinen Krabblern und Flattermännern das Leben in der zivilisierten Welt schwer bis unmöglich. Immerhin: Nicht allen Landwirten ist das egal!

Dipladenia überwintern: Mandevilla in einem Topf mit Rankhilfe

Traditions-Landwirte übernehmen Verantwortung

Das Ehepaar Heike und Jan Schmedes bewirtschaftet rund 900 Hektar in dieser SUV-feindlichen Gegend am schleswig-holsteinischen Schaalsee nördlich von Hamburg und führt dort eine mehr als 300 Jahre alte Familientradition fort. Zuckerrüben, diverse Getreidesorten, Raps und Mais, Schmedes bauen viele der üblichen verdächtigen Pflanzenarten an, die sich wirtschaftlich lohnen und uns ernähren – nur unseren summenden Mitlebewesen eben weniger schmecken.

Zwar bewirtschaftet das Ehepaar auf einem Teil seiner Fläche auch Wälder und spendiert der Natur größere und mehr Knicks als gesetzlich vorgeschrieben. Doch den beiden ist das zu wenig: Sie möchten dem massenhaften Insektensterben aktiv entgegenwirken – und haben deshalb "Blütenfreunde" ins Leben gerufen, ein Projekt, das wir alle unterstützen können! 

Summen statt Profit

Statt profitabler Arten wie Gerste, Weizen und Co. pflanzen Schmedes auf mittlerweile rund 20 Hektar ihres Landes Blumen an – extra für Wildbienen, Falter und sonstige vom Aussterben bedrohte Insekten. Dafür gibt's zwar eine von der EU vorgeschriebene Prämie, doch die deckt gerade mal mit Ach und Krach die Kosten für die Bewirtschaftung. Wie sie den Verlust des Ernteausfalls auf diesen Flächen kompensieren, überlässt die schleswig-holsteinische Politik Schmedes.

Die wiederum kamen unter anderem deshalb auf die Idee, "Blütenfreunde" zu gründen: Für 100 Euro im Jahr bieten die Landwirte eine Patenschaft für eine 200 Quadratmeter große, insektenfreundliche Blühfläche auf ihrem Gut an. Mit anderen Worten: Schmedes geben jedem, der möchte, die Möglichkeit, mit weniger als 10 Euro pro Monat das Leben Tausender Insekten zu finanzieren – und das sogar weit weg von der eigenen Jogging-Runde und dem Eis schleckenden Kind! "Die Idee der Blütenfreunde ist, Menschen an der Hilfe für die Bienen mitwirken zu lassen, die sonst keine Gelegenheit dazu hätten", erklärt Jan Schmedes. Alle Patinnen und Paten bekommen ein Zertifikat mit dem Lageplan ihres Stücks Blühwiese. 

Auch wenn die Patenschaften die wirtschaftlichen Einbußen, die die Familie im Interesse der Vielbeiner in Kauf nimmt, nicht ersetzen (in diesem Jahr hatten Schmedes z. B. 25 Paten und Patinnen im Rücken, das heißt nur fünf Hektar wurden durch Spenden unterstützt) – sie machen es den Landwirten zumindest ein bisschen leichter. Außerdem geben sie urbanen Mietwohnungs-Bewohnern die Chance, mit zero Aufwand etwas richtig Gutes zu tun!

Hoffest der Bienenretter

Wie man mit ein ganz bisschen Aufwand, aber dafür ohne Blütenfreunde-Patenschaft Insekten in der Stadt und auf dem Land ein Zuhause geben kann, zeigen Schmedes mir und (anderen) Kindern (😅) im Herbst bei ihrem ersten Hoffest für Bienenschützer und solche, die es werden wollen – denn, wie sich herausstellt, ist ein Insektenhotel selber bauen theoretisch (!) kinderleicht. Für die einfachste Version braucht man lediglich

  • eine leere Blechdose (endlich ein Grund, mal wieder eine Portion Dosensauerkraut zu kaufen),
  • Hölzer wie Bambus oder Holunder (auch Halme wie Schilf sind geeignet)
  • und eine kleine Säge oder sehr scharfe Gartenschere.

Die Hölzer werden so zurecht geschnitten bzw. gesägt, dass sie in die Dose passen, die wiederum sollte möglichst voll gestopft werde, damit nichts verrutscht oder herausfällt. Platzieren kann man die Dose (waagerecht!) in einem Busch, einer Baumgabel oder auf einer kleinen Blühfläche, die man auf dem Balkon oder im Garten selber anpflanzt.

Zugegeben: Wer noch nie zuvor eine Säge in der Hand gehalten hat (so wie ich!), ist mit dem Bau eines solchen Insektenhotels womöglich ein paar Stunden beschäftigt. Doch was sind schon ein paar Stunden, wenn man damit obdachlosen, hungernden Insekten etwas Gutes tun kann? Schließlich bewohnen die unsere Erde schon seit rund 400 Millionen Jahren und damit 397 Millionen Jahre länger als wir Menschen. Für ein intaktes Ökosystem sind sie unverzichtbar! Wir müssen etwas tun – und einen Falter rauszusetzen, der sich in unsere Wohnung verirrt hat, ist allenfalls ein guter Anfang.

Ich kann's jedenfalls kaum erwarten, im nächsten Frühjahr ein kleines Areal auf meinem Balkon mit einem Stück Blühwiese auszustatten und dort mein mühevoll gebasteltes Bienen-Bed&Breakfast aufzustellen. Bin schon gespannt, wer da dann so alles einzieht ...

Du möchtest auch etwas tun? Weitere Infos und Möglichkeiten, dich zum Wohle unserer kleinen Mitbewohner zu engagieren, findest du z. B. unter "Deutschland summt", "Bienenretter" oder der "Aurelia-Stiftung". 

sus
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