Bracenet: Diese Armbänder aus alten Fischernetzen schützen das Meer 🐬

Im Herzen von Hamburg gestalten die Jungs und Mädels von "Bracenet" wunderschöne Armbänder aus alten Fischernetzen, um unsere Meere von gefährlichem Plastik zu befreien und Meerestiere vor einem qualvollen Tod zu bewahren. BRIGITTE.de-Redakteurin Mirca hat einen Tag lang dabei geholfen, die Bracenets herzustellen. 

Überall bunte Bracenets! Der erste Eindruck der Werkstatt von "Bracenet" in Hamburg ist überwältigend. Überall leuchten die Bänder in Blau, Rot, Grün, Gelb und Grau. An den Wänden stapeln sich Fischernetze, ein großer Holztisch liegt voller Werkzeuge. 

Biggi (30), Tori (25), Sarah (23) und Anne (53) sind hier die Expertinnen. Geduldig erklären mir die Produktionshelferinnen von Bracenet, was zu tun ist, damit aus einem alten Fischernetz ein Armband entsteht. Erst das alte Netz zerschneiden, dabei auf die Knoten achten, anschließend auf die richtige Länge kürzen. Dann werden die überstehenden  Netzstücke an den Knoten mit Lötkolben abgebrannt und glattgestrichen. Schließlich sind die Magnetverschlüsse dran, die die Bracenets so schnell erkennbar machen. Jedes Band wird einzeln von Hand darin eingefasst. 

Videos und Fotos von "Bracenet" zeigen, welch grausamen Schaden die alten Fischernetze in unseren Meeren anrichten. Zu sehen sind Delfine, Schildkröten, Robben und Wale, verfangen in schmuddeligen alten Netzen. Sie ersticken und verenden elendig.

"Bei diesen sogenannten 'Geisternetzen' handelt es sich um verlorene oder absichtlich versenkte Fischernetze, die in den Weltmeeren großen Schaden anrichten. 600 bis 800 Jahre lang wabern diese alten Netze durch unsere Meere, bis sie zu Mikrokunststoffen zerfallen", berichten die Gründer von Bracenet, Benjamin Wenke und Madeleine von Hohenthal, ein junges Paar aus Hamburg.

Jedes Jahr sterben mehrere Millionen Meeresbewohner, weil sie sich in diesen Geisternetzen verfangen.

Als ich mein erstes Bracenet in den Händen halte, bin ich superstolz. Ein Stück weniger Plastik im Meer, ein Netz weniger, das Meerestiere tötet und eines Tages zu Mikrokunststoffen zerfällt.

Die Giftstoffe aus diesen Kunststoffen schaden der ganzen Welt und der Gesundheit von uns Menschen. Sie stehen beispielweise im Verdacht Krebserkrankungen, Unfruchtbarkeit und komplizierte Schwangerschaften zu fördern.

Schick! So sieht ein fertiges "Bracenet" aus.

Die Idee dazu, die alten Fischernetze zu bergen und daraus Armbänder zu gestalten, entstand 2015 in einem Urlaub von Benjamin und Madeleine an der afrikanischen Ostküste. Die beiden waren mit dem Rucksack unterwegs, erkundeten die schöne Landschaft, schnorchelten und tauchten. Unter Wasser bekamen sie einen Schock: Über viele Kilometer hinweg zogen sich die alten Geisternetze, in denen sich Dutzende Meeresschildkröten und andere Tiere verfangen hatten.

Benjamin und Madeleine fingen an, die Netze einzusammeln und machten Fotos, mit denen sie auf das Problem aufmerksam machen wollten. Doch dann wurde ihnen klar, dass Fotos wahrscheinlich nicht reichen würden, um das Problem zu lösen. Sie wollten nachhaltig gegen die Geisternetze angehen und grübelten, wie sie das erreichen könnten. Schließlich kamen sie auf die Idee, die Netze zu zerschneiden und Armbänder daraus zu gestalten – das war der Start für "Bracenet".

Der Name entstand aus den englischen Worten für Armband, "bracelet", und "net" für Geisternetz. Auch den Slogan für "Bracenet" hatten Madeleine und Benjamin schnell im Kopf: "Save the seas. Wear a net."

Die Gründer von "Bracenet": Benjamin Wenke und Madeleine von Hohenthal.

Zu Beginn produzierten Madeleine und Benjamin die Armbänder noch neben ihren Jobs her in ihrem Gästezimmer. Benjamin arbeitete im Marketing, Madeleine als Art Buyerin. Doch die Nachfrage nach den Armbändern wurde immer größer. Bald half die ganze Familie dabei mit, die Bracenets zu basteln. Die Wohnung von Madeleine und Benjamin lag voller Fischernetze. Schließlich mussten die beiden sich entscheiden. Ihre alten Jobs waren mit dem Projekt "Bracenet" nicht mehr vereinbar. Also kündigten sie und investierten all ihr Geld, das sie eigentlich für eine Weltreise nach der Hochzeit gespart hatten, in ihre neue Firma. 

Heute ist "Bracenet" ein gut laufendes Start up-Unternehmen mit 23 Mitarbeitern. Die Bracenets kommen super an, immer mehr Leute wollen dieses Symbol für Meeresschutz tragen und so dabei helfen, die Ozeane zu schützen. Im Dezember 2018 bezog das "Bracenet"-Team das erste Büro, seit Juli 2019 befindet sich ihre Werkstatt in einem ehemaligen Künstleratelier in einem Hinterhof des Jungfernstiegs in Hamburg. 

Die Jobs bei "Bracenet" sind heiß begehrt. Projektmanagerin Maja (24), die erste Mitarbeiterin des Unternehmens, berichtet:

Ich wollte etwas mit Sinn machen, was später wirklich etwas bringt. Wenn ich jemanden mit einem Bracenet sehe, ist das supercool.

Auch Fertigungshelferin Caro (30) wollte einen Job mit Sinn: "Vorher habe ich in einem großen Konzern gearbeitet, aber das war nicht das Richtige für mich. Ich wollte 100 Prozent hinter meiner Arbeit stehen und einen Sinn darin sehen, wohinein ich meine wichtige Arbeitszeit stecke. Außerdem wollte ich gerne in einem kleinen Unternehmen arbeiten, in dem ich meine persönlichen Stärken einbringen kann. Das alles habe ich hier bei Bracenet."

Ein starkes Team: Hier zeigen alle Mitarbeiter von Bracenet ihre persönlichen Armbänder.

Projektmanager Boris (35) ein langjähriger Freund von Madeleine und Benjamin, der heute die Kooperationen von Bracenet mit Airlines und Sportvereinen koordiniert, denkt bei der Arbeit oft an seine zwei Kinder: "Die beiden haben ein großes Interesse an nachhaltigen Themen und ich möchte für meine Kinder ein Vorbild sein. Vielen Leuten ist nicht bewusst, was mit der Welt passiert. Wer sich einmal mit dem Thema Plastikverschmutzung befasst, wird alles mit anderen Augen sehen. Es ist großartig, mit den Bracenets etwas dagegen tun zu können". 

Schon mehr als vier Tonnen Geisternetze konnten bisher zu Armbändern verarbeitet werden. Unterstützt wird das Team von "Bracenet" dabei von den Meeresschutz-Organisationen "Healthy Seas" und "Ghost Fishing". Ehrenamtliche Taucher fahren immer wieder mit großen Schiffen aufs Meer hinaus, um weitere Netze zu bergen. Die Einsätze sind nicht ungefährlich, oft haben sich die alten Netze an Schiffswracks oder Riffen verfangen und müssen mit Messern losgeschnitten werden.

Anschließend werden die Netze von der norwegischen Firma "Nofir" gereinigt und schließlich in Deutschland von den "Bracenet"-Experten und mit der Unterstützung von Behindertenwerkstätten zu Armbändern verarbeitet. 

Jedes Bracenet kostet 19 Euro. Aus den Erlösen werden weitere Bergungsfahrten finanziert. Außerdem haben Madeleine und Benjamin ein System entwickelt, um Fischer dazu zu motivieren, ihre alten Netze nicht länger im Meer zu versenken. "Oftmals müssten die Fischer Geld bezahlen, um die Netze entsorgen zu lassen. Wenn die Fischer ihre Netze direkt an Bracenet weitergeben, bekommen sie dafür von uns eine Aufwandsentschädigung". Im "Netquarter" von Bracenet kann auch jeder andere, der ein Geisternetz beim Tauchen oder am Strand findet, dieses Bracenet zur Übernahme anbieten. 

Madeleine und Benjamin beraten zu nachhaltiger Unternehmensgestaltung

Der Erfolg der "Bracenet"-Armbänder ist enorm – doch damit ist für Madeleine und Benjamin und ihr Team noch lange nicht Schluss. Sie entwickeln immer weiter neue Produkte aus den Netzen, wie zum Beispiel Schlüsselanhänger, Handyketten oder spezielle Bänder für Surfboards. Außerdem gibt es Hoodies und Beutel mit dem Bracenet-Logo. In Kooperation mit KangaROOS haben sie einen Turnschuh aus recycelten PET Flaschen gestaltet.

Für Madeleine und Benjamin hat sich der Fokus ihrer Arbeit inzwischen verschoben. Das Herzstück ihrer Arbeit ist natürlich die Leitung des Bracenet-Teams. Sie promoten das Unternehmen auf Veranstaltungen und erkunden regelmäßig auf Forschungsreisen den Umgang mit Fischernetzen in anderen Ländern, wie kürzlich auf den Galapagosinseln. Dort nehmen sie auch Kontakt zu Fischern auf und erzählen ihnen von den Möglichkeiten einer Bracenet-Kooperation. Doch inzwischen sind sie auch stark gefragte Speaker und Berater zum Thema nachhaltige Unternehmensgestaltung. "Durch unser Engagement sind wir mittlerweile Experten in den Bereichen Nachhaltigkeit, Umweltmanagement und Meeresschutz. In Vorträgen, Workshops, Seminaren und Podiumsdiskussionen geben wir regelmäßig unser Wissen weiter."

Außerdem versuchen sie immer gerne, ihre Kooperationspartner, wie etwa Festivalveranstalter, Sportvereine oder Airlines, die Bracenets in ihren Bordshops verkaufen, zu einer plastikfreien Gestaltung ihres Unternehmens zu motivieren. Mit Erfolg: Schon einige Airlines, so berichten Madeleine und Benjamin, haben auf Betreiben von Bracenet auf plastikfreien Bordbetrieb umgestellt. 

Partys ohne Plastik: So wird bei Bracenet gefeiert

Auch im Büro von Bracenet überlegen alle ständig, wie sie den Einsatz von Plastik in ihrem Leben reduzieren können. Erst kürzlich hat das Team eine komplett plastikfreie Party gefeiert. Selbst das Beer Pong-Spiel war aus nachhaltigem Material. 

Erschreckend: So viel Plastik nehmen wir jede Woche zu uns!

Doch trotz der beeindruckenden Erfolgsgeschichte von Bracenet habe ich am Ende meines Besuches Zweifel. So viele Menschen geben so viel, um gegen das Plastik in unserer Welt anzugehen. Doch die Müllmengen weltweit sind gigantisch und ein Ende der Plastikproduktion nicht absehbar. Jährlich werden weltweit 400 Millionen Tonnen Plastik hergestellt, lese ich im Plastikatlas 2019 der Heinrich Böll Stiftung, den mir Boris in die Hand gedrückt hat. Millionen Tonnen Kunststoff gelangen jedes Jahr in die Ozeane. Darum frage ich Gründer Benjamin am Abend:

Bei all dem Müll auf der Welt und in den Meeren – verliert man da nicht manchmal den Glauben daran, dass unsere Welt noch zu retten ist?

"Nein", antwortet er mir, "sonst würden wir nicht immer weiter machen. Der Klimawandel ist real, die Meere verändern sich, Gletscher verschwinden, Tiere sterben aus. Wir wollen weiterhin alles uns Mögliche tun, um diese Entwicklung aufzuhalten". Jedes Bracenet ist also ein Stück Hoffnung und Glauben an die Zukunft.

Wo du ein Bracenet bekommen kannst

Viele weitere Infos zu Bracenet und einen Online-Shop findest du auf der Internetseite bracenet.net. Außerdem werden die Armbänder beispielsweise in Surf- und Skateshops, bei Juwelieren, Messen und Festivals verkauft. 

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