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Unsere Serie zur Bundestagswahl – Teil 4 BRIGITTE-Redakteurin Kristina Maroldt über Frauen und Macht

Bundestagswahl 2021: Kristina Maroldt
Gerade in den nächsten vier Jahren fände es Kristina Maroldt wichtig, dass Frauen mitbestimmen
© David Maupilé
Frauen entscheiden die Wahl – aber wie steht es um die Themen, die für Frauen entscheidend sind? BRIGITTE-Redakteurin Kristina Maroldt schreibt darüber, was sich wirklich ändern muss, damit Frauen mehr Macht bekommen. 

Ich bin eigentlich kein Vereinsmensch, doch vor acht Jahren trat ich einem bei, der sich gerade gegründet hatte. "Pro Quote Medien" heißt er, sein Ziel damals: mindestens 30 Prozent Frauen in deutschen Chefredaktionen. Ach Gottchen, dachte ich, seid ihr bescheiden: 50 Prozent der Journalist*innen in Deutschland sind Frauen, 50 Prozent des Publikums sind Frauen – da wären doch mindestens 50 Prozent Chefinnen die logische Zielmarke, oder? Irrtum – weiß ich heute. Denn wenn es um Macht und Einfluss geht, können Logik und Vernunft leider einpacken. In Redaktionen ebenso wie in Parlamenten, Vorständen, Wissenschaftsakademien, kurz: überall, wo auch 2021 noch vornehmlich Männer sitzen, die sich meist noch von der Uni kennen.

Diverse Teams sind nachweislich erfolgreicher? Egal, die Wirtschaft brummt doch! Auf die Ideen von 50 Prozent der Bevölkerung zu verzichten ist ökonomischer und gesellschaftlicher Irrsinn? Wir wollen mal nicht übertreiben! Reine Männerrunden beschließen Studien zufolge seltener den Ausbau von Kitas, öffnen in Pandemiezeiten erfahrungsgemäß schneller Baumärkte als Schulen und sind mit schuld daran, dass Frauen als Probandinnen in medizinischen Studien skandalös unterrepräsentiert sind? Ja, sind wir jetzt alle Frauenfeinde, oder was?! Speziell wenn es um verbindliche Quoten geht, die zwar nicht besonders eleganten, aber eben immens wirksamen Vorschlaghämmer unter den Gleichstellungsinstrumenten, haben viele sofort Schaum vor dem Mund, siehe: das Gezerre um die kürzlich verabschiedete Vorstandsquote oder der Widerstand gegen Paritätsgesetze für Parlamente. Warum?

Ich glaube, Angst spielt eine große Rolle. Dass Privilegien geteilt werden müssen. Dass andere es leichter haben könnten als man selbst. Dass die eigene Karriere auf den letzten Metern doch noch gegen die Wand fährt. Überhaupt: dass sich etwas ändert! Diese Angst lässt erstarren – Gedanken und Machtverhältnisse. 91 Prozent der Bürgermeister*innen sind nach wie vor Männer, 83 Prozent der Dax-Vorstände, 68 Prozent der Bundestagsabgeordneten, 75 Prozent der Hochschulprofessor*innen – die Liste ließe sich lange weiterführen. Und das, obwohl Feminismus in den letzten Jahren zum Hipster-Accessoire geworden ist und „Female Empowerment“ zum Buzzword von CEOs und Parteifunktionär*innen.

... 32 % Frauen sitzen derzeit im Deutschen Bundestag, so wenig wie zuletzt 1998

Doch was mit großer Bugwelle getan wird, um Frauen nach vorn zu bringen, entpuppt sich oft als bequeme Nullnummer. Gönnerhaft verteilte Gendersternchen auf der Firmenwebsite katapultieren im Gegensatz zu verbindlichen Quoten keine einzige Frau in eine einflussreiche Position. Und Almosen wie Mütterrente oder Kinderboni zertrümmern keine der strukturellen Barrieren, die Frauen seit Jahrhunderten von den Kommandobrücken fernhalten: die ungleiche Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit, den Gender Pay Gap, die stereotypen Vorstellungen, wie „richtige“ Frauen und Männer zu sein haben. Um die wegzuräumen, braucht es Gesetze. Damit die kommen, braucht es Menschen, die sie durchboxen. Nur sitzen die, die den Wandel wollen, oft gar nicht in den Gremien, die ihn vorantreiben könnten. Angesichts der Mammutthemen der nächsten Jahre, bei denen gerade Frauen unbedingt mitentscheiden sollten – Klima! Rente! Corona! – finde ich die Wahlempfehlung von Jutta Allmendinger deshalb sehr plausibel.

Ein zweites Mittel, um die Machtverhältnisse zu ändern, könnte lauten: Finger in die Wunde und immer schön bohren. "Pro Quote Medien" hat es durch renitentes Aufzeigen des Frauenmangels geschafft, die Spitzen deutscher Medienhäuser deutlich weiblicher zu machen. Die Allbright-Stiftung leistet Ähnliches bei den Dax-Vorständen.

... 50% Frauen sollten sich nach % dem Thüringischen Paritätsgesetz künftig auf den Listen der Parteien bei den Landtagswahlen finden. Nach einer AfD-Klage wurde das Gesetz 2020 vom Landesverfassungsgericht gekippt

Die #ichwill-Aktivistinnen (zu denen auch Jutta Allmendinger gehört) konnten so die Vorstandsquote erkämpfen. "Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie alleine den Männern überlassen könnte", so brachte die SPD-Politikerin Käte Strobel die Lage auf den Punkt. Von 1969 bis 1972 war sie die einzige Frau im Kabinett von Willy Brandt. Wäre der 26. September da nicht eine fantastische Gelegenheit, die Sitze im Cockpit endlich ganz neu zu verteilen?

20/2021 Brigitte

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