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Physiotherapeutin zu Corona "Wir kommen täglich 16-20 Menschen hautnah – wo ist unsere Impfung?"

Corona aktuell: Physiotherapeutin
© Victoria Labadie / Shutterstock
Anne ist Physiotherapeutin – und arbeitet in der Corona-Krise an vorderster Front. Hier erzählt sie uns, wie es ist, zu den "vergessenen Systemrelevanten" zu gehören. 

"Seit 32 Jahren arbeite ich in meinem Beruf als Physiotherapeutin. Kein einziger Tag war langweilig. In der dreijährigen Ausbildung haben mich die Anatomie des menschlichen Körpers, die Physiologie und vor allem die Krankheitslehre fasziniert. Ich wollte wissen: was passiert mit Patienten nach einer Bandscheiben-OP? Wie muss eine Frau nach einer Brustamputation behandelt werden? Wie bekomme ich die Spastik eines Schlaganfall Patienten gelöst?  Was kann ich bei den vielen Büro – Menschen mit Nackenverspannungen, mit Kopfschmerz, Zähneknirschen und Tinnitus tun? Was bei Verletzungen nach Autounfällen? Was bei Harninkontinenz? Wie können motorische Entwicklungsstörungen bei Kindern aufgeholt werden? Das heißt, ich als PhysiotherapeutIn kann in all diesen verschiedenen medizinischen Fachbereichen, wie der Orthopädie und Unfall-Chirurgie, Gynäkologie, Zahnheilkunde, Neurologie und Pädiatrie, Rehabilitation oder Prävention tätig werden. Ja genau.

Wir Physiotherapeut:innen sind hautnah dran – und systemrelevant

Wie auch immer, wir Physiotherapeuten sind hautnah dran am Menschen. Wir berühren Menschen. Wir helfen ihnen, wieder auf die Beine zu kommen.

Was ich bei diesem Beruf allerdings mitbringen muss, ist eine starke körperliche (und psychische) Belastbarkeit, gute motorische Fähigkeiten, Ausdauer, Allgemeinbildung, Geduld, großes Einfühlungsvermögen, starke Zuverlässigkeit und eine sehr große Offenheit gegenüber Menschen jeder Hautfarbe, Nationalität und sozialer Herkunft.

Was die Corona-Krise für meine Praxis bedeutet

Seit 20 Jahren führe ich eine gutgehende Praxis in Hamburg mit 10 Mitarbeitern. Was die wenigsten wussten: Physiotherapeuten sind systemrelevant! Wir durften und dürfen arbeiten. Wir hatten und haben die ganze Zeit geöffnet. Aber wie schützen wir uns selbst? Wir sind einem extrem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt.

Es gab anfangs nicht genügend FFP2 Masken. Ich bestellte über einen in China lebenden Freund 1000 qualitativ hochwertige FFP2 Masken Anfang April 2020. Kosten: € 2363. Hinzu kamen ca. € 400,- Zollgebühr. Mir war es wichtig, mein Team von Anfang an zu schützen. Wir entwickelten ein Hygienekonzept für unsere Praxis. Wir arbeiten zeitversetzt. Jeder Patient kommt nach der Anmeldung sofort in einen Einzelraum für seine Behandlung. Jeder Therapeut trägt eine FFP2 Maske. Jeder Patient trägt eine Maske. Nach der Behandlung ist die Desinfektion der Behandlungsliegen, das Lüften und Händewaschen selbstverständlich. Patienten bringen ihre eigenen Handtücher mit. Türklinken und andere Flächen werden ebenfalls von uns regelmäßig desinfiziert. 

Die kosten für Desinfektion sind immens gestiegen. Zwischen 5-9 Litern Handdesinfektion werden pro Monat verbraucht. Dazu kommt Flächendesinfektionslösung, Einmal -Handschuhe, Einmal-Papier, -Handtücher, Sprühflaschen, Plexiglasscheiben, Handcreme zur Hautpflege und Kittel, die bei schwerkranken Hausbesuch-Patienten getragen werden.

Finanzkrise im 1., Überarbeitung im 2. Lockdown

Der Lockdown und die Verunsicherung in der Bevölkerung waren da. Im März 2020 hatten wir von heute auf morgen 50% weniger Patienten. Wir mussten von März bis Ende Mai in Kurzarbeit. Das mussten die Mitarbeiter bei einem nicht gerade hohen Gehalt erstmal verkraften. Wir mussten selbst irgendwie  publik machen, dass wir und unsere Praxen und Therapiezentren geöffnet hatten – dass wir Physiotherapeuten systemrelevant waren und sind.

Ich habe die Corona Soforthilfe beantragt und sie auch bekommen. Ich möchte an dieser Stelle zum Ausdruck bringen, wie dankbar ich bin, diese Unterstützung erhalten zu haben. Gleichzeitig hat sich unser Verband, Physio- Deutschland sehr stark für uns eingesetzt. Ohne diese Spenden und Soforthilfen hätten viele Praxen nicht überlebt, da wir nicht dafür bekannt sind eine große Rücklage bilden zu können.

Seit Juni 2020 sind unsere Praxen wieder voll. Übervoll. In unseren Praxen haben wir für Termine eine Vorlaufzeit von 3 – 4 Wochen und eine Warteliste. Die Nachfrage nach Hausbesuchen ist geblieben. Kinderpraxen erhalten zum ersten Mal Rezepte mit Diagnosen wie: seelische Dysbalance. Psychosomatische Störungen bei 5 – 8 jährigen. Kindertherapeuten müssen mit den Eltern lange Gespräche führen, mit den Ärzten und anderen medizinischen Disziplinen kommunizieren. Bezahlt wird diese Zeit nicht. Therapeuten kommen an ihre Grenzen. Viele von uns Physiotherapeuten behandeln auch am Wochenende Patienten.

Ich könnte neue Physiotherapeut:innen einstellen. Doch es gibt keine.

Ich könnte jetzt in dieser Zeit neue Therapeuten einstellen. Aber: Es gibt zu wenige. Wir haben einen massiven Fachkräftemangel. Physiotherapeuten sind so gefragt wie nie. Aber die Verdienstmöglichkeiten sind unterirdisch im Verhältnis zur anspruchsvollen Ausbildung. Bis vor zwei Jahren haben Schüler ihre Ausbildung in Form eines monatlichen Schulgeldbeitrages von ca. € 400,00 noch selbst finanzieren müssen. Seit Januar 2019 wurde in 14 von 16 Bundesländern eine Ausbildungsvergütung eingeführt. Staatliche Schulen sind schulgeldfrei.  

Ein Berufsanfänger verdient nach seinem Staatsexamen rund € 2100,- Brutto, bei einer 38,5 -40 Stundenwoche. Nach diversen Weiterbildungen in Manueller Therapie, mit strenger Abschlussprüfung und wieder tausenden Euro an Ausbildungskosten verdient ein Physiotherapeut € 2500,00 brutto. Physiotherapeuten finanzieren die Kurse selbst.

Jetzt im zweiten Corona Lockdown leiden wir finanziell nicht. Die Praxen sind sehr voll und wir sind dankbar dass wir als systemrelevante Heilmittelerbringer arbeiten dürfen und ein wichtiges Glied in der medizinischen Versorgung sind. Liebe Nachwuchstherapeuten! Die Ausbildung ist anstrengend und anspruchsvoll aber es lohnt sich! Wir brauchen Euch!

Wir sehen 16 – 20 Menschen am Tag – beruflich

Aber: Wir gehen ein Risiko ein. An einem normalen voll ausgelasteten 8 Std. Arbeitstag behandelt ein Physiotherapeut ca. 16-20 Patienten. Das sind 16 -20 verschiedene Menschen, auf die er sich einlassen muss, denen er nahe kommt und die er anleitet.

Was ist, wenn sich einer meiner Mitarbeiter infiziert? Und andere ansteckt? Oder ein Patient das Virus in die Praxis schleppt? Reputationsverlust? Homeoffice ist in unserem Beruf nicht vorgesehen.

Um meine eigene Gesundheit habe ich in dem Sinne keine Angst. Ich halte mich an die AHA Regeln und arbeite einfach weiter. Aber natürlich trägt man im Hinterkopf den Gedanken: "Hoffentlich hat sich keiner irgendwo angesteckt“. Hoffentlich werden wir bald geimpft.

In der Impfpriorisierung fühlen wir uns vergessen

Wir arbeiten genauso nah am Patienten wie Pflegedienste und Ärzte und wurden bis zur neuen Impfverordnung (Stand 08.02.2021) in den Medien nicht einmal erwähnt. In den Impfzentren werden wir derzeit sogar abgewiesen.

Es ist für uns unverständlich. Bei Menschen, die uns brauchen, genießen wir ein gutes gesellschaftliches Ansehen für unseren Beruf. Doch unsere Lobby ist sehr schwach.

Zum Schluss möchte ich sagen

Der Beruf als Physiotherapeut:in hat etwas Idealistisches und den Wunsch Menschen helfen zu wollen. Das medizinische Mosaik ist so groß, dass man vermutlich nie auslernt. Kein Tag ist langweilig.. Man braucht nur sein Wissen und seine Hände mitnehmen und die Offenheit zu haben mit Menschen jeglicher Herkunft arbeiten zu wollen. Die Ausübung des Berufes macht einen oft zufrieden. Natürlich ist es nicht nur die monetäre Anerkennung, die ausschlaggebend ist, sondern auch das positive Feedback und die Dankbarkeit, die ein Physiotherapeut erhält. Wir müssen trotzdem weiter kämpfen: für angemessenere Gehälter und darum, keine Lücke durch Fachkräftemangel aufkommen zu lassen. Denn wir sind systemrelevant."


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