Claudia Kemfert: Wir sollten klar sagen, wie viel klimaschädliches Verhalten kostet

Wie lässt sich verhindern, dass CO ² -Steuer und Autoverbote die Gesellschaft spalten? Mit Entlastungen für Ärmere, sagt die Ökonomin Claudia Kemfert. Und mit deutlichen Worten. 

Der Klimaschutz scheint derzeit für Sprengstoff zu sorgen wie kaum ein anderes Thema. Auf der einen Seite stehen Aktivist*innen, die für autofreie Innenstädte kämpfen, auf der anderen Seite Menschen mit "Fuck you Greta"-Stickern. Warum polarisiert das Thema so?

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Claudia Kemfert: Lassen Sie sich da nicht täuschen. Die Spaltung ist weit weniger ausgeprägt, als es scheint. Laut der aktuellen Umweltbewusstseinsstudie vom Bundesumweltministerium finden zum Beispiel nur 14 Prozent, dass die Regierung genug tut, um den Umweltproblemen zu begegnen. Die vermeintliche Polarisierung wird eher von interessierter Seite in den sozialen Netzwerken verbreitet. Dort wird eine Minderheit zu einer angeblichen Mehrheit hochstilisiert. Mit der realen Stimmung hat das aber wenig zu tun.

Wen meinen Sie mit "interessierter Seite"?

Parteien wie die AfD oder Lobbygruppen, etwa aus der fossilen Industrie. Die streuen gezielt Fake News und Mythen darüber, dass Klimaschutz unnötig und viel zu teuer ist, und dass er von einem Großteil der Bevölkerung nicht gewünscht ist. In den letzten 20 Jahren führte das dazu, dass wir mit nachhaltigen Lösungen nicht weiterkamen; die Politik wurde von diesen Lobbygruppen unter Druck gesetzt. Doch jetzt bekommt sie auch Druck von der anderen Seite, weil junge Menschen auf die Straße gehen und dagegen protestieren, dass zulasten der Umwelt, Gesundheit und zukünftiger Generationen gelebt wird.

Ein Ergebnis dieses Protests ist das Klimapaket der Bundesregierung. Sie und andere Expert*innen kritisieren es sehr, unter anderem weil Sie es sozial nicht gerecht finden. Aber wird Klimaschutz nicht immer manche Gruppen mehr belasten als andere – zum Beispiel Menschen, die sich teures Biofleisch nicht leisten können oder wegen schlechter Bus- und Bahnanbindung auf ein eigenes Auto angewiesen sind?

Das muss nicht automatisch so sein. Denn eine kluge Klimaschutzpolitik hat immer auch das Gemeinwohl im Blick. Um sozial Schwäche zu entlasten, hätte man zum Beispiel die CO2-Steuer, die ja Teil des Klimapakets ist, mit einer "Klimaprämie" koppeln können. Würde jemand dann weniger CO2 verbrauchen, als er an Steuern abgeführt hat – etwa weil er nur eine kleine Wohnung hat und deshalb weniger heizen muss –, bekäme er das Geld über die Prämie zurück. Leider hat die Bundesregierung diese Idee nicht umgesetzt.

Stattdessen wurde die Pendlerpauschale erhöht.

Ja, und die entlastet vor allem Fernpendler mit höherem Einkommen und konterkariert die Klimaziele. Sozial gerechter wäre hier ein pauschales Mobilitätsgeld pro Kopf, das unabhängig vom Einkommen ausgezahlt wird. Das würde auch Menschen mit niedrigem Einkommen entlasten und allen Anreiz geben, weniger Auto zu fahren.

Wenn in meinem Dorf nur einmal pro Tag ein Bus fährt, hilft mir das trotzdem wenig.

Beim öffentlichen Personennahverkehr hat die Politik in den letzten Jahrzehnten tatsächlich komplette Fehlanreize gesetzt. Deshalb bräuchten wir jetzt eine Übergangszeit, wie sie das Umweltministerium vorgeschlagen hat: Anfangs ist der CO2-Preis niedrig, doch über die Jahre steigt er an. In der Zwischenzeit müssen ÖPNV und Bahn massiv ausgebaut werden. So würden die Alternativen zum Auto attraktiv. Ein nachhaltiges Verkehrssystem würde auf diese Weise sogar die soziale Gleichheit stärken.

Wie kann man davon auch Skeptiker*innen überzeugen?

Wir sollten den Menschen klar sagen, wie viel klimaschädliches Verhalten in Wirklichkeit kostet. Wären Öl, Atom und Kohle so teuer, wie sie es tatsächlich sind, wenn man ihre Folgeschäden für die Gemeinschaft mit einrechnet, dann wären die Menschen vermutlich viel eher bereit, auf Wind, Wasser, Sonne und Biothermie umzusteigen, sich Elektromobilität und klimaschonende Antriebe zu wünschen. Ich bin deshalb eine Befürworterin einer streckenabhängigen Klima-Maut, die alle Schäden, die durchs Autofahren entstehen, einberechnet. Die bräuchten wir auch bei Flugpreisen.

Teilen Sie denn den Ansatz der Flugscham-Bewegung, dass wir alle nicht mehr fliegen sollten?

Es geht eher um das Bewusstsein dafür, wann ein Flug nötig ist. Auch ich muss beruflich manchmal fliegen. Die Emission kompensiere ich, indem ich in Klimaschutzprojekte investiere. Das sollte aber nicht auf freiwilliger Basis geschehen. Die Schäden, die das Fliegen verursacht, sollten automatisch in die Flugpreise mit eingerechnet werden. Genauso hat die Politik bislang verpasst, die Flugbranche durch entsprechende Gesetze dazu zu verpflichten, schrittweise klimaschonende Treibstoffe einzusetzen. Klimafreundliches Engagement entsteht ja oft auch dadurch, dass klimaschädliche Aktivitäten unattraktiv sind.

Oder umgekehrt: indem man klimafreundliches Verhalten attraktiv macht …

Genau. Als ich nach Berlin zog, habe ich mein Auto sofort verkauft, da man dort problemlos mit S-Bahn oder Fahrrad fahren kann. In Dänemark und Norwegen verbannte man mit dieser Strategie den Autoverkehr aus den Städten. Die Menschen dort wollten genauso wenig wie wir Änderungen in ihrem Alltag. Also wurden die Innenstädte erst mal probeweise für Autos und Busse gesperrt. Und weil die Lebensqualität sich fühlbar erhöhte, wollte das dann später niemand mehr rückgängig machen.

Claudia Kemfert, 50, leitet die Abteilung für Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Seit 2016 ist sie Mitglied im Umweltrat der Bundesregierung.

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BRIGITTE 01/2020

Wer hier schreibt:

Julia Meyer-Hermann
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