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Corona aktuell "Hier geht es nicht um mich, hier geht es um uns alle"


Juliane ist dem Coronavirus so nahe wie kaum jemand. Sie kämpft täglich als Intensivpflegerin um das Leben ihrer Patient*innen. Und sie hat uns etwas zu sagen.
Meine Kollegin sagt: "Du hast mich so erschreckt, woher hast du denn dieses furchtbare Bild von dir?"
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Dieses "furchtbare Bild", von dem besagte Kollegin spricht, zeigt Juliane. Juliane ist 23 Jahre alt und arbeitet seit 2019 als Intensivpflegerin. Während andere Menschen in ihrem Alter damals noch studierten, reisten und das taten, was junge Millennials eben so tun, widmete sich die Krankenschwester den lebenserhaltenden Maßnahmen von Menschen auf Intensivstationen. Dass Beatmungsgeräte bald ihren Alltag dominieren würden, konnte sie zu Berufsbeginn noch nicht ahnen. 

"Zwei Monate nach meinem Examen hörten wir alle das erste mal das Wort "COVID-19", erinnert sich Juliane im Gespräch mit Brigitte.de, "und im März dieses Jahres trafen die ersten Patienten ein, viele davon mit schwerem Verlauf". 

Die unsichtbaren Geschichten der Corona-Pandemie

Von ihrem ersten Berufsjahr, das erste Jahr mit Corona, trägt sie Spuren davon. Sichtbar werden sie auf Fotos wie dem, das Juliane kürzlich auf Instagram teilte. Es zeigt ihr Gesicht in Nahaufnahme, von einem langen Tag mit Striemen und Abdrücken der Maske gezeichnet. Die junge Frau sieht erschöpft aus. Doch viel wichtiger sind ihr die unsichtbaren Geschichten, die ihr Gesicht nach einer Schicht erzählt: "Ich war über eine Stunde bei meiner Patientin mit COVID im Zimmer, um ihr bei der Pflege, dem Essen und der Beatmung zu helfen", schreibt sie zu dem Foto. Dort habe sie sich nicht nur um ihre Gesundheit, sondern vor allem um deren Gefühle gekümmert: "Sie hat geweint, sie ist während des Krankenhausaufenthaltes Uroma geworden und wünscht sich nichts mehr, als die Urenkel noch kennenlernen zu dürfen. (...) Sie hat Angst, das nicht mehr zu schaffen."

Pflegekräfte zwischen Personalmangel, Patientenversorgung, Empathie – und dem Spiel mit der eigenen Gesundheit

Es ist ein Einzelschicksal, das jedoch für eine der Tausenden Zahlen steht, die wir täglich an Corona-Fällen in den Nachrichten gemeldet bekommen. Wieso erzählt Juliane uns diese Geschichte? Weil sie es für notwendig hält, "wenn es innerhalb von 24h fast 1000 Tote durch COVID zu verzeichnen gibt, Querdenker mit Nazis Seite an Seite gegen Impfstoffe und 'Unterdrückung' demonstrieren". 

Mit ihrem Beitrag möchte die Intensivpflegerin kein Mitleid, sie will wachrütteln. Und zwar nicht nur die Menschen, die noch immer nicht zuhause bleiben. Sondern auch die Politik: "In der Pflege arbeitest du immer mit voller Konzentration und Aufmerksamkeit, seit Corona ist es nur noch schwerer geworden, den verschiedenen Ansprüchen gerecht zu werden. Der Zwiespalt zwischen Zeitmangel, angemessener Patientenversorgung, Empathie und Anerkennung ist noch breiter geworden", erklärt Juliane uns auf Anfrage. 

Wer sich noch immer nicht an die Maßnahmen hält, um die Corona-Pandemie einzudämmen, sollte daran denken, dass er damit primär nicht sich selbst schade – sondern vulnerable Gruppen und die Menschen, die sich um sie kümmern. "Das gesamte Krankenhauspersonal, Arbeiter aus dem Einzelhandel und der Logistik und viele andere versuchen momentan ein Land in einer Krise aufrecht zu erhalten, was lange nicht an sie geglaubt hat", schreibt Juliane ehrlich.

Es hat lange gedauert, bis sich die Intensivpflegerin entschieden hat, an die Öffentlichkeit zu gehen. Monate, die sie dem Leben anderer Menschen widmete. Und auch jetzt möchte sie die Aufmerksamkeit wieder von sich abwenden. Vielmehr beendet Juliane ihren Instagram-Beitrag mit einem Appell:

Hier geht es nicht um mich, hier geht es um uns alle. Wir müssen das Ding hier irgendwie gemeinsam in den sicheren Hafen bringen, ob wir wollen oder nicht. Da spielt jeder einzelne eine gleich wichtige Rolle bei.

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