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Burkaverbote "Es geht darum, Musliminnen unsichtbar zu machen"

Burkaverbote: "Es geht darum, Musliminnen unsichtbar zu machen"
© Asma Aiad
Wie in anderen europäischen Ländern wurde nun auch in der Schweiz ein "Burkaverbot" erlassen. Werden Musliminnen dadurch gestärkt oder geschwächt? Ein Interview mit Menerva Hammad.

Am Sonntag stimmten die Schweizer*innen mit knapper Mehrheit für ein Verhüllungsverbot, das Frauen das Tragen von Burka und Nikab in der Öffentlichkeit untersagt. Beide Kleidungsstücke lassen nur die Augen der Trägerin frei. Hinter der Initiative steht das "Egerkinger Komitee", das sich dem Widerstand gegen den Islam verschrieben und bereits 2009 das "Minarettverbot" auf den Weg gebracht hat.

Was denken Musliminnen darüber? Wir haben Menerva Hammad nach einer Einordnung gefragt. Die Journalistin, Feministin und Kosmopolitin beschäftigt sich mit Mutterschaft, weiblicher Sexualität und Musliminnen in Europa. Hammad wurde in Alexandria geboren, ist in Wien aufgewachsen und lebt zurzeit in Abu Dhabi. Sie ist Mutter zweier Töchter und hat schon die halbe Welt bereist.

BRIGITTE.de: Worum geht es beim Burkaverbot in der Schweiz wirklich?

Menerva Hammad: In Österreich, wo ich aufgewachsen bin, wurde ja schon 2017 ein sogenanntes Vermummungsverbot erlassen. Daher weiß ich: Es geht darum, muslimische Frauen unsichtbar zu machen. Jetzt werden viele Burkagegner*innen sagen: Aber sie sind doch schon unsichtbar durch die Verhüllung!

Und was entgegnen Sie?

Sie sind unsichtbar, weil sie unsichtbar gemacht werden. Wer hat diese rund 30 Frauen, die in der Schweiz Burka oder Nikab tragen, eigentlich gefragt, warum sie das tun? Niemand. Sie kommen gar nicht dazu, für sich selbst zu sprechen. Das ist genauso, wie wenn Heteros darüber entscheiden, ob die Homo-Ehe eine gute Idee ist. Das ist doch absurd! Menschen bestimmen über das Leben einer anderen Gruppe, der sie selbst nicht angehören, und über die sie wenig wissen.   

Nicht nur die Rechten, auch Feministinnen sprechen sich für Verhüllungsverbote aus.

In der Schweiz war es eine demokratische Abstimmung unter dem Deckmantel des Feminismus, der besagt: Wir Frauen wollen sichtbar sein. Wir wachsen im Westen damit auf, dass es antifeministisch ist, sich zu verhüllen, und dass das Kopftuch ein Zeichen von Unterdrückung ist. Es gilt: Eine Frau ist umso befreiter, je mehr von ihr zu sehen ist. 

Und das stimmt nicht?

Ich habe mal eine Amerikanerin getroffen, die Nikab trug, und habe sie darauf angesprochen. Sie war gebildet und alleinstehend und sagte: "Ich möchte mich nicht mit anderen Frauen messen, nicht zeigen, ob ich dick oder dünn bin, ich will mich nicht um Make-up und Mode kümmern. Damit entziehe ich mich dem Druck und dem Wettbewerb, weil ich nicht nach meinem Aussehen beurteilt werde. Ich schaffe mir selbst eine Grenze, eine Privatsphäre. Ich selbst sehe aber alles.  

Welche Auswirkungen hat dann ein Verhüllungsverbot für Musliminnen wie in der Schweiz?

Wenn man das weiterdenkt, hat es katastrophale Folgen. Angenommen, eine Frau wird wirklich von ihrem Mann dazu gezwungen, einen Gesichtsschleier zu tragen, was passiert jetzt mit ihr? Wird sie nun im Bikini rausgehen dürfen? Nein, sie wird gar nicht mehr rausdürfen, nicht mal zum Einkaufen. Sollte sie wirklich in einer toxischen Beziehung leben, hat sie jetzt keine Anlaufstelle mehr. Ich wette übrigens, dass viele der rund 30 betroffenen Frauen konvertierte Schweizerinnen sind.

Ein Burkaverbot ist also nicht die Lösung, um Musliminnen zu stärken.

Die Lösung wäre, dass jedes Mädchen und jede Frau Zugang zu Bildung und Arbeit hat, damit sie finanziell unabhängig sein kann. Wenn eine Frau auf eigenen Beinen steht, kann sie sich jederzeit aus repressiven Beziehungen befreien.

Tragen Sie selbst manchmal Nikab?

Nein, ich trage Hidschab, eine Art Kopftuch, und manchmal einen Turban, sprich: Ich bedecke meine Haare, nicht aber mein Gesicht. Es ist praktisch, weil ich meine Haare nicht jeden Tag stylen oder glätten muss, es sieht gut aus und ist Teil meiner Identität. Ich habe viel im Ausland gelebt und bin dort oft als "Ausländerin" behandelt worden. Der Hidschab ist für mich auch ein Anker in meiner Identität. 

Mehr von Menerva Hammad? Ihr berührendes Buch "Wir treffen uns in der Mitte der Welt - Von fehlender Akzeptanz in der Gesellschaft und starken Frauen" beschäftigt sich in vielen persönlichen Geschichten mit den Stärken von Frauen. Sie betreibt den Blog Hotel Mama, bei Instagram ist sie als kakaotschifrau unterwegs. 


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