Buket Alakus: "Die Deutschen haben Probleme mit Tragikomödien"

Die deutsch-türkische Regisseurin zeigt mit ihren Filmen, wie stark Frauen sind. Am Dienstag erhielt sie den niedersächsischen FrauenMedienPreis. Ein Porträt.

Buket Alakus

In ihrem Kinofilm "Die andere Liga" die 36-Jährige die Geschichte einer jungen deutsch-türkischen Fußballerin, die unerwartet an Brustkrebs erkrankt. Konfrontiert mit dem Tod, erkämpft sie sich gegen den Widerstand des Vaters ihren eigenen Weg zurück ins Leben. Die Jury des FrauenMedienPreises, zu der unter anderem BRIGITTE-Redakteurin Silke Baumgarten und die Schauspielerin Carol Campbell gehörten, lobte, dass Alakus eine "wunderschöne, leichte Liebesgeschichte" gelungen sei, "tabulos, glaubwürdig und ausnahmslos hervorragend besetzt".

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Wie Buket Alakus das geschafft hat? Wir verraten es Ihnen. Sie ist ...

... ein Naturtalent: Zum Filmemachen kam Alakus eher zufällig. Nachdem die in Hamburg lebende Deutschtürkin ihr Studium der Kommunikationswissenschaften abgeschlossen hatte, entdeckte sie einen Aushang des Hamburger Filmstudiengangs von Hark Bohm. "Ich wusste damals nicht mal, wie Regie geschrieben wird." Dennoch habe sie sich spontan angemeldet. Eine gute Idee: "Noch während der Aufnahmeprüfung wurde mir klar, dass ich das Richtige für mich gefunden hatte."

... angekommen: Geboren wurde Buket Alakus in Istanbul - doch zu Hause fühlt sie sich in Hamburg, wo sie seit frühester Kindheit lebt. "Meine Herkunft spielt für mich keine Rolle mehr." Es sei ihr daher auch bei ihrem Film wichtig gewesen, der Hauptfigur zwar einen türkischen Hintergrund zu geben, diesen aber nicht direkt zu thematisieren. "Es ist quasi eine Integrationsgeschichte in fortgeschrittenem Stadium." Dass derzeit eine ganze Reihe deutsch-türkischer Filmemacher und Schauspieler die Kinos erobert, ist für sie nicht verwunderlich. "Das ist die neue Generation, die in Deutschland groß geworden ist und dadurch ganz andere berufliche Möglichkeiten hat als ihre Eltern." Erfolgreiche Deutsch-Türken gebe es in allen Branchen - über die Künstler werde nur einfach mehr berichtet.

... eigensinnig: Als Buket Alakus beschloss, einen Film über eine krebskranke Fußballerin zu machen, stieß sie auf allgemeines Unverständnis. "Fußball meets Brustkrebs - das hielten viele für eine unmögliche Kombination", erzählt sie. Doch die 36-Jährige ließ sich nicht beirren. "Für mich passte das sehr gut zusammen - die Bedrohung durch die Krankheit auf der einen und die intensive Energie des Sports auf der anderen Seite." Zusammen mit dem Drehbuchautor Jan Berger schrieb die Deutsch-Türkin die Geschichte auf und zog 2005 mit minimalem Budget die Dreharbeiten in Hamburg durch. Pünktlich zum WM-Jahr erschien "Die andere Liga", ihr zweiter Spielfilm, in den Kinos.

Karoline Herfurth spielt die krebskranke Hayat in "Die andere Liga"

... bei Kritik und Publikum gleichermaßen geschätzt: Die Resonanz war enorm. Für BRIGITTE-Rezensentin Sabine Groß war Alakus' Film schlicht "Champions-League-reif", der Spiegel war begeistert von "den scheuesten und zugleich schönsten Erotikszenen, die man seit langem gesehen hat". Dazu hagelte es Preise bei verschiedenen Filmfesten. Am meisten freute sich Alakus aber über das Lob von 500 an Brustkrebs erkrankten Frauen, denen sie den Film in einer Sondervorstellung zeigte. "Ich war extrem nervös, schließlich ist mein Film nur Fiktion, während die Krankheit für diese Frauen real ist." Doch ihre Angst war unbegründet. "Viele Zuschauer dachten sogar, dass unsere Hauptdarstellerin Karoline Herfurth wirklich Krebs habe, so echt kam ihre Darstellung rüber."

... kritisch: Die Idee zu ihrem Film kam der Regisseurin im Wartezimmer ihres Zahnarztes. "Ich las einen Bericht über ein junges Mädchen, das durch den Krebs eine Brust verloren hatte und dies vor ihrer Umwelt geheim hielt. Immer wenn sich eine Beziehung zu einem Mann anbahnte, machte sie einen Rückzieher", erzählt Alakus. Dieses Schicksal habe sie nicht mehr losgelassen. "Heute redet man mehr über Schönheits-OPs als über das Leid, das eine solche Krankheit mit sich bringt." Von Frauen werde erwartet, perfekt zu sein, und das mache es gerade Teenagern schwer, äußerliche Makel zu akzeptieren. Alakus spricht aus Erfahrung: "Seit einem schweren Autounfall habe ich eine Narbe in meinem Gesicht. Als Jugendliche habe ich mich oft dafür geschämt - man will in dem Alter nicht auffallen."

... offen fürs Tragikomische: Lachen und Weinen liegen in Buket Alakus' Werken stets nah beieinander. "So ist nun mal das Leben - mal scheint die Sonne, mal regnet es", sagt sie. Gerade bei schweren Themen sei es ihr wichtig, dass die Lebensfreude nicht zu kurz komme. "Leider hat das deutsche Publikum Probleme mit Tragikomödien." Die Mehrheit der Zuschauer bevorzuge eine Trennung der beiden Genres. "Bei Tragikomödien haben sie Angst, dass es frustrierend wird." Ihren eigenen Humor beschreibt Alakus als sehr kindlich. "Den Film 'Ein Fisch namens Wanda' habe ich schon tausend Mal gesehen - und kann mich immer noch kaputtlachen."

... neugierig: Alakus genießt es, dass sich für sie mit jedem Film "eine ganz neue Welt öffnet". So habe sie vor "Die andere Liga" keine Ahnung von Fußball gehabt. Ihr Interesse wurde erst geweckt, als sie beim Training ihrer Schauspielerinnen mitmachte. "Dabei sind türkische Frauen sehr fußballbegeistert - meine Tante hat sich sogar geweigert zu kochen, wenn ihr Lieblingsverein verlor!" Inzwischen sieht sich die Nichte selbst Spiele im Fernsehen an. "Die Frauenfußball-WM habe ich natürlich intensiv verfolgt", sagt sie. "Toll, was das deutsche Team leistet!"

... ehrgeizig: Für das nächste Jahr hat Buket Alakus große Pläne. "Ich würde mir gerne einen Traum erfüllen und einen Tatort drehen", verrät sie. "Am liebsten mit Axel Milberg, das ist mein Lieblingskommissar."

Text: Michèle Rothenberg

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