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Unsere Serie zur Bundestagswahl – Teil 3 BRIGITTE-Redakteurin Alexandra Zykunov über die Lage von Müttern

Bundestagswahl 2021: Alexandra Zykunov
© Andreas Sibler
Frauen entscheiden die Wahl – aber wie steht es um die Themen, die für Frauen entscheidend sind? Was ist da in den letzten vier Jahren vorangegangen? Und wen müssen wir wählen, damit mehr passiert? Wir fragen Expertinnen – und lassen unsere Autorinnen zu Wort kommen, die sich immer wieder intensiv mit diesen Fragen beschäftigen.

"Die Politik scheißt auf Mütter, die Politik scheißt auf Frauen." Es waren diese Worte, die ich mitten in der Corona-Pandemie in einen Artikel schmetterte, der mir unzählige Nachrichten und Mails einbrachte. Mir schrieben Mütter, die mit postnatalen Depressionen ihr älteres Kind nicht in die Kita geben konnten, weil: "Sie sind doch eh mit Baby zu Hause". Frauen, die ihre eigenen Kinder im Jugendamt als "gefährdet" einstufen lassen mussten, um wenigstens so einen Notbetreuungsplatz zu bekommen.

Oder mich fragten, warum sich 25000 Fußballfans spuckend und grölend in den Armen liegen können, während Schwangere zwar auch liegen, dafür aber allein, stundenlang, bis der Mann zum Schluss in den Kreißsaal darf – d a r f ! Zur Geburt seines eigenen Kindes! Anders als "Scheiße" ließ sich die politische Ignoranz Familien, Eltern und Alleinerziehenden gegenüber in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht beschreiben.

Wo bleibt die Unterstützung?

"Uns droht ein kollektiver Mutter-Burnout", wird die renommierte Kinderärztin Karella Easwaran seit Monaten zitiert. Und trotzdem musste das Müttergenesungswerk seit Corona bei Jens Spahn (CDU) um finanzielle Unterstützung betteln. Alleinerziehende im Niedriglohn- und Minijobsektor wurden durch die Pandemie besonders hart getroffen. Und trotzdem wurden sie erst ab Monat drei nach Corona-Beginn in den erlesenen Kreis der Systemrelevanten aufgenommen. Und auch wenn dann irgendwann die Lohnfortzahlung von 67 Prozent für Mütter kam – die nicht an der Kasse sitzen und zeitgleich ihrem Kind am Telefon Multiplikation erklären konnten –, wurde diese Geldleistung von vielen Ein-Eltern-Familien gar nicht erst beantragt: Denn 33 Prozent weniger Lohn hätte einfach ganz konkret Existenznot bedeutet.

Also mussten Millionen Frauen weiterhin täglich etwas vereinbaren, das gar nicht zu vereinbaren ist: bis zu acht Stunden Erwerbsarbeit mit bis zu 16 Stunden Care-Arbeit. Schlaf nicht vorgesehen. Hartnäckig hielt sich zu dem Zeitpunkt das Zitat der damaligen Familienministerin Franziska Giffey (SPD), Homeschooling und Homeoffice "sei zwar anstrengend, aber möglich". Bis sie im Monat neun (!) der Pandemie dann doch zugeben musste: Oh nee, geht wohl doch nicht, der einstündige Call mit schreiendem Kind aufm Arm oder die Deadline, wenn sich daneben zwei Dreijährige mit einen Duplostein buchstäblich die Köpfe einschlagen. Und als sich im Spätsommer 2020 die Regierung endlich erbarmte, die abgesagten Jobaufträge, verlorenen Jobs und Extra-Kosten für Mittagessen, Schulmaterialien, Drucker und Laptops mit einem Kinderbonus von 300 Euro auszugleichen, wurden die Alleinerziehenden wieder bestraft.

Statt Hilfe unfaire Behandlung

Nicht nur, dass sie – gesunder Menschenverstand – eigentlich hätten mehr bekommen müssen als Paare mit doppeltem Einkommen. Nein, sie bekamen einfach mal die Hälfte! Hat der Ex-Partner nämlich Unterhalt gezahlt, stand ihm auch die Hälfte des Kinderbonus zu. Ist doch nur fair, könnte man jetzt meinen? Leider nein. Denn dass in neun von zehn Trennungen Kind und Kosten weit über den Unterhalt hinaus trotzdem bei Mama liegen, wurde dabei irgendwie vergessen. Was wir also brauchen, ist eine radikale Diskussion über finanziellen Ausgleich von Care-Arbeit, für die bevorstehenden CoronaWellen und über die Pandemie hinaus. Pflege und Erziehung geschehen aus Liebe, schon klar. Nur zahlt Liebe keine Miete. Keine Klassenfahrt. Keine Altersvorsorge.

Es braucht eine Steuerreform, die Alleinerziehende begünstigt und nicht bestraft. Warum wird zum Beispiel der Weg zur Arbeit von der Steuer abgesetzt, fragte neulich die Feministin Mareice Kaiser, der Weg zur Kita aber nicht? Und es muss in der Gesellschaft endlich ankommen, dass ohne (meist) Frauen, die zu Hause bleiben, (meist) Männer nicht hätten erwerbsarbeiten und all die Einnahmen erbringen können, die dieses Land zu der Wirtschaftsmacht gemacht haben, die sie heute ist. Also tun Sie mir einen Gefallen: Wählen Sie Mütter, wählen Sie Frauen, und am besten mit nicht nur deutschen Namen. Damit die Belange von Kindern, Eltern und Alleinerziehenden endlich da ankommen, wo Politik gemacht wird.

35%

… ihres Einkommens müssen Alleinerziehende im Schnitt für ihr Kind aufwenden. Bei Ehepaaren sind es nur 20 Prozent. Das liegt auch an der ungerechten Besteuerung von Ein-Eltern-Familien.

67%

Lohnfortzahlung konnte man beantragen, als Kitas und Schulen dicht waren. Viel zu wenig für Alleinerziehende.

In der nächsten Folge unserer Serie: Wie geht es Alleinerziehenden?

Brigitte

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