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Corona-Gefühle "Der Frühling ist die Karotte an meiner Angel – und macht alles nur schlimmer"

Corona aktuell: Frau mit Maske im Sonnenaufgang
© Aloha Hawaii / Shutterstock
Der Frühling war ein Lichtblick in der Corona-Pandemie. Doch bei unserer Redakteurin kommt eher Frust auf. Frühlingsgefühle? Was war das nochmal?

Wenn sich nach monatelangem Grau das erste Blau durch die Wolkendecke kämpft und die Sonne vorsichtig ihre Strahlen ausstreckt, lässt sich Jahr für Jahr der Einfluss des Frühlings auf das Gemüt der Menschen bestaunen.

In Corona-Wortlaut würde man heutzutage sagen: Es zeigt sich eine exponentielle Steigerung unserer Stimmung. Je mehr Licht, desto besser die Laune. Nur dass die Formel dieses Jahr irgendwie nicht aufgeht. Vielmehr verläuft sie sogar gegensätzlich. Mit den Frühling bekomme ich 2021 Frustgefühle.

Das war mal anders. Vieles war mal anders, man ertappt sich bei Rechnungen eines neuen Zeitalters, vor und nach Corona. Vor einem Jahr gab es das Coronavirus bereits. Trotzdem sorgten die ersten Frühlingsboten 2020 noch für einen Hoffnungsglimmer in der Dunkelheit, man brauchte nur dieses winzige Fünkchen, um die Positivität wieder zu entfachen. Mit der Sonne wird alles wieder gut, mit dem Sommer verschwindet dieses kleine fiese Virus schon wieder, wird schon gut gehen. Ha! Was haben wir gelacht!

Frühlings- oder Frustgefühle?

Jetzt ist wieder Frühling. Und wir haben gelernt: Er löst vielleicht ein paar, aber leider nicht alle unserer Probleme, schon gar nicht das von Corona, denn meine Güte, was waren wir letztes Jahr doch naiv. Ein Jahr ist vergangen und wir befinden uns wieder oder noch im Lockdown, das Virus ist wieder oder noch da, die Menschen wissen wieder oder noch immer nicht weiter, geschweige denn die Politik. 

Irgendwie hat sich in den Köpfen vieler Freunde inklusive mir trotzdem die kleine Gewissheit eingeschlichen, dass mit dem Wetter sicherlich alles besser werden würde. Bis sich dieser Meilenstein mit den ersten Sonnenstrahlen erneut in Luft auflöste. Ich fühle mich wie ein Esel, mit der Möhre an der Angel, der seit 12 Monaten auf eine Belohnung zutrottet, die gewissermaßen langsam faulig wird. Und während die Karotte schrumpft, verliere ich mein Ziel vor Augen. 

Der Frühling zeigt mir, was ich alles nicht darf. Oder will. Und gleichzeitig hält er mir vor die Nase, was ich haben könnte. Normalerweise würden wir jetzt die ersten Weinschorlen und Alsterwasser servieren, uns viel zu früh für ein Eis im Garten treffen und tapfer frieren, Hartgesottene die erste Chance wittern, ihre Webergrills hervorzuholen und ja, selbst das würde ich ihnen gönnen. Doch es gibt weder Wein, noch Eis, noch Würstchen und selbst deren Geschmäcker und Gerüche verblassen langsam in unserer Erinnerung. 

Der Frühling wirkt auf mich dieses Jahr in der Tat wie ein Duft, den man lange nicht gerochen hat, der einen aber an Gefühle einer fast vergessenen Zeit erinnert. Der Frühling weckt eine Sehnsucht in mir, die der Realität nicht entsprechen wird. Der Frühling lässt mich nicht mehr wehmütig oder wütend werden, er füllt mich mit Leere. Und das hat der Frühling wirklich noch nie getan.

Der Marathonvergleich hinkt

Wir befinden uns an einem Zeitpunkt der Pandemie, an dem wir alle ersten Male überschritten haben. Das ist gefährlich. Man sagt, der Mensch brauche 21 Tage, um sich an eine neue Situation zu gewöhnen. Nur wurde ihm in den letzten 365 Tagen selten drei Wochen am Stück dieselben Gegebenheiten geboten. Die Informationslage um das Coronavirus verändert sich so schnell, dass wir selbst nach einem Jahr noch hinterherhinken. Schlimmer noch: Wir geben langsam auf. Wir trotten, statt sprinten, haben einen lahmen Fuß und ein aufgeschürftes Knie und möchten uns am liebsten an den Rand des Wettrennens legen, alle Gliedmaßen von uns strecken und feststellen, dass Marathonläufe überbewertet sind. Bringt aber nichts. Und wäre auch irgendwie ärgerlich, wenn das Ziel näher denn je ist.

Selbst der Marathonvergleich hinkt langsam, denn der hat wenigstens eine festgelegte Dauer, 42 Kilometer. Bei Kilometer 40 mag man müde sein, doch man weiß auch: 2 Kilometer noch, mehr werden's nicht. Dann war's das. Dann hat man es geschafft. Unser Ziel verschiebt sich hingegen seit einem Jahr stetig nach hinten. An welchem Kilometer befinden wir uns gerade? Und wie lange müssen wir noch?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Aber wenn ich kurz durchatme, stehen bleibe und in meiner Frühlingsleere nach vorne schaue, sehe ich zwar noch immer meine faule Möhre. Aber neuerdings auch zahlreiche Impfplakate, die den Weg säumen. Wir wissen nicht, wie lang er noch sein wird, aber was wir wissen, ist, dass er wieder ein Ziel hat. 

Der Frühling war nicht der Meilenstein, den ich mir erhofft hatte. Aber der Sommer, der wird's bestimmt. Hoffe ich.


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