Clinton vs. Obama: Anatomie einer Beziehung

Sie mochten sich mal, dann wollten beide Präsident werden. Frau gegen Schwarz. Erfahrung gegen Lächeln, zwei Charismatiker im Showdown der Demokraten. Wie stehen Hillary Clinton und Barack Obama wirklich zueinander?

Die Fall-Linie ihrer Hosenanzüge war schon skizziert, das Glitzern ihrer Ketten ausgeleuchtet und der Blondton ihrer Haarspitzen gemischt, als plötzlich - um es mal ganz platt zu sagen - ein dunkler Fleck ins Bild kam.

Hillary Clinton plante, als verdiente Staatsmännin in den Wahlkampf zu gehen, eine, die sich abgerackert hatte, die Untiefen von Politzirkus und Familienleben aus dem Effeff kannte und nun ihrem emotional und sozial darbenden Land die Hand reichen wollte. Und im Furcht einflößenden Ornat eines weiblichen Überbosses war sie siegessicher, dass es eines Tages so kommen würde. Dafür hatte sie als First Lady die Lewinsky-Affäre durchgestanden. Dafür war sie Senatorin geworden und hatte sich seit 2001 ganz der unglamourösen Sacharbeit gewidmet. Doch auf einmal stand da dieser Mann neben ihr, jung, andere Hautfarbe, Wahnsinns-Aura, gegen sein seliges Lächeln wirkte ihre Strahlkraft wie ein Scheuermittel. Das Schlimme war: Er wollte dasselbe wie sie - den Aufbruch, Gerechtigkeit. Mit Programmatik würde sie diesen Kerl nicht vom Tablett, auf dem sie nun beide tanzen mussten, schnippen können. Und er tanzte viel besser, seine Reden gerieten zu magischen Predigten, so betörend, dass seine eigenen Füße anfingen zu swingen. Wie sie das gehasst haben muss - sie, die die Nationalhymne nur schief singen kann und die neben dem Sohn eines Kenianers und einer flippigen Amerikanerin plötzlich tantig wirkte.

Die kühle Clintonsche Leidenschaft implodierte angesichts der Hitzewellen, die der 46-jährige Barack Obama verströmte. Der Senator aus Illinois stürzte fast wie aus dem Hinterhalt aus den eigenen Reihen in die strategisch so gut abgesteckte Kampfzone der Politpartisanin, die ihre größte Schlacht schlagen wollte - gegen die Republikaner, gegen die Generäle des Turbokapitalismus. Anfangs hatte sie dem Talent aus Chicago noch schwesterlich-jovial die Hand geschüttelt und Tipps gegeben. Man kannte sich, Obamas Aufstieg war blitzartig gewesen, entsprechend hell und auch aus der Ferne gut zu sehen. Sie behandelte ihn freundlich, gönnend. Aber beim Nominierungsparteitag von John Kerry im Juli 2004 war die Unschuld dahin. Obama- Anhänger entrollten Obama-Jubelplakate, und Hillary im türkisfarbenen Kostüm, vier Jahre vor dem avisierten eigenen Triumph, stockte der Atem, als er zu seiner legendären "Es gibt kein schwarzes Amerika und kein weißes Amerika"- Rede ansetzte. Dieser Mann wollte mehr.

Von nun an blitzte Obama, Freund der kleinen, verbrüdernden Gesten, ab, wenn er auf den Fluren des Senats in Washington Hillarys Arm im Vorbeigehen berühren und ihr ein vertrautes "Hi" zuwerfen wollte. Beobachter erzählen, wie sie ihn einfach stehen ließ und Obama so geschockt war, dass er gleich einen Freund anrief und sagte: Du ahnst nicht, was Hillary gerade gemacht hat. Von nun an strafte ihn ihr eisiger Blick, oder sie ignorierte ihn gleich ganz. Er buhlte, sie hatte die Macht, er zog sich zurück. Bis die Vorwahlen begannen und alles verkehrten. Obama siegte und siegte wieder, und Hillarys routinierte Kühle bekam Züge von Angststarre und Verbissenheit.

Also polierte sie ihre Waffen: linker Zorn, weiblicher Machismo (inklusive des Schulterklopfens mit Generälen), auch Heldengeschichten (wie der Beschuss durch Heckenschützen in Bosnien 1996, der dann doch nicht ganz wahr war und sie zu einer peinlichen Entschuldigung nötigte), ein hochgerecktes Kinn und das Mantra, nur sie könne Amerika helfen. Kriegsgerät mit rostigen Stellen, im Vergleich zum glanzvollen Rüstzeug des jungen Obama. Sanft und clever holte er sich die Enttäuschten an seine Brust, präsentierte sich als Idealist, mit einer Güte in der Stimme, mit der er schon als Streetworker den Verlierern in Chicagos Hardcore- Gegend Mut zugesprochen hatte.

In völliger Verständnislosigkeit füreinander saßen sich die beiden in den berühmten TV-Debatten gegenüber, Hillary Clinton mit gepflegter Kampffrisur und ihr sehr dezent gestriegelter Widersacher. Die Kluft unüberbrückbar zwischen der Grabenkämpferin, der die Frauen der Mittelschicht, die Arbeiter und die Hispanics vertrauen, und dem Samariter, der schon die wohlhabenden Weißen, die Schwarzen und die Jungen auf seiner Seite hat.

Kaum sehen sich diese beiden je in die Augen. Nur immer wieder ungläubige, kurze Seitenblicke: von ihr, weil sie seine Unverdrossenheit, seine Friedfertigkeit nicht kapieren will. Von ihm, weil er diese Bissigkeit, diese Haudrauf-Lust von ihr nicht fassen kann. Oft schnellen ihre Augenbrauen ironisch in die Höhe, wenn er etwas sagt. Ihr Ellenbogen liegt manchmal so nah neben ihm, als würde sie ihn am liebsten vom Stuhl hauen. Seine Hände liegen daneben, still, ineinander verschlossen.

Das Amerika, das Obama regieren möchte und das er seinen Fans eloquent ausmalt, soll ein ganz feines Land sein: fair, friedlich und fest in seinen Werten. Dass ihm seine Gegner mangelnde Erfahrung vorwerfen, ficht ihn nicht an. Hillarys 35 Jahre? Er bietet 20. Er kennt Harvard und den Slum. In seinem Programm steckt Love und Peace. Und er weiß ganz sicher, dass er die Hausregeln im Weißen Haus kippen will. Mit so viel Edelmut kann die 60-jährige Senatorin schwer umgehen. Sie kommt aus der Generation, die Nixon den Garaus machte und die Studenten auf dem Campus in eine bessere Welt führen wollte, aber in ihr tobt auch das Besserwissen des Gutmenschen: Jeder mit einem Gegenargument ist ein Feind.

Canyons liegen zwischen dem Machtgebaren der beiden Kandidaten: Hillary, die mit durchdringendem Blick bestimmt, jetzt sei es Zeit - für sie, für die Frauen dieser Welt, für Amerika. Baracks Rangfolge fühlt sich anders an, sein Ich lässt er im Wahlkampf nicht auftreten. "Yes we can!" lautet sein Slogan, der ein Popsong wurde.

Hinter den großen Worten vom Aufbruch steckt auch das Kalkül des stillen Kriegers, der unentdeckt ins Feindesland schleichen will. Leicht und schmeichlerisch sind seine Gesten, Farbe will er nie zu früh bekennen, und die niedergeschlagenen Augenlider in Momenten des Schweigens täuschen darüber hinweg, dass da ein unglaublich schlauer Mensch ganz nach oben will, auf den Platz des Chef-Illusionärs. Allüberall und im Internet zirpt eine plötzlich politisch erwachte Jugend vom Erwecker Obama. Alle wollen seine Hände berühren, ein Fleckchen dieser Aura befühlen.

Seine Widersacherin wird nach jeder verlorenen Wahl einen Zahn schärfer.Sie ist schlagfertiger im Duell, kann endlos über Details streiten, oft bis zur Ermüdung aller. Und als Obama Vorwahlen in doppelt so vielen Staaten gewonnen hatte wie sie, bot sie ihm an, unter ihr Vizepräsident zu werden. Frech, fand das Obama, doppelzüngig von einer Frau, die ihm stets unterstelle, er sei nicht reif fürs Weiße Haus. Die perfekte Strategie, fanden Beobachter, sie ziele auf die Unentschlossenen, die dann Clinton wählen und Obama kostenlos dazubekämen.

Niemand kann sagen, ob diese Frau eine gute Präsidentin wäre. Aber ihre Sündenfälle sind bekannt, also nicht mehr auszuschlachten für die Gegner: Whitewater, die Affäre um illegale Kredite, in die die Clintons verwickelt waren. Wal-Mart, da saß sie im Aufsichtsrat, ohne sich groß für die Rechte der Angestellten einzusetzen.

Wenn nach den nächsten Vorwahlen keiner der beiden Kandidaten aussteigt, werden die Superdelegierten im August das entscheidende Votum abgeben. Amerika könnte sich indes auf einen ganz anderen Präsidenten vorbereiten. Er heißt John McCain und ist Republikaner.

BRIGITTE Heft 10/08 Text: Ellen Kaufmann Fotos: Photos by PR Photos
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