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Diagnose Brustkrebs – und jetzt? Diese App soll betroffene Frauen auf ihrem Weg stärken

Stephanie Neumann beim Yoga am Strand.
Stephanie Neumann beim Yoga am Strand.
© Stephanie Neumann
Diagnose: Brustkrebs. Da sind sie, die Worte, die keine Frau in ihrem Leben hören möchte. Sind sie erst einmal ausgesprochen, dreht sich das Rad immer schneller an: hier eine Blutuntersuchung, da eine Biopsie, dann die Chemotherapie. Um Frauen dabei zu helfen, sich selbst nicht zu verlieren, hat Stephanie Neumann die App "Happie Haus" entwickelt.

Stephanie Neumann ist die Lebensfreude in Person, sie strahlt in die Kamera und redet offen über ihre eigene Geschichte. Doch dieses Strahlen war nicht immer da. Mit 43 bekam sie die Diagnose Brustkrebs.

Die App "Happie Haus" soll Brustkrebspatient:innen bei ihrer Therapie begleiten

Stephanie ist tapfer durch schwere Zeiten gegangen, hat sich die Haare abrasiert, alle Untersuchungen und Therapien über sich ergehen lassen, um sich am Ende dann von ihrer Brust verabschieden zu müssen. Sie lag weinend am Boden und ging mit Kampfgeist voran. Eine Berg- und Talfahrt.

Mit ihrer App "Happie Haus" möchte sie betroffenen Frauen helfen, Klarheit und Halt zu finden, und steht so als treue Freundin mit Rat und Tat therapiebegleitend zur Seite.

Brigitte: Wann hat Ihre Geschichte angefangen?

Stephanie Neumann: Meine Geschichte beginnt Ende 2017. Ich habe mich früher nie abgetastet und bin wie wahrscheinlich viele einfach nur einmal im Jahr zur Vorsorge gegangen – ich fühlte mich ja gesund. Ich habe dann irgendwann beim Duschen oder Eincremen etwas gespürt, was da nicht hingehörte.

Haben Sie das dann gleich untersuchen lassen?

Ich habe das eher vor mir hergeschoben. Und dann hatte ich Ende des Jahres, tatsächlich am Freitag vor Silvester, auf den letzten Drücker noch einen Vorsorgetermin. Mein Arzt sagte mir: Da ist wirklich etwas, gehen Sie bitte jetzt gleich in diese onkologische Praxis.

Sind Sie dann kurz vor Silvester noch zum Onkologen?

Ja, tatsächlich haben die mich noch direkt drangenommen. Nach erneutem Abtasten und einem Ultraschall sagte mir der Arzt aber, es sei alles okay, ich solle wiederkommen, wenn sich was verändert, und auf jeden Fall in drei Monaten noch mal einen Termin machen. Ich bin dann gut gelaunt nach Hause gegangen und habe Silvester gefeiert.

Aber damit war es nicht zu Ende.

Nein, ich hatte dann irgendwann ein komisches Gefühl, weil ich den Knoten jetzt sogar im Stehen durch einen dicken Pulli ertasten konnte. Ich habe dann an einem Montag bei dem Arzt angerufen, am Donnerstag hatte ich den Termin zur Biopsie, und am Freitag bekam ich die Diagnose Brustkrebs mit einer großen Entschuldigung. Mein Onkologe hat gesagt, dass es ihm total leid tue, der Knoten sitze so tief, er habe ihn nicht gesehen. Zwischen dem ersten Termin und der Diagnose lag knapp ein Monat.

Wie ging es dann nach der Diagnose weiter?

Ich hatte ein einstündiges Gespräch mit meinem Onkologen. Ich war wie in einer merkwürdigen Blase. Einerseits war ich total klar, andererseits aber überhaupt nicht. An vieles von dem, was er mir damals erklärt hat, kann ich mich nicht erinnern. Es sind nur Fetzen übrig geblieben. Und dann gab es da noch die eine wichtige Frage.

Welche war das?

Die Kinderfrage. Ich war damals 43 Jahre alt, hatte keine Kinder, hätte aber gerne noch welche gehabt. Die Frage war jetzt: Eizellen einfrieren oder nicht?

Wie ist die Entscheidung ausgefallen?

Das war total schwierig. Ich war 43, hatte Krebs, jetzt noch eine Hormontherapie für die Entnahme starten, um möglicherweise noch ein Kind zu bekommen, wo ich doch eh schon auf den letzten Drücker bin. Es war eine harte Entscheidung, aber ich habe mich dagegen entschieden. Ich wollte gesund werden.

Mit den Therapien beginnt der Körper sich zu verändern. Wie war das für Sie?

Ich bin mit 46 quasi durch mit den Wechseljahren. Durch die Chemo- und die aktuelle Antihormontherapie wurde mein Körper bereits in die Menopause geschickt. Die Antihormontherapie bringt auch einige Nebenwirkungen wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und auch depressive Phasen mit sich. Viele brechen die Therapie ab. Ich war auch kurz davor, bis ich gesehen habe, wie hoch die Rückfallquote ist.

Gab es neben der Chemo und den Hormonhemmern noch andere Therapien?

Ich bekam außerdem insgesamt anderthalb Jahre Antikörper. Und bei mir wurde eine Mastektomie durchgeführt. Für mich persönlich war Letztere die Hölle. Ich war immer zufrieden mit meinem Körper, habe mich aber am Ende für die Brustentfernung entschieden. Meine Brust wurde dann mit einem Implantat gleich wieder aufgebaut. Und jetzt ist die neue Brust straff, prall und proper, und die andere ist nun mal so, wie das Gewebe mit 46 ist. Der Arzt wollte dann die andere Seite auch liften. Für mich kam das aber absolut gar nicht infrage.

Wussten Sie von Anfang an, dass Ihnen die Brust abgenommen wird?

Nein, das kam erst nach einer weiteren Biopsie raus, nachdem ich schon eine dreimonatige Chemotherapie hinter mir hatte. Wir haben es dann zusätzlich noch mit einer stärkeren Chemo probiert. Ich hatte stark abgenommen, war sehr schwach und mental am Boden. Die Chemo haben wir dann abgebrochen, und die OP stand bevor. Ich habe lange geweint. Man muss sich auch im Klaren sein, dass es keine Schönheits-OP ist.

Was meinen Sie damit?

Der Schnitt ist nicht unter der Brust versteckt. Bei mir wurde die Brustwarze abgenommen, dann ein Schnitt links und rechts, um alles an Gewebe zu entfernen. Implantat rein und alles wieder zunähen. Meine Brustwarze ist zwar wieder durchblutet, aber komplett taub.

Haben Sie ihre neue Brust jetzt angenommen?

Ich bin mittlerweile im Reinen mit ihr. Es ist aber ein Fremdkörper. Auch jetzt fühlt es sich noch anders an, wenn mich jemand anstößt. Man spürt einfach diesen Gegenstand, der in einem ist. Ich bin am Anfang innerlich zusammengezuckt, wenn meine geliebte Nichte mir um den Hals gesprungen ist, weil sich das Implantat komisch anfühlte. Das hat mittlerweile etwas nachgelassen. Ich versuche, ein freundliches Verhältnis zu meinem Implantat zu haben, lege die Hände drauf und stelle mir vor, dass alles gut anwächst.

Sie sind diesen Weg gegangen und haben am Anfang schon gesagt, dass nach der Diagnose alles so schnell ging. Jetzt haben Sie eine App entwickelt, die Frauen zusätzlich zu ihrer medizinischen Therapie begleiten kann diese Zeit durchzustehen. Woher kam diese Idee?

Ich hatte in der Zeit eine tolle Psychoonkologin, die nebenher auch Yogaklassen mit Betroffenen anbot. Ich war zu diesem Zeitpunkt selbst schon begeisterte Yogini. Nach meiner Genesung absolvierte ich eine Yoga-Lehrerinnen-Ausbildung, und während Corona machte ich eine Zusatzausbildung für Yoga bei Krebs. Meine eigentliche Idee war, Retreats für Krebspatient:innen an schönen Orten abzuhalten, was wegen Corona leider nicht ging. In dieser Zeit habe ich viel nachgedacht und meine Charity-Organisation "Yoga for Cancer" ins Leben gerufen, mit der wir Spenden für Krebsorganisationen sammeln. Zeitgleich habe ich angefangen, eigene Online-Yoga-Kurse zu geben, und war in diesem ganzen digitalen Thema schon drin. Ich habe einfach gemerkt, wie schön es ist, wenn man so viele Menschen auf der ganzen Welt erreichen kann.

Und wie kam es dann zur App?

Ich wollte etwas Ganzheitliches machen, etwas Sinnstiftendes. Ich habe dann eine Bekannte getroffen, die gerade ein Founders Hub zusammen mit anderen gegründet hatte und mir sagte: Wenn du eine Idee für ein digitales Produkt hast, dann komm zu mir. Und da war der Gedanke an eine App das erste Mal in meinem Kopf. Im Krankenhausbett ging die Reise los, und dann kamen immer mehr kleine Teile hinzu, bis sich dann die App-Idee "Happie Haus" daraus entwickelte. Zwischen der ersten Idee und dem jetzigen Produkt lagen zwei Jahre.

Was macht die App denn jetzt aus?

Wir möchten ein Wellbeing-Angebot schaffen, und das puzzelt sich aus alldem zusammen, was wir uns in Absprache mit unseren Experten als sinnvoll und hilfreich erarbeitet haben. Eines sollte man aber bedenken: Diese Zeit soll dadurch nicht schöngeredet werden, es ist eine schwere Krankheit, und man liegt teilweise heulend auf dem Boden und denkt, man kommt nicht mehr hoch. Aber trotzdem kann man auch diese Zeit lebenswerter machen. Wir wollen, dass die Frauen sich insgesamt besser fühlen können. Ganz wichtig ist aber: Wer unsere App nutzt, bekommt ein ergänzendes Angebot, um sich selbst besser zu fühlen. Es geht uns nicht um ärztlichen Rat oder sogar das Ersetzen von Therapien, sondern um therapiebegleitende Unterstützung.

Was können Frauen aus der App mitnehmen?

Wir haben verschiedene Bereiche, einer ist mit kleinen kurzen Videos, die Lifehacks zeigen wie: Diese Massage hilft bei Hitzewallungen oder: Wie wickle ich einen Turban? Dann haben wir Tipps, das sind Info-Slides, in denen wir Aufklärungsarbeit leisten, also: Was ist eine Chemotherapie? Oder: Welche Operationsarten gibt es eigentlich? Aber auch: Was ist eine gute Lunchbox für den Chemo-Tag? Das machen wir zusammen mit unseren Experten. Und die große Besonderheit sind unsere Live-Sessions. Diese kann man zum Grundangebot hinzubuchen. Zum Beispiel Kochkurse, Schminkkurse, Yoga oder Meditationen.

Was ist für Sie das Besondere an "Happie Haus", das Ihnen selbst in der Zeit gefehlt hat?

Wenn du die Diagnose bekommst, dann bist du in einem Hamsterrad und wirst von A nach B geschickt – da Blutabnehmen, dort CT, hier die Chemo. Man verliert quasi die Kontrolle über sein eigenes Leben und verfällt in eine passive Rolle. Und was unser Angebot macht, ist, dass man aus dieser passiven Rolle rauskommt und aktiv was tut. Ich sitze nicht nur da und überlasse es den Ärzten und Medikamenten, sondern ich kann rausgehen und mir was Gutes tun, zum Beispiel mit gesundem Essen. Und dann legt sich ein Schalter um, raus aus der Opferhaltung. Egal was man tut, man fühlt sich einfach besser.

Verwendete Quelle: Interview mit Stephanie Neumann

Brigitte

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