Sandra Wurster: "Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen"

Feiere dich und dein Leben – egal mit welcher Kleidergröße! Diese wunderbare Botschaft verbreitet Autorin Sandra Wurster in ihrem neuen Buch. Wir haben sie zum Interview getroffen.

„Mein Körper ist kein Penthouse, sondern eine Villa Kunterbunt“, sagt Sandra Wurster. Als ich das Restaurant betrete, um sie zu interviewen, haut mich die Aura, die ihr diese Lebenseinstellung verleiht, beinahe um. „Mit der wäre ich gerne befreundet“, kommt mir spontan der Gedanke. Sandra hat keine Kleidergröße 36, ist selbstbewusst und wunderschön. Und sie hat eine Mission: Sie möchte uns dazu inspirieren, uns zu feiern und immer dran zu denken: Das Leben ist zu kurz ist, um den Bauch einzuziehen! Das ist übrigens auch der Titel ihres Buches, das erst vor Kurzem erschienen ist. Im Interview spricht sie über hilfreiche Mentaltricks, was Guido Maria Kretschmer zu ihrem Style sagt und warum das Internet wie ein Tomatenmesser ist ...

Liebe Sandra! Du bist junge 28 Jahre alt und hast schon ein Buch geschrieben. Das kann nicht jeder von sich behaupten. Wie kam es dazu?

"Es war ganz lustig. Ich bin damals zu „Shopping Queen“ gegangen, um den Mädels, die mit sich kämpfen, zu zeigen, dass du in jeder Kleidergröße schön aussehen kannst. Solange du dich magst und Mode nicht verwendest, um dich zu verstecken! Mode ist ein tolles Medium, um deine Gefühle, Stimmung und deinen Charakter zu repräsentieren. Ich muss gestehen, dass die ganze Aktion ein bisschen nach hinten los ging, weil ich tatsächlich Letzte geworden bin (lacht)."

Woran glaubst du lag das?

"Die Konkurrentinnen an sich haben ziemlich streng bewertet. Der liebe Guido hat mir immerhin 8 Punkte gegeben. Wenn man Shopping Queen beobachtet, gewinnen da oft nicht die Leute, die sich etwas trauen und extravagant sind. Sondern es gewinnen die Leute, die etwas Schlichtes tragen. Eben das, was man kennt."

Und da dachtest du, wenn meine Botschaft nicht so ankommt, dann schreibe ich halt ein Buch!

"Ganz so war es nicht. Ich habe in der ‘Shopping Queen‘-Folge gesagt: ‚Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen!‘. Das war damals nämlich meine private Lebensphilosophie. Der Guido fand das super und das hat mir eine unglaubliche Motivation gegeben. Da wusste ich: Damit muss ich was machen! Ich will noch mehr Frauen erreichen und pushen. Durch meine ‘Love Your Belly Workshops‘, die ich regelmäßig gebe, habe ich viel an Erfahrung gesammelt. Das hab ich mal alles aufgeschrieben und kam blitzschnell auf 200 Seiten. Ein halbes Jahr später kam wie aus dem Nichts vom Trias Verlag eine Anfrage, ein Buch zu schreiben. Naja, das Skript hatte ich ja bereits schon fertig auf dem Tisch liegen. Man muss nur die richtigen Zeichen an das Universum senden." 

Auf deinem Blog sieht man Bilder von unretuschierten Bäuchen in ihrer vollen Natürlichkeit. Erste Online-Shops wie zum Beispiel asos lassen seit Neustem auch Dehnungsstreifen und vermeintliche Schönheitsmakel unretuschiert. Auch Netflix zeigt in seinen Filmen und Serien immer mehr Vielfalt. Wie findest du das?

"Ich finde es echt wichtig! Einer der größten Aspekte ist, dass wir all die Jahre die Vielfalt in unseren Körperformen nicht feiern konnten, weil wir es nie geboten bekamen. Wenn du in einen Wald gehst, wunderst du dich auch nicht, warum der eine Baum dicker, größer oder kleiner ist als der andere. Generell haben wir Vielfalt in vielen Bereichen unseres Lebens eigentlich schon längst integriert. Obwohl wir alle Ikea kennen, sehen unsere Wohnungen trotzdem unterschiedlich aus. Und wir haben nicht alle den gleichen Kleidungsstil. Wir sind schon in vielen Bereichen unterschiedlich. Trotzdem, was unsere Körpernorm betrifft, zwingen wir uns in eine Kleidergröße. Das ist ungesund. Wenn wir wollen, dass dieser Druck in der nächsten Generation nicht mehr vorhanden ist, müssen wir dafür sorgen, dass weiterhin mehr Vielfalt und Realität geboten werden. Deswegen finde ich diese Entwicklung super wichtig."

Befürchtest du, dass das nur ein Hype sein könnt?

"Ein Hype zeigt, welche Lücke die Gesellschaft in der Thematik hat. Egal, ob Hype oder nicht, Hauptsache etwas bleibt davon übrig. Ich hab viel mit 16- bis 18-Jährigen zu tun und die wirken viel selbstbewusster und cooler mit sich selbst als meine Generation damals. Sie sehen auf Instagram tolle, feministische Blogs oder Curvy-Accounts. Es wird darüber geredet. Es wird Fläche geschaffen. Das hatte ich damals nicht. Außerdem muss ich nicht jemandem folgen, der mir ein ungutes Gefühl gibt. Du hast immer eine Wahl. Das Internet ist wie ein Messer: Damit kannst du eine Tomate schneiden, damit kannst du aber auch jemanden umbringen. Du wählst! Ich glaube Body Positivity ist mehr als nur ein Hype. Ich glaube, davon bleibt einiges übrig. Es wird immer mehr darüber geredet. Es ist fast schon so, dass es die Leute nervt. Aber manchmal muss es nerven."

Deine größten Problemzonen sind deine Gedanken!

Auch du hast sicher mal Tage, an denen es dir nicht so gut geht. Wie kannst du dich dann motivieren?

"Klar, ich habe auch Tage, an denen ich nicht immer schreie: ,Ja! Hier bin ich!'. Aber dann sage ich mir folgendes: Wenn der Tag nicht dein Freund war, dann war er dein Lehrer. Was kann ich daraus lernen? Finde ich Wege für die Problematik oder finde ich Gründe für die Herausforderung? Es kommt immer auf die Sichtweise an. Deine größten Problemzonen sind deine Gedanken."

Sich dem bewusst zu werden ist ganz schön schwer. Wie schaffe ich es, meine Gedanken umzupolen und selbstbewusster zu werden?

"Natürlich kannst du schlecht von dir denken. Das ist in Ordnung. Die Frage ist nur, was es dir bringt? Aktiviere lieber die innere Freundin. Das bedeutet: Rede mit dir, wie du mit deiner besten Freundin reden würdest. Oder noch besser! Rede mit dir, wie mit einer kleinen Tochter. Mit deiner kleinen Tochter würdest du so toll reden. Ihr würdest du sagen: ,Hör auf dein Herz, hör auf deinen Bauch. Es gibt kein falsch und richtig, nur Erfahrungen.' All das, was einem die ganzen Kalendersätze vorknallen. Aber die stimmen! Nur dir selbst sagst du ständig was anderes und das ist schade!"

Sehr sogar! Und dafür ist das Leben zu kurz, wie du so schön sagst. Für was ist das Leben noch zu kurz?

"Das Leben ist zu kurz, um keine Fehler zu machen. Das Leben ist zu kurz, um sich einem zu hohen Anspruch zu unterlegen und seine Perfektion ständig auszufeilen. Oh Gott, das Leben ist für so vieles zu kurz! Zu kurz, um zu Diäten. Zu kurz, um nicht seine Komfort-Zone zu verlassen. Zu kurz, um nicht so zu lachen, dass der Bauch weh tut. Zu kurz, um nicht mal wieder die Nacht durchzutanzen. Zu kurz, um nicht mit einem interessanten Menschen bis morgens um vier Uhr zu reden. Das Leben ist zu kurz, um Dinge zu machen, nur um gemocht zu werden. Das alles! Und noch viel mehr!"

Weitere spannende Themen findet ihr auf unserem Special zur Curvy-Week

Célin Röser
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