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Corona-Krise – verzweifelte Eltern! Wie behalte ich die Nerven?

Corona-Krise – verzweifelte Eltern! Wie behalte ich die Nerven?
© LightField Studios / Shutterstock
Das Coronavirus bringt viele Eltern in eine schwierige Lage. Sie müssen irgendwie ihre Jobs und die Kinderbetreuung vereinbaren, dazu kommen Ängste vor dem Virus und Sorgen ums Geld. Wie Eltern es schaffen können, in dieser Situation die Ruhe zu bewahren. (Stand: 17. März, 14 Uhr).

Es ist wahrlich keine leichte Situation, der sich viele Eltern in Deutschland dieser Tage stellen müssen. Die Kitas und Schulen sind zu, Freizeiteinrichtungen und Spielplätze geschlossen, touristische Reisen sollen nicht mehr stattfinden, soziale Kontakte so weit als möglich eingeschränkt werden. Selbst bei Spaziergängen ist es wichtig, eine deutliche Distanz zu anderen Menschen zu wahren. Die Arbeit und die Betreuung der Kinder müssen irgendwie durch die Familien gestemmt werden, doch zu den Großeltern sollen die Kinder auch nicht mehr

Die Arbeitgeber sind zwar zu flexiblen Lösungen und Lohnfortzahlungen aufgerufen, doch auch die Wirtschaft steht zunehmend unter Druck, finanzielle Sorgen werden größer. Auch viele Selbstständige machen sich große Sorgen um ihren Lebensunterhalt. Die Folge: Die Nerven sind angespannt, viele Eltern auf dem Weg der Verzweiflung, wie zum Beispiel dieser Post auf Instagram zeigt: 

Die Bundeselternvertretung der Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege (BEVKI) schreibt dazu in aller Deutlichkeit: "Wir werden als Eltern in den kommenden Wochen auf die Solidarität der Gesellschaft angewiesen sein. Eltern werden nicht in der Lage sein, die Folgen der flächendeckenden Schließungen von Kindertageseinrichtungen allein zu bewältigen. (…) Auch die finanziellen Auswirkungen der flächendeckenden Einrichtungsschließung auf Familien muss Thema werden. Eltern können mit dieser Belastung nicht allein gelassen werden."

Wie kann ich es schaffen, in einer solchen Extremsituation nicht die Nerven zu verlieren? Dazu haben wir mit der Hamburger Therapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie Andrea vorm Walde gesprochen. 

BRIGITTE.de: Liebe Frau vorm Walde, viele Eltern bringen die Quarantäne-Maßnahmen oder die Schließung von Kitas und Schulen zur Verzweiflung. Sie sitzen mit den Kindern zu Hause, machen sich Sorgen, müssen Kinderbetreuung und Job gleichzeitig stemmen, dazu kommen oft rechtliche Unsicherheiten und Auseinandersetzungen mit dem Arbeitgeber. Wie schaffe ich es, in einer solchen Situation die Nerven zu behalten?

Andrea vorm Walde: Über allem steht, die Ruhe zu bewahren. Wir müssen ja eins sehen: Die Situation bringt uns zwangsläufig nun auch eine gewisse Entschleunigung; wir können eins nach dem anderen bedenken und organisieren. Außerdem ist der Realitätsbezug wichtig, denn Horrorszenarien und negative Gedankenspiele bringen immer eine Abwärtsspirale mit sich. Und die Realität ist: Für ausnahmslos alle – von unserer Regierung über den Chef bis hin zu jedem von uns – ist dies hier eine neue Situation. Richtig oder falsch gibt es noch nicht. Vertrauen in die Gesellschaft und zu uns selbst ist, als dritte Komponente, sicherlich gerade unser bester Ratgeber.

Andrea vorm Walde ist Therapeutin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihre Klienten betreut sie in einer Hamburger Praxis und online. Tipps von ihr gibt es außerdem regelmäßig auf ihrem Blog www.andreavormwalde.de
Andrea vorm Walde ist Therapeutin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihre Klienten betreut sie in einer Hamburger Praxis und online. Tipps von ihr gibt es außerdem regelmäßig auf ihrem Blog www.andreavormwalde.de
© Andrea vorm Walde / Privat

Was kann ich tun, wenn ich merke, dass mir selbst als Mutter oder Vater Ängste und Sorgen so sehr zu schaffen machen, dass ich mit der Situation nicht mehr zurechtkomme, wenn schlaflose Nächte und Sorgen-Kopfschmerzen mich quälen?

Man sollte vor allem diese Ängste nicht lange in sich hineinfressen, sondern seine Sorgen aussprechen. Momentan ist jeder betroffen, die 'Selbsthilfegruppe' können also – am besten in digitaler Form und ohne persönlichen Kontakt – unsere Freunde, Nachbarn, andere Eltern, Kollegen sein. Reden hilft, allerdings nur dann, wenn sich dadurch nicht gemeinschaftliche Panikmache hochschaukelt. Aber sein Herz bei den Richtigen auszuschütten und sich aneinander zu orientieren, erleichtert und gibt Sicherheit zurück.

Viele Eltern teilen aktuell ihre Sorgen auf Social-Plattformen wie Instagram und Facebook und tauschen sich dort zu Möglichkeiten des Umgangs mit der zunehmenden Einschränkung sozialer Kontakte aus. Dieser digitale Beistand ist sicherlich für viele sehr hilfreich! Doch wenn das nicht reicht, oder ich mich lieber privat austauschen möchte – gibt es andere Möglichkeiten der seelischen Unterstützung bei derart akut belastenden Situationen? 

Man sollte sich niemals scheuen, auch professionelle Hilfe zu suchen. Übrigens können uns auch da momentan digitale Methoden helfen, weil sie nahen Kontakt vermeiden: Ich selbst arbeite zum Beispiel bereits seit fast 2 Jahren auch mit Online-Coaching und –Workshops – mit gutem Erfolg für meine Klienten. Und da ich den aktuellen Bedarf sehe, plane ich nun spontan für die kommende Zeit eine feste Gruppe, die sich regelmäßig eine Stunde zum gemeinsamen Austausch per Zoom (ähnlich wie Skype) trifft. Ein Tool, das man natürlich auch privat nutzen kann – ich bin zum Beispiel morgen Abend zu einem Gläschen 'Online–Prosecco' mit meiner Mutter verabredet, die ich sonst gerade nicht sehen kann.

Für viele Eltern bedeutet die zunehmende Belastung und Isolation durch das Coronavirus auch eine enorme Belastung der Paarbeziehung. Wie schaffe ich es, meine Beziehung vor diesen Herausforderungen zu schützen?

Was wir gerade noch weniger vergessen dürfen als sonst, ist, dass jedes Familienmitglied auch eigene Bedürfnisse hat. Natürlich sind wir nun noch mehr eine Gemeinschaft, aber wir bleiben auch Individuen und brauchen eigenen Raum. Ich sollte mir also ein Telefonat mit meiner Freundin ohne Zuhörer gönnen dürfen. Und mein Mann braucht vielleicht seine Joggingrunde. Das gilt übrigens auch für die Kinder, die müssen zwischendurch ihr eigenes Ding machen dürfen. Wir müssen gegenseitig unsere Bedürfnisse respektieren, sonst bekommen wir einen Lagerkoller. (Anmerkung der Redaktion: Noch mehr Ideen gegen den Lagerkoller und zum Homeoffice mit Kindern findest du hier.)

Viele Eltern fragen sich auch, wie sie mit der zunehmenden Panik der Bevölkerung in Sachen Coronavirus zum Schutz ihrer Kinder umgehen sollen. Was lebe ich nun meinen Kindern vor? Wie vermittle ich ihnen, dass Schutzmaßnahmen sinnvoll, allzu große Angst aber nicht hilfreich ist?

Ich sehe es vor allem so, dass wir den Kindern gerade beibringen, was es bedeutet eine Haltung zu haben. Besonnen zu bleiben zwischen Panikmache und Verleugnung. Selbst Verantwortung zu übernehmen, ohne dass ich auf eine Ansage 'von oben' warte. Mich um andere zu kümmern, weil diese in größerer Not sind als ich selbst. Das strahlt Selbstsicherheit aus und die ist bekanntlich der beste Schutz gegen Angst. Auf keinen Fall aber dürfen wir den Kindern etwas vorspielen; sie haben ein untrügliches Gespür für unterschwellige Gefühle und werden dann sehr verunsichert. Wenn Angst da ist, dann lieber offen damit umgehen.

Kinder zu Hause, Chaos zu Hause? Muss nicht sein!
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Die aktuellen Leitlinien der Bundesregierung zur Verhinderung der Ausbreitung des Coronavirus (Stand: 16. März 2020) sind hier nachzulesen.

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Verwendete Quellen: bundesregierung.de, sueddeutsche.de, welt.de, bevki.de, andreavormwalde.de, Instagram


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