"Bin ich schön?" Die Teenys von heute finden: Ja!

"Bin ich schön?" Eine Frage, die sich Verena Carls 13-jährige Tochter noch nie gestellt hat. Über eine Generation von Teenagern zwischen Selfiemania und Social-Media-Wahn, die trotzdem überzeugt ist: Ich bin genau richtig

Als ich 13 Jahre alt war, kannte ich drei Dinge auswendig. Die Telefonnummern meiner besten Freundinnen, die Reihenfolge der Titel auf der ersten Nena-LP und die Kalorientabelle. Jetzt habe ich eine Tochter im gleichen Alter, und sie kann nichts dergleichen. Die Nummern ihrer Freundinnen sind im Smartphone gespeichert, das Konzept "LP" ist dem Konzept "Playlist" gewichen, und das Thema Kalorien gehört für sie ins Bio-Buch. Dass irgend etwas mit ihr nicht stimmen könnte - ob zu viel Po, falsche Nase oder zu langweilige Haarfarbe -, diese Idee ist ihr völlig fremd.

Mama, ich finde mich so schön

Kunststück, könnte man meinen: So ein Mädchenkörper, der ist doch sowieso perfekt, wenn man ihn nicht täglich mit drei Tüten Chips traktiert und die Pickelphase noch bevorsteht. Da ist was dran. Und klar finde ich sie wunderschön, sie ist ja mein Kind. Aber: Ich war mit dreizehn eine wandelnde Mängelliste. Sicherlich nicht real, aber gefühlt. Ich litt unter allem, das von Bravo-Starschnitt-Maßen abwich, von meinem früh vollendeten Erwachsene-Frauen-Hintern bis zu meinen Fisselhaaren. Und wenn ich nicht mit Mutter-, sondern mit kaltem Casting-Blick meine Fotos von 1983 und ihre von 2019 vergleiche, drängt sich der Verdacht auf: Aufs Cover, egal welches, schafft es keine von uns. Aber dann steht meine Tochter vor dem Spiegel, klein für ihr Alter, auf eher stämmigen, kurzen Beinen, unfrisiert und pur, und sagt: "Mama, ich find mich so schön." Trotz "GNTM"-Gucken, trotz Selfies verschicken, trotz Photoshop, YouTube und Instagram. Wie macht die das?

Klar gibt es Gründe für ein so gesundes Selbstbewusstsein. Sie wird geliebt, in ihrem Freundeskreis gibt es mehr Themen als Contouring-Make-up und Nail-Art, und dass Casting-Shows nicht die Realität sind, oder jedenfalls eine nach vorgefertigtem Drehbuch, habe ich ihr schon vor Jahren erklärt. Außerdem bringt sie so eine angeborene Wurstigkeit mit, die mir bis heute fehlt: Schon mit sieben mochte sie lieber blaue Hoodies als pinke Prachtpullis, und letztes Jahr bestand sie auf einer Kurzhaarfrisur. In der ersten Zeit sah sie damit aus wie die junge Jean Seberg (fand ich) oder wie ein zehnjähriger Junge (fanden Fremde).

Everybody is beautiful!

Aber ich glaube, es steckt noch mehr dahinter, und das gilt nicht nur für meine Tochter. Auf einem Großstadt- Schulhof promenieren heute eben nicht nur blasse, blonde Feen, sondern Vertreterinnen eines größeren Genpools: arabisch, asiatisch, afrodeutsch, mit allen Hautfarben, Haartypen, Körperformen. Und das böse Internet? Neben zu Tode bearbeiteten Hochglanz-Pics und Foren für Essstörungs-Fangirls finden sich dort auch Blogger und Vlogerinnen, die nicht nur für mehr Vielfalt in Sachen Sex und Geschlecht einstehen, sondern auch für einen erweiterten Schönheitsbegriff: Everybody is beautiful! So wachsen meine Tochter und ihre Freundinnen in eine neue Lässigkeit hinein. Die hatten wir früher nicht.

Ich wünsche mir so sehr, dass sie sich noch lang gut vertragen, sie und ihr Körper. So wie er ist und so, wie er noch wird. Weil das eine Beziehung ist, die Kraft gibt für alles, das uns im Leben wichtig ist. Lieben - ob nur seelisch oder auch körperlich -, arbeiten, entdecken, erobern. Weil es den Blick weit macht, wenn er nicht ständig am eigenen Nabel hängt und an der Frage, ob der Bauch rundherum auch straff genug ist. "Ich find mich so schön" - diesen Satz bringe ich nicht über die Lippen, wenn ich vor dem Spiegel stehe, heute so wenig wie früher. Aber dass ich mich heute, mit 49 Jahren, mehr mag als zu Teeniezeiten - das habe ich auch meiner Tochter zu verdanken.

                                                          Diesen und weitere Artikel zum Thema Body-Positivity findet ihr in der BRIGITTE 12, die am 22.05.2019 erscheint und auf unserem Special zur Curvy-Week.



Brigitte 12/2019

Wer hier schreibt:

Verena Carl
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