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Corona-Zwickmühle Ich hab ständig Angst, falsche Entscheidungen zu treffen

Corona-Doppelmoral: Frau mit Maske in Nahaufnahme
© kovop58 / Shutterstock
Corona beherrscht wieder mehr und mehr unseren Alltag. Und die Gedanken. Unsere Autorin weiß gerade kaum mehr, wo ihr der Kopf steht. Und jeden Tag gilt es, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Eine echte Herausforderung, wie sie findet.

Die zweite Welle ist da. Bis ich das begriffen haben, mussten erst mal ein paar Tage vergehen. Beziehungsweise: Mein Kopf hat das ganz schnell begriffen, aber bis ich meine Alltagsroutinen wirklich wieder geändert habe, hat es eine Zeit gebraucht. Ich hatte mich zwischenzeitlich schon dabei ertappt, dass ich nicht mehr zweimal "Happy Birthday“ singe, wenn ich Hände wasche und wenn ich mir unterwegs ins Gesicht gefasst habe, dachte ich nur: Ach, was soll’s – passt schon!

Man hatte sich in den letzten Monaten wieder angewöhnt, mehr Leute zu sehen und es erschien so, als wäre Corona zwar noch da, aber nicht mehr bedrohlich. Bis jetzt. Jetzt geht alles von vorne los und ich stehe gerade vor dem Problem, dass ich in einer echten Doppelmoral-Falle gefangen bin. Was ich damit meine? Punkt 1: Die Vorsichtsmaßnahmen, die ich im März ergriffen habe, muss ich genauso jetzt ergreifen, oder? Warum wollte ich im März Kontakt mit bestimmten Leuten meiden, jetzt aber haben? Warum wollte ich im März immer das Desinfektionsmittel parat haben, es jetzt aber zu Hause lassen? Warum war es im März nicht ok, die Schwester zu umarmen, jetzt aber schon, nur weil sie Geburtstag hat? Wo liegt da der Sinn?

Und dann Punkt 2: Bei wem ist es ok, ihn zu sehen, bei wem aber nicht? Beispiel: Wenn ich die Freundin mit dem Kita-Kind nicht besuche, weil mir da die Kontaktkette zu lang ist – kann ich dann die Freundin sehen, die wiederum diese Freundin sieht? Ist das dann nicht eh alles schon egal? Sprich: Entweder wirklich zu Hause isolieren oder es hilft alles nix? Ist es okay, mit der engen Freundin dicht nebeneinanderzusitzen, nur weil man sich kennt, gleichzeitig in der U-Bahn aber penibel darauf zu achten, ja nicht den Vierersitz mit jemand anderen zu teilen? Ist das nicht total unlogisch alles?

Es kommt mir gerade so vor, als würden die Gedanken in meinem Kopf Polo spielen. Alles geht hin und her und hin und her und am Ende habe ich immer Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Ich möchte mir nicht irgendwann sagen müssen: Hättest du das oder das mal anders gemacht – es war sowieso total inkonsequent! Obwohl du wusstest, dass es falsch ist, hast du es getan.

Ganz ehrlich: In diesen Zeiten kann man sich von Doppelmoral wahrscheinlich nicht befreien. Was man in der einen Woche entscheidet, entscheidet man in der anderen vielleicht wieder anders. Wahrscheinlich hilft es schon, sich klarzumachen, dass man keine Entscheidungs-Maschine ist und sicher nicht immer alles richtig machen kann. Wenn die Schwester Geburtstag hat, dann umarmt man die eben schneller als die Kollegin im Büro – obwohl von ihr genau dieselbe Ansteckungsgefahr ausgeht. Man muss sich auch nicht tagelang gedanklich geißeln, wenn man mal entgegen aller Vernunft handelt. 

Was aber klar ist: Wir werden das Virus nicht los, wenn man sich nicht immer wieder in Konsequenz übt. Und wenn es einem schwer fällt, gerade die richtigen Entscheidungen zu treffen, muss man sich wahrscheinlich klare Regeln aufzustellen. Zum Beispiel: Ich sehe Freunde nur im Freien, weil ich es zu Hause eh nicht hinkriege, den Sicherheitsabstand zu wahren. Und das gilt für die beste Freundin genauso wie für die gute Bekannte. Und klar ist auch: Nur, weil etwas erlaubt ist, muss man es nicht ausreizen. Muss ich wirklich Klamotten shoppen gehen, nur weil ich es gerade kann? Oder mit 10 Leuten eine Feier veranstalten, wenn die Regeln gelockert wurden?

Ja, Corona bringt uns alle gerade an unsere Grenzen. Seine eigenen muss man sich jetzt wieder neu abstecken. Und wer weiß, wenn man sie wirklich eine längere Zeit konsequent beachtet, bewahrt uns das vielleicht vor einer dritten Welle ...

as

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