VG-Wort Pixel

Verschwörungstheorien Meine Mutter glaubt nicht an Corona – und ich habe einfach nur Angst um sie

Corona aktuell: Bild von einer Querdenker-Demo
© Martin Helgemeir / Shutterstock
In einer freien, demokratischen Gesellschaft wird es immer Menschen geben, die fragwürdige Meinungen vertreten, und das ist okay. Doch wenn die eigene Mutter während einer Pandemie als Risikopatientin an eine Verschwörung glaubt, ist das schwer zu ertragen – wie unsere Autorin aus eigener Erfahrung weiß.
Hannah Schürmann

In der Anfangszeit der Pandemie hatten meine Mutter und ich noch eine ähnliche Einstellung zu dem Virus und dem Umgang damit. Zumindest soweit ich mich erinnere. In erster Linie waren wir beide geschockt und hatten Angst. Wochenlang haben wir uns nicht gesehen, obwohl wir in derselben Stadt wohnen, aus Vorsicht haben wir auf Kontakt verzichtet. Dann haben wir irgendwann begonnen, uns wieder zu treffen. Jede Woche gingen wir draußen spazieren und setzten uns auf eine Bank – stets mit Abstand und an der frischen Frühlingsluft. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir in dieser Zeit irgendetwas komisch vorgekommen wäre, was meine Mutter über Corona oder den Lockdown gesagt hätte. Es muss ungefähr in der Phase angefangen haben, als die Maßnahmen gelockert wurden und die Maskenpflicht kam.

Vom Hinterfragen zur Verschwörungstheorie

"Maskenpflicht ist totaler Quatsch, sagen ja selbst Ärzte, dass das nichts bringt" oder "wir hätten es von vornherein so machen sollen wie die Schweden, in Schweden ist gar nichts los". Solche Sätze von meiner Mutter zu hören, hat mich damals, ehrlich gesagt, nicht sonderlich beunruhigt. Mich persönlich haben diese Fragen nicht gerade brennend interessiert, weil ich glücklicherweise keine politischen Entscheidungen treffen muss. Doch da sich selbst Expert*innen lange nicht einig darüber waren, was das richtige Vorgehen ist, erschien es mir legitim, dass sich meine Ma damit beschäftigte und eine andere Meinung vertrat als unsere regierenden Politiker*innen. 

Dann jedoch fielen irgendwann Sätze wie: "Die wollen jetzt das Bargeld abschaffen, bald kann man nur noch mit dem Handy bezahlen" oder "Spahn will einen Gesundheitspass einführen – alle, die das Virus schon hatten, dürfen sich frei bewegen, die anderen sollen eingesperrt werden und dürfen weder zur Arbeit noch verreisen oder sonstiges". Darauf ging ich ein, fragte sie, wo sie das herhabe, und versuchte sie zu beruhigen, dass es sicherlich nur Gerüchte oder Überlegungen seien und sie sich immer noch aufregen könne, wenn es wirklich so kommt. Das half. Und ich war wieder beruhigt.

Bis mir meine Mutter eines Tages erzählte, da sei dieser Arzt, der jetzt dagegen vorgehen will, "was die mit uns machen". Der habe eine Partei gegründet, die schon Zigtausend Mitglieder habe und mehr Anhänger als die CDU (oder so ähnlich). Sie nannte auch den Namen dieses Arztes, den ich vorher noch nie gehört hatte. Als ich an diesem Abend dann "Bodo Schiffmann" googelte, wurde mir kotzübel. Mit einem Mal begriff ich, was los war – und wie ernst die Lage. 

Belastungsprobe für die Beziehung

Meine Mutter gehört aus mehreren Gründen zur Risikogruppe. Ich liebe sie über alles und sie ist der wichtigste Mensch für mich. Im Prinzip ist sie mein ganz persönlicher Hauptgrund, warum ich dankbar bin, dass wir uns als zivilisierte Gesellschaft entschlossen haben, das Virus "nicht einfach so wüten zu lassen", sondern zum Schutz gefährdeter Personen Maßnahmen zu ergreifen und gewisse Einschränkungen in kauf zu nehmen. Dass ausgerechnet sie sich über diese Maßnahmen aufregt und Menschen unterstützt und glaubt, die sich dagegen auflehnen, erschüttert mich zutiefst. Doch mit der Erschütterung allein könnte ich leben. Und mit der bloßen Meinungsverschiedenheit zwischen uns auch.

Natürlich belastet es unsere Beziehung, dass meine Mutter und ich unterschiedlich zur Coronapandemie stehen. Ich habe, wenn ich auch nicht alle Entscheidungen, die unsere Regierung in den vergangenen Monaten getroffen hat, ideal finde, ein Grundvertrauen in unsere Politiker*innen und denke, wir sind generell auf dem richtigen Weg. Davon abgesehen mache ich das Beste aus der Situation und beschäftige mich nur mit Dingen, die wirklich relevant für mich sind. Meine Mutter ist davon überzeugt, wir werden hinters Licht geführt und auf den Arm genommen und regt sich tierisch über alles auf. Wenn ich gut drauf bin, höre ich ihr zu und frage ein bisschen nach. Wenn ich aber müde oder gestresst bin, motze ich sie an und sage Dinge wie "ich kann das langsam echt nicht mehr hören". Sie hält es für dumm und unkritisch von mir, dass ich im Gegensatz zu ihr nicht gegen Maskenpflicht, Lockdowns und Co. bin. Mittlerweile versuchen wir das Thema Corona in unseren Gesprächen eher zu vermeiden.

Warum mir die steigenden Zahlen solche Angst machen

Bis vor kurzem hat diese Strategie auch halbwegs funktioniert und ich konnte nachts ruhig schlafen, obwohl ich wusste, dass meine Mutter begeistert irgendwelche Querdenker-Demos und Beiträge im Internet verfolgte. Doch nun, da die Zahlen in die Höhe geschossen und auch Hamburg und Norddeutschland dunkelrotes Risikogebiet sind, kann ich die Einstellung meiner Ma nicht mehr einfach so ausblenden – denn ich habe Angst um sie. Am Wochenende waren ihre Enkelkinder, zwei Teenies um die 16, bei ihr zu Besuch und haben bei ihr übernachtet. Danach sprachen wir darüber, was die beiden ihr so erzählt haben: Dass Freund*innen bei ihnen übernachten, sie ihren Sport in der nächsten Zeit sooo sehr vermissen werden und gar nicht wissen, wie sie sich nur mit einer Person verabreden sollen. Und dass bei ihnen in der Schule niemand Maskenpflicht und Abstandsregeln beachtet. "Finde ich gut", sagte meine Mutter zu Letzterem. Mir schnürte es die Kehle zu.

Ich habe meiner Mutter in diesem Gespräch gesagt, dass ich Angst um sie habe. Dass ich Angst habe, sie zu verlieren. Dass sie stirbt, wenn sie sich ansteckt. Darauf fiel zum ersten Mal der Satz, den ich niemals von jemandem hören wollte, der mir nahesteht: "So ein Quatsch! Es gibt doch gar kein Corona." Das verschlug mir die Sprache. Meine Mutter bemerkte meine Betroffenheit und ergänzte, dass sie tough sei und vor ein paar Jahren die Grippe gehabt habe und nach zwei Tagen im Bett wieder fit gewesen sei. Was, bitteschön, soll ich da noch sagen oder tun? 

Mir bleibt nur eine Hoffnung

Ich sehe zurzeit keinen Weg, meine Mutter zu "bekehren". Ich kann sie zwar zum Nachdenken bringen und mit ihr reden, doch gegen das Internet habe ich keine Chance. Sie nimmt mich beim Thema Corona nicht ernst und ist fest davon überzeugt, dass sie mehr darüber weiß als ich. Meine einzige Hoffnung ist, dass die Maßnahmen unserer Regierung wieder so gut wirken wie beim ersten Lockdown und dass sich meine Mutter nicht infiziert. Ich habe schon ein paar Mal Leute sagen hören oder in den sozialen Medien gelesen, dass sie "diesen Verschwörungstheoretikern" wünschten, sie würden Corona kriegen und hätten einen schweren Verlauf. Doch wir sollten nicht vergessen, dass all "diese Verschwörungstheoretiker" jemandes Mutter, Vater, Schwester oder Sohn sind.


Mehr zum Thema