Bumble: Bei dieser Dating-App gibt's keine Penisbilder!

Whitney Wolfe hat Tinder mitgegründet, sich dann aber mit der Firma überworfen – wegen sexueller Belästigung. Jetzt mischt sie die Branche mit ihrer Dating-Plattform Bumble auf.

Bumble, die Anti-Macho-App

Manchmal im Leben braucht es einen ziemlich brutalen Schubs, damit man auf dem Weg landet, den man eigentlich gehen will.

2013 war Whitney Wolfe ein Starlet der Silicon-Valley- Szene. Sie hat Tinder mitentwickelt, jene Dating-App, die das Flirt-Verhalten einer ganzen Generation veränderte. Unkomplizierter und schneller ist das Kennenlernen seither geworden.

Aber manchmal auch frustrierend, finden vor allem Frauen. Weil es vielen Männern auf Tinder oft nur um schnellen Sex geht und man als Frau von anzüglichen Nachrichten und Fotos förmlich überflutet wird.

Vier Jahre später ist Wolfe, 27, Chefin ihres eigenen Unternehmens – und verkauft das Gegenprogramm zu ihrem einstigen Erfolgsprodukt: Auch "Bumble" ist eine Dating-App, bei der man durch Wischen nach rechts oder links binnen Sekunden entscheidet, ob man jemanden spannend findet. Doch nur die Frauen können den ersten Schritt machen, sprich: die Männer anschreiben.

Wer pöbelt, fliegt raus

Aufdringliche Sprüche und Penisbilder sollen so verschwinden, die Frauen selbstbewusster, die Männer höflicher, die Beziehungen gleichberechtigter werden. Wer pöbelt, wird der Plattform verwiesen. Zumindest in Amerika, wo Frauen beim Dating sonst eine eher passive Rolle zugewiesen wird, ist Bumble eine der beliebtesten Dating-Apps, 12,5 Millionen nutzen sie weltweit, bei Tinder sind es laut Schätzungen 50 Millionen. Doch Wolfe will noch mehr.

Sie sitzt an diesem Vormittag etwas erschöpft in der Lobby eines Berliner Luxushotels. Über Nacht hat sie ein grippaler Infekt erwischt, ihre Stimme klingt kratzig. Doch Wolfe lächelt tapfer, erzählt, gestikuliert. Und guckt einen zwischendrin immer wieder prüfend an, als wolle sie sicherstellen, dass man auch alles richtig verstanden hat.

Sie will Bumble, dessen deutsche Version man seit 2015 herunterladen kann, in Europa bekannter machen, auch, weil sie darin etwas viel Größeres sieht. Und wenn sie so darüber spricht, wortreich und konzentriert, ahnt man, dass dahinter mehr steckt als nur eine Marketingstrategie.

Bumble soll eine Bewegung werden

Bumble solle eine Bewegung werden, sagt Whitney Wolfe. "Denn wenn Frauen in irgendeinem Bereich ihres Lebens von der Gnade der Männer abhängig sind, ist das nicht gut. Dann muss man das ändern."

Wie kommt eine ehemalige Tinder-Mitarbeiterin zu dieser Erkenntnis? Whitney Wolfe ist in Salt Lake City aufgewachsen, einer ziemlich konservativen Stadt am Rand der Rocky Mountains. Der Vater arbeitet in der Immobilienbranche, die Mutter kümmert sich um den Haushalt. Die sittenstrenge Umgebung habe sie geprägt, sagt Wolfe: "Das Leben dort ist wie ein Disney-Film: Gut und böse, die Rollen von Frauen und Männern – alles ist klar definiert. Dass Frauen irgendwann mal heiraten, Kinder kriegen und Hausfrau werden, erschien mir als Mädchen quasi zwingend."

Wolfe ist keine Rebellin, "dazu bin ich viel zu ängstlich". Doch dass ein Leben nach den Maßstäben von Salt Lake City vermutlich recht öde werden würde, dämmert ihr bald. Während ihrer Highschool-Zeit verbringt sie mit ihrer Familie ein Jahr in Paris, freundet sich mit Teenagern aus Afrika, Europa und Australien an. "Ich konnte gar nicht fassen, wie bunt die Welt eigentlich war."

Mit 17 schreibt sie sich an der Southern Methodist University in Dallas für Internationale Studien ein, nebenbei probiert sie sich aus: Sie gründet ein Social-Start-up, das zugunsten der Opfer der BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko Stofftaschen designt, reist durch Asien, spielt mit dem Gedanken, Fotografin zu werden. Doch sie hat kein Geld. Also zieht sie nach ihrem Abschluss zu ihrer – inzwischen geschiedenen – Mutter nach Kalifornien, geht auf Jobsuche und ergattert per Zufall im Frühjahr 2012 eine Stelle in einer Start-up-Schmiede.

Auch im Silicon Valley bestimmen die Männer den Ton

Die Tech-Szene, in die sie dadurch rutscht, gibt sich nach außen gern progressiv: Man will Kolonien im Weltraum gründen, tüftelt an Robotern und selbst fahrenden Autos.

Was die Rollen von Männern und Frauen angeht, ist das Silicon Valley der Welt von Salt Lake City aber recht ähnlich: Auch hier bestimmen die Männer den Ton und die Richtung. Frauen haben höchstens in der Marketingabteilung etwas zu melden.

Wolfe gefällt ihr Job im Vertriebsteam trotzdem. Die Mannschaft ist jung, sie arbeiten viel, entwickeln schließlich Tinder. Im Herbst 2012 geht die App an den Start – und sofort durch die Decke, auch dank Wolfes Idee, sie über die Studentenverbindungen an den Unis bekannt zu machen.

Sie wird zur Vize-Marketing-Leiterin befördert, darf sich Mitgründerin nennen. Doch dann hat sie 2013 eine kurze Beziehung mit dem Marketing-Chef. Als das Paar sich trennt, beschimpft er sie per SMS und vor Kollegen als "Schlampe" und "Hure".

Als Wolfe sich deswegen an Tinder-Chef Sean Rad wendet, tut der ihre Beschwerden als „übertrieben“ ab, droht, ihr zu kündigen, falls sie und ihr Kollege – der pikanterweise zugleich sein bester Kumpel ist – sich nicht einigen. Wolfe kündigt schließlich selbst. Und verklagt kurz darauf Tinder wegen sexueller Belästigung und Diskriminierung.

Schlüpfrige Sprüche gehören dazu

Dass in der IT-Szene immer wieder Frauen gemobbt und belästigt werden, ist zwar bekannt; in einer Umfrage unter Tech-Frauen im Silicon Valley von 2015 gaben 60 Prozent an, sich schon mal sexuell belästigt gefühlt zu haben, 90 Prozent berichteten von schlüpfrigen Sprüchen der Kollegen. Doch das eigene Unternehmen vor Gericht zu bringen, trauten sich lange nur wenige.

Nach Bekanntwerden von Wolfes Klage wühlen sich Social-Media-Nutzer und Journalisten genüsslich durch die Details. Speziell zu Wolfe hat jeder sofort eine Meinung: Sie wird als sexbesessene und geldgierige Intrigantin beschimpft, als Heldin verklärt, als Opfer bemitleidet. "Keiner, der über mich schrieb, hat mit mir gesprochen", sagt Wolfe. "Trotzdem wurden intimste Dinge über mich behauptet. Es war ekelhaft."

Sie klingt noch immer fassungslos, wenn sie davon erzählt, das Geschäftsfrauenlächeln ist in diesem Moment weg, sie wirkt jetzt sehr jung und verletzlich. "Ich wünsche mir so sehr, dass diese dummen Artikel irgendwann vergessen sind", sagt sie. "Dass die Leute nicht mehr sofort daran denken, wenn sie meinen Namen hören. Das soll einfach nicht meine Geschichte sein, meine Geschichte ist jetzt Bumble."

Der Medienrummel macht ihr Angst. Sie fühlt sich gejagt, verkriecht sich. Nach zwei Monaten einigt sie sich mit Tinder außergerichtlich: Sie bekommt kein Schuldeingeständnis, aber eine Million Dollar. Beide Parteien vereinbaren, in der Öffentlichkeit künftig nicht schlecht übereinander zu sprechen.

Wolfe macht Frauen zu Jägerinnen, nicht zu Gejagten

Im Sommer 2014 hat sie eine Million Dollar, keinen Job und keine Lust mehr auf Macho-Kollegen. Sie überlegt, eine soziale Plattform nur für Frauen aufzubauen, als freundliche Gegenwelt zur Wildwestatmosphäre des Internets, in der man sich gegenseitig stärkt.

Da meldet sich ein Investor, den sie aus ihrer Tinder-Zeit kennt. "Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, eine neue Dating-App zu entwickeln", erzählt Wolfe. "Er würde jede Idee unterstützen."

Sie ergreift die Chance. Eigentlich will sie mit der Dating-Branche nichts mehr zu tun haben, allerdings könnte sie einfach die Regeln umdrehen. Bei Tinder hat sie erlebt, wie man mit einer App das Verhalten von Millionen verändert. Das will sie wiederholen – aber in die andere Richtung. Wenn sie die Frauen von den Gejagten zu den Jägerinnen macht, würde das die Dynamik des Flirtens nicht ändern?

Im Dezember 2014 startet sie Bumble. Die App ist kein Sozialunternehmen, Wolfes oberstes Ziel ist es, damit Geld zu verdienen, und das tut sie dank kostenpflichtiger Premiumfunktionen – etwa einer Verlängerung des Zeitfensters zur Kontaktaufnahme – inzwischen auch ordentlich. Trotzdem vermittelt sie mit Bumble auch eine Botschaft: Was Männer können, können Frauen schon lange.

Zur Gründung der Firma ist sie nach Austin, Texas gezogen, viele ihrer Studienfreunde leben dort, auch ihr Freund, Michael Herd, Erbe einer Ölfirma. Während ihrer Zeit bei Tinder hatten die beiden sich im Skiurlaub kennengelernt, wer damals den ersten Schritt gemacht habe, wisse sie gar nicht mehr, sagt Wolfe und grinst: "Wir waren es wohl beide." Im Sommer haben sie sich verlobt, jetzt wollen sie eine Familie gründen.

"Ich mag es, die Kontrolle zu haben"

Sie wirkt wieder sehr souverän, wenn sie von Austin erzählt. Von den Hunden, die ihr Freund und sie haben, und den Abenden, die sie gern zu Hause verbringen. Von ihrem Team bei Bumble, das fast nur aus Frauen besteht, und ihren Plänen, aus der App ein Netzwerk wie Facebook zu machen. Man spürt, wie erleichtert sie ist, endlich wieder ein neues Thema in ihrem Leben zu haben, mit Regeln, die sie selber aufstellt. "Ich mag es, die Kontrolle zu haben", sagt sie und lächelt.

Hat sie die Tinder-Kollegen, gegen die sie 2014 geklagt hat, eigentlich seither noch mal getroffen? Nein, sagt Wolfe, und sie habe es auch nicht vor. "Aber ich wünsche ihnen, dass sie das Beste aus ihrem Leben machen."

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Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt
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