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Nach Corona-Ausbruch an Klinik Offener Brief einer Pflegekraft: "Wir sind zu Aussätzigen geworden"

Corona aktuell: Eine Pflegekraft steht auf einem dunkeln Korridor
© wavebreakmedia / Shutterstock
Nach einem verheerenden Corona-Ausbruch in einer Klinik im bayrischen Schongau wendete sich nun eine Pflegekraft des Krankenhauses in einem offenen Brief an uns alle – und bittet um mehr Respekt und Support.

Deutschlandweit kam es in den vergangenen Wochen in mehreren Krankenhäusern und Pflegeheimen zu Corona-Ausbrüchen. Auch in einem Klinikum im bayrischen Schongau hatten sich Patient*innen und Mitarbeiter*innen infiziert: Insgesamt 93 Beschäftigte wurden positiv getestet, einige hundert Pflegekräfte und Ärzt*innen mussten daraufhin in Quarantäne. Da mittlerweile ein paar der Patient*innen, die sich bei ihrem Aufenthalt in der Klinik mit dem Virus angesteckt hatten, daran gestorben sind, ermitteln momentan Kripo und Staatsanwaltschaft in dem Fall. In der Schongauer Bevölkerung haben sich manche Personen ihr Urteil indes offenbar bereits gebildet.

Anfeindungen und Vorwürfe gegenüber Klinikpersonal

Laut "Merkur.de" sei dem Klinikpersonal vorgeworfen worden, ohne Masken und Schutz durch die Gänge gelaufen zu sein, was die Klinikleitung jedoch zurückwies. Anfeindungen der Art, dass den Angestellten verboten werden müsse, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, machten zudem lokal die Runde. Einer der Betroffenen hat darauf nun öffentlich reagiert.

In der Facebook-Gruppe "Du kommst aus Schongau, wenn ..." postete der Pfleger Lars Cramer einen offenen Brief, in dem er für mehr Respekt und Verständnis gegenüber ihm und seinen "Kolleg*innen" warb. 

"Von Helden zu Aussätzigen"

"Wir sind aus der Sicht der Bevölkerung und der Presse in den letzten Wochen von den Helden des Frühjahres zu Aussätzigen geworden", zitiert "Merkur.de" aus dem Schreiben. Von der Dankbarkeit und Wertschätzung, die Pflegekräfte in der ersten Jahreshälfte etwa in Form kollektiven Applaudierens zu recht erfahren haben, sei in seiner Wahrnehmung mittlerweile kaum noch etwas übrig. Stattdessen würden sie – wenn es beispielsweise zu einem Ausbruch im Gesundheitswesen kommt – eher zum Buhmann gemacht, obwohl der Druck und die Belastung immens seien.

"Viele Bürger und Bürgerinnen können sich nicht vorstellen, wie isoliert man als Pflegekraft derzeit lebt, um die höchste Patientensicherheit zu gewährleisten", schreibt Cramer, der bereits seit 21 Jahren in der Pflege arbeitet. Zum Schutz der Patient*innen hätten er und seine Kolleg*innen das ganze Jahr über auf Dinge verzichten müssen, die andere zumindest im Sommer tun konnten – beispielsweise reisen oder Veranstaltungen besuchen. Pflegekräfte seien nicht nur systemrelevant, sondern auch diejenigen, die sich "für alle Bürger und Bürgerinnen 8-12 Stunden am Tag und in der Nacht FFP2 Masken, Voll-Isolationsschutzkleidung und Serientestungen" auszusetzen hätten. 

Angesichts der hohen psychischen Belastung sei es wichtig für Cramer und seine Kolleg*innen, dass sie zumindest Respekt und Support von anderen zu spüren bekommen. "Wir als Pflegepersonal benötigen gerade jetzt den Rückhalt der Bevölkerung, zum Wohle unserer Patienten. Wir sind für Sie 24 Stunden, an 7 Tagen die Woche über 12 Monate im Jahr für Sie da. Seien Sie nun auch unsere Stütze", schreibt Cramer. Und damit, finden wir, verlangt er wirklich nicht zu viel ...


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