Helm-Kampagne: So sexistisch wirbt die Bundesregierung!

Sex sells! Diese Hoffnung hegt ausgerechnet der Verkehrsminister Andreas Scheuer, seines Zeichens CSU-Politiker. Eine neue Kampagne zum Tragen von Fahrradhelmen spaltet die Nation. Wie sexistisch darf Politik sein?

Am 22. März 2019 startete das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) zusammen mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) eine Kampagne zur Verkehrssicherheit beim Fahrradfahren. Speziell geht es um das Tragen von Helmen, das Leben retten soll. Allerdings tragen die wenigsten Menschen den entsprechenden Kopfschutz – allen voran junge FahrradfahrerInnen, die den Helm aus ästhetischen Gründen ablehnen.

Um genau diese Zielgruppe zu erreichen, setzte das Verkehrsministerium auf eine Kooperation mit der TV-Castingshow Germany's Next Topmodel (GNTM). Der Grund sind die Einschaltquoten: 1,78 Millionen ZuschauerInnen sind zwischen 14 und 49 Jahre alt – perfekt für die gut gemeinte Aktion!

So kam es, dass das die 18-jährige Alicija Köhler, GNTM-Kandidatin, sich für das begehrte Shooting für die Kampagne qualifizierte. So weit, so schlau. Das Verkehrsministerium postete auf Twitter ein Video zur Kampagne:

Helm-Kampagne ohne Fahrrad, aber mit viel nackter Haut

Diese Kampagne hat nun mehr Menschen erreicht, als überhaupt erhofft. Grund dafür ist allerdings nicht etwa die Verkehrssicherheit, sondern eine entfachte Sexismus-Diskussion. Denn die Models sind auf den Plakaten nicht auf einem Fahrrad zu sehen, sondern z.B. im Bett. Nur mit Unterwäsche und einem Helm bekleidet.

Dazu der Slogan: "Looks like shit. But saves my life." (dt.: Sieht scheiße aus, rettet aber mein Leben). Statt über die Verkehrssicherheit auf dem Rad wird nun über Sexismus in der Politik diskutiert: Darf man das? Oder besser gefragt: Darf eine politische Kampagne Sexismus nutzen, um möglichst viele Menschen zu erreichen?

Sowohl zahlreiche Medien, als auch aufgebrachte BürgerInnen machen ihrer Wut über die Art der Kampagne auf Twitter Luft. "Überzeugende Kampagne oder Sexismus?" fragt etwa das ZDF. Eine Frau schreibt: "Sexistische Helmkampagne rettet keine Leben, Andi Scheuer. Sichere Radinfrastruktur und Tempolimit aber schon!"

Neben der sachlichen Kritik steht auch die moralische Frage im Fokus: Darf Werbung sexistisch sein, wenn sich dahinter ein "guter Zweck" verbirgt? Oder anders gefragt: Rechtfertigt der gute Zweck der Kampagne, möglichst vielen Leuten das Leben zu retten, den sexistischen Weg dorthin?

Die Nation ist gespalten. Ein Twitterer schreibt etwa: "Politische Überkorrektheit darf nicht wichtiger sein, als Leben zu retten." Die Aufmerksamkeit, die diese Kampagne bekommt, ist schließlich von den Machern gewollt.

Zudem werden nicht nur Frauen in lasziver Pose mit Helm gezeigt, sondern auch Männer. Einige beruhigt diese Geschlechterausgeglichenheit. Andere wiederum stehen dazu, dass Sexismus in beide Richtungen falsch ist – weder Frauen noch Männer sollten als Sexobjekte dargestellt werden.

Aufmerksamkeit schlägt Sexismus

Das Verkehrsministerium hat sich inzwischen in die Debatte eingeklingt und erneut zu Wort gemeldet: "Auch wenn wir die Einwände von verschiedenen Seiten nachvollziehen können, stehen wir hinter den entstandenen Motiven. Sie erzeugen Aufmerksamkeit für unsere Aktion und können somit Leben retten."

Doch nicht alle Politiker unterstützen diese Einstellung ihrer Kollegen. SPD-Fraktionsvize Katja Mast kritisierte, die Aktion sei "peinlich, altbacken und sexistisch." Auch die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Josephine Ortleb, empörte sich über diese Kampagne. Es zeige, dass die Regierung eine Gleichstellungsstrategie benötige.

"Mit Helm geht auch angezogen!"

Auch die Grünen wollen die Kampagne in dieser Form nicht unterstützen. Der Grünen-Verkehrspolitiker Stefan Gelbhaar sagte gegenüber der Bild am Sonntag: "Statt auf sexistische Werbung ohne Wirkung zu setzen, sollte Scheuer endlich ernsthaft für die Verkehrssicherheit auf unseren Straßen sorgen."

Familienministerin Franziska Giffey (SPD) postete ein Foto von sich und ihrem Fahrrad – bekleidet und mit Helm. Ihr Kommentar: „Lieber Andreas Scheuer: MIT HELM GEHT AUCH ANGEZOGEN!“

Marion Jungbluth, Verkehrsexpertin beim Verbraucherzentrale Bundesverband twitterte: „Ich zieh sofort einen Helm an, wenn sich auch @AndiScheuer einen aufzieht und sich damit in der Unterbuxe abbilden lässt.“

Verkehrsminister Scheuer lässt die Kritik kalt. Kein Wunder, denn die Kampagne hat durch den hohen Diskussionsbedarf einen Rekord aufgestellt, wie Scheuer twittert: "Danke für die riesen Aufmerksamkeit – schon jetzt die erfolgreichste Verkehrssicherheitskampagne!"

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