Was mir zu Corona wirklich das Herz bricht: Die Oma im Supermarkt

Zu Corona-Zeiten lässt unsere Redakteurin vor allem ein Bild nicht los: Eine alte Dame im Supermarkt ist für sie ein Symbol unserer Gesellschaft geworden.

Kurven, Kreise, Karten – Grafiken und Bilder sind es, die uns dieser Zeiten den Ernst der Lage vor Augen halten. Das Coronavirus ist kein kleiner, weit entfernter Erreger mehr. Es hat eine Pandemie ausgelöst, die die Welt fest im Griff hält. Täglich, ja schon stündlich wird man mit neuen Informationen, Videos und Pressekonferenzen konfrontiert.

Und neben all den Fakten, Zahlen und politischen Maßnahmen sind es vor allem die Bilder, die mich nachhaltig beschäftigen. Nicht die aus China oder Italien, auch wenn diese schlimm genug sind. Sondern die aus Deutschland.

Zu Corona-Zeiten im Supermarkt

Direkt vor unserer Tür sind die Menschen in ihre eigene, egoistische Welt der Angst geflüchtet. Sie hamstern nicht nur, sie bekriegen sich.

Aber auch Bilder leerer Regale sind es nicht, die mich nachts nicht schlafen lassen.

Es ist das der kleinen, runzeligen Dame, um die 80, die mir bei meinem eigenen Einkauf begegnet ist. Die sich mit Gehwagen und Kopftuch aus dem Haus getraut hat, langsam, bedächtig, jeder Schritt eine Anstrengung, aber auch ein Erfolg. Sie hat es alleine aus dem Haus geschafft. Sie hat den Weg auf sich genommen. Nun steht sie da, erschöpft, tief atmend, ganz still. Vor einem leeren Regal.

Wieso löst eine mir fremde Frau so starke Gefühle in mir aus, dass sie mir noch tagelang im Gedächtnis erscheint? Ich habe dazu zwei Theorien.

Symbol der Einsamkeit

Die Seniorin aus dem Supermarkt wird für mich dieser Tage zu einem Symbol der Einsamkeit.

Und das nicht nur, weil sie alleine unterwegs ist, sondern weil sie alleine und unterwegs ist. Wieso traut sich ein Mensch, der außer Frage zur Corona-Risikogruppe gehört, aktuell freiwillig aus dem Haus? Dazu sollte man sich vor allem fragen, was ihn antreibt.

Senioren in Supermärkten zeigen uns aktuell nicht nur auf, dass manche Mitglieder unserer Gesellschaft niemanden haben, der sich um sie kümmert. Sie demonstrieren uns vor allem, wie weit ein Mensch für Kontakt zur Außenwelt willens zu gehen ist.

Wenn Gesellschaft vor Gefahr geht

Ich weiß nicht, wieso diese Seniorin einkaufen war. Ich weiß nicht, ob sie alleine ist – und darauf angewiesen, trotz gesundheitlicher Warnung einzukaufen. Ich weiß nicht, ob sie rausgehen muss, oder es einfach nur will.

Für viele Ältere wird der Weg zum Supermarkt zur täglichen Aufgabe oder/und zur einzigen Kontaktmöglichkeit. Und wenn man für diese Gründe die Gefahr, sich mit einem potenziell tödlichen Virus zu infizieren, auf sich nimmt, möchte ich nicht die Person sein, die darüber zu urteilen wagt.

Die Dame sah weder ängstlich aus, noch verwirrt. Sondern erschöpft und resigniert. Und damit wird sie für mich nicht nur zum Symbol der Einsamkeit, sondern auch unserer Ellbogengesellschaft.

Symbol unserer Ellbogengesellschaft

Ich möchte kein Teil einer Gesellschaft sein, die in Egomanie zwanzig Packungen Nudeln kauft. Während andere Menschen einen gesundheitsgefährdenden Weg auf sich nehmen, um nur eine zu ergattern. Denn du, mit dem Wagen voller Klopapier, Nudeln und Konserven, du, der auch den letzten Karton Seife in seinen Händen festkrallt, du bist letztendlich der Grund dafür, dass diese Oma am nächsten Tag erneut zum Supermarkt gehen muss. In der Hoffnung, diesmal schneller zu sein, um vor dir, und den leeren Regalen nach dir, da gewesen zu sein. Möchtest du diese Verantwortung tragen?


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