Hohe Absätze: Nicht sexy, sondern schmerzhaft

Gar nicht sexy: Wir haben uns lange genug mit steilen Absätzen abgemüht, findet BRIGITTE-Redakteurin Christine Hohwieler. Sie hat beschlossen, sich zu renaturieren.

Die Menschen sprechen schlecht über den Hallux valgus. Ich kann das verstehen, hübsch ist es nicht, wenn man irgendwann eine schief stehende große Zehe und eine rote Beule am Fuß hat. Außerdem tut es weh. In meinem Fall hat das dazu geführt, dass ich seit einem Jahr keine hohen Schuhe mehr trage, was ich kurzzeitig als schrecklichen Verlust empfand. Aber da ich mich vor einigen Monaten dazu entschlossen habe, unsexy zu werden, kann ich mittlerweile sagen: Danke, lieber Hallux, danke, dass du mich befreit hast von der täglichen Aufgabe, mit gequetschten Zehen meines Wedges zu gehen und dabei freundlich zu gucken.

Mit meiner neuen Haltung geht es mir besser, als ich erwartet habe. Wenn man als durchaus eitle Mitvierzigerin beschließt, das allgegenwärtige Gebot zur Sexyness zu boykottieren, stellt sich als Nächstes die Frage: Werde ich ab jetzt die einzige Frau weit und breit sein, die so richtig nach nichts aussieht? Was meinen Auftritt ohne Absätze betrifft, hat mir die Begegnung mit einer klugen Sexualtherapeutin zu einer neuen Perspektive verholfen. Sie erklärte mir, dass eine Frau ihrer Meinung nach vor allem dann weiblich und anziehend wirke, wenn ihr Körper entspannt sei. Recht hat sie, sichtbar angespannte Frauen habe ich eher nicht so gern um mich. Leider hat der Körper auf hohen Absätzen aber nicht das Fitzelchen einer Chance, zu entspannen. Die Wadenmuskeln, der Po, der Beckenboden, Rücken und Schultern - alles stramm und unter Spannung (logisch, deshalb ziehen wir das Zeug ja an). Und ohne Absatz: alles lockerer, leichter Gang, schwingende Hüften, keine Angst, sich beim nächsten Schritt vor der Zeit einen Oberschenkelhalsbruch zuzuziehen. Sexy? Bäh, nein, das wollen wir ja nicht mehr. Aber auf eine lässige Art erotisch - darüber lasse ich mit mir reden.

Frauen neigen ja zu der Behauptung, sie würden den ganzen schmerzhaften Styling-Zauber für niemand anderen als nur für sich selbst betreiben. Egal, ob wir unser zart beulendes Bindegewebe in Röhrenjeans oder Shapewear stopfen, Schaumstoffpanzer mit Metallbügeln um unsere Brüste schnallen oder eben acht Zentimeter Absatz zwischen unsere Fersen und den Boden klemmen - finden wir schön, fühlen wir uns gut drin, zwingt uns ja keiner zu, was soll sein? Deshalb gibt es auch so viele Frauen, die, wenn sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen, als Erstes ihre Stiefel von den Füßen und die Tasche in die Ecke schleudern, um dann wohlig seufzend in ein Paar steile Riemchenpumps zu schlüpfen. Auch glaube ich ganz sicher, dass hochhackige Schuhe ihren Herstellern und interessierten männlichen Passanten ungetrübte Freude bescheren. Mir leider nicht.

Christine Hohwieler

Inzwischen habe ich sogar ohne Absätze die Größe, einzuräumen, dass ich nur deshalb 30 Jahre lang fast ausschließlich Highheels getragen habe, weil ich meine Beine nicht optimal und einzig auf hohen Schuhen erträglich fand. Jetzt sind meine Schuhe flach, meine Beine suboptimal, und ich finde alles super. Letzten Sommer erkor ich ein knöchellanges knallbuntes Kleid mit grafischem Muster und flache silberne Sandalen zu meinem Lieblings-Outfit. Wenn ich darin im Viertel unterwegs war, fühlte ich mich jedes Mal wie eine ägyptische Prinzessin - eine bemerkenswert schöne Erfahrung für eine berufstätige Mutter, die noch schnell was fürs Abendessen und eine Packung Kleintierstreu besorgen muss. Davon will ich mehr. Mehr lange, schmale Kleider und weiche Hosen und bunte Farben und tolle flache Stiefel und mehr vom Gefühl, schön zu sein, auch ohne Quetschungen. Ich werde investieren müssen. Sexy bleiben wäre dagegen billig.

Text: Christine Hohwieler BRIGITTE 01/13
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