China: Leben mit dem Erdbeben

Staatstrauer in China: Neun Tage nach der Erdbebenkatastrophe steht das Land immer noch unter Schock. Eindrücke aus Peking von der deutschen Journalistin Kristin Kupfer.

Montag, 14.28 Ortzeit. Vor einer Woche bebte die Erde in China. Heute steht das ganze Land still. Drei Minuten versinkt die Volksrepublik in ein Schweigen zum Gedenken an die Toten. An der nördlichen dritten Ringstraße in Peking verlangsamten eben noch eilende Fußgänger ihre Schritte. Sie bleiben auf Bürgersteigen, vor Kaufhäusern und auf Brücken stehen. Sie senken den Kopf. Sie suchen nach Halt, finden spontan andere Hände. Dann bricht ein ohrenbetäubender Lärm los. Wie per Staatsdekret angeordnet hupen alle, die mit Fahrzeuge unterwegs sind, als Zeichen der Trauer. Die Schweigenden halten es aus - ein Signal einer doppelten Unerträglichkeit oder ein Signal des Lebens? Als das Lebenstempo wieder einsetzt, schauen sich viele kurz in die Augen. Durch die Unterführung laufen Menschen zu Bushaltestellen. Unten spielt Straßenmusiker Zhang Rongmin Gitarre und sammelt Spenden. Auf an die Wand geklebten Plakaten wirbt der 24-jährige für Freiwillige, die mit ihm nach Sichuan reisen. "Wie kann es sein, dass so viele Leben nicht mehr da sind ...?" singt der schlaksige Student mit Brille und schulterlangen Haaren. Seine Augen sind geschlossen und der Gesichtsausdruck gequält. Viele der Vorbeilaufenden bleiben stehen, spenden Geld, hören zu. Es scheint, als ob keiner so recht weiß, wohin.

Eine Woche nach dem Erdbeben stehen auch die Menschen in Peking immer noch unter Schock. Durch ungewöhnlich offene und detaillierte Berichterstattung hat China zum ersten Mal eine nationale Katastrophe in die Wohnzimmer der Bevölkerung gebracht. Ständig neue Aufnahmen zeigen den unermüdlichen Einsatz von Rettungskräften, nahezu komplett zerstörte Dörfer und verzweifelte Menschen. In öffentlichen Gebäuden oder Restaurants mit Fernseher starren Menschen schweigend auf die Mattscheibe. Auf der Arbeit oder im Freundes- und Familienkreis verarbeitet man Bilder von unermüdlichen Rettungskräften und nahezu komplett zerstörten Ortschaften in gemeinsamen Gesprächen. Immer wieder werden Geschichten von wundersamen Rettungen oder tragischen Todesfällen erzählt: zum Beispiel von einer 26-jährige Lehrerin und jungen Mutter, die sich beim Einsturz des Schulgebäudes über drei Schüler war. Sie und ein Schüler starben, die beiden anderen wurden lebend aus den Trümmern geborgen.

Spenden ist für viele ein Weg, mit der eigenen Hilflosigkeit umzugehen. Auch der 33-jährige Chen Liang hat sich in seiner Mittagspause zur Stiftung des chinesischen Roten Kreuzes aufgemacht. Rosa Schilder weisen den Weg durch eine kleine Gasse im Westen Pekings zu einem weißen dreistöckigen Gebäude. Spenden werden hier zwischen 8.00 Uhr und 22.00 Uhr entgegengenommen. Oftmals stehen die Leute Schlange, erzählen die Stiftungsmitarbeiter. Sie haben alle tiefe Augenringe. Alte bringen Denken und Medizin, Kinder ihr Taschengeld. Herr Chen spendet 2000 Yuan, rund 180 Euro und ungefähr ein Viertel seines Monatslohns. "Dass so viele Kinder gestorben sind, hat mich besonders erschüttert", sagt Chen im weißen Hemd und schwarzer Anzughose. Allein unter den Trümmern einer Schule in der Stadt Dujiangyan sind rund 900 Kinder begraben worden. "So eine Katastrophe zeigt einem immer, wie gut man es hat", meint der Geschäftsmann ernst. Spenden und das Leben wertschätzen, das sei das Mindeste, was jetzt jeder tun sollte. Er blickt kurz auf den Boden, bevor er langsam die Gasse hinunterläuft.

A Feng und seine Kollegen vom Bau sind direkt von der Katastrophe betroffen. Sie stammen aus dem Kreis Yilong in der Provinz Sichuan, rund 100 Kilometer östlich vom Epizentrum des Erdbebens entfernt. Sie kennen die schönen Gebirgslandschaften, die nun von Trümmern und Leid übersät sind. Seit vier Jahren arbeiten die die Anfang 20-jährigen Geld auf den Baustellen der Hauptstadt. Ihre Heimat ist rund 1500 Kilometer entfernt. Sie fahren einmal, höchstens zwei Mal im Jahr nach Hause. Sie wollen Geld verdienen für die Familie. Nach Schichtende um fünf Uhr nachmittags warten sie vor einer Baustelle im Osten Pekings auf den Bus, der sie zu ihrem Schlafsaal am anderen Stadtende bringt.

Seit dem Erdbeben haben sie in jeder freien Minute ihre Handys in der Hand. "Kollegen aus Shanghai schickten mir zwei Minuten nach dem Erdbeben eine SMS", erinnert sich A Feng. Da er nicht oben auf dem Baugerüst stand, hat er selbst nicht gespürt. Seine Familie konnte er aber erst einen Tag später erreichen. Ihnen ist nichts passiert, aber mehrere Nachbarn sind gestorben. A Feng ruft nun jeden Tag zu Hause an, mindestens einmal. Fast kein Dach ist mehr heil, fügt A Fengs Kollege leise hinzu. "Als ich das von dem Erdbeben hörte hatte ich totale Angst", erinnert sich der junge Mann mit langen Haaren und schmalen Gesicht, "mein Herz pochte wie wild." Am liebsten würden alle vier sofort nach Hause fahren. Aber das können sie sich nicht leisten. Es sei aber doch beruhigend, dass das ganze Land soviel Anteil nehme. "Jetzt sind irgendwie alle Sichuaner", sagt A Feng, "auch ihr Ausländer."

Text: Kristin Kupfer REUTERS/Aly Song
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