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Eine Bestatterin erzählt "Corona hat uns kreativer gemacht"

Moderne Bestatterinnen: Asta (li.) und Helena verstehen Tod, Abschied, Bestattung und Trauer als Prozess. 
Moderne Bestatterinnen: Asta (li.) und Helena verstehen Tod, Abschied, Bestattung und Trauer als Prozess. 
© 2020 WengelPhotography.com
Jeden Tag sterben Menschen an Corona. Was macht das Virus mit dem Tod und der Trauer? Ein Interview mit Asta vom Berliner Bestattungsinstitut "Asta & Helena." 

BRIGITTE.de: Wie hat die Pandemie Ihre Arbeit verändert?

Asta: Wir haben insgesamt mehr Menschen zu bestatten. Und beim Umgang mit infizierten Verstorbenen gelten besondere Hygienemaßnahmen. Oft konnten die Angehörigen sich schon im Krankenhaus nicht von den Sterbenden verabschieden, und die Abschiednahme am offenen Sarg ist auch verboten. Das bringt zusätzlich Kummer und Aufregung mit sich.

Sind die Verstorbenen denn noch infektiös?

Sie gelten zumindest als infektiös und müssen entsprechend behandelt werden. Der Leichnam wird sofort in eine Bodybag gepackt, abgeholt und bleibt dann bis zur Beisetzung beim Bestatter. Manche Angehörige zerreißt es förmlich, wenn sie sich nicht verabschieden können, dadurch fehlt ihnen ein wichtiger Mosaikstein bei der Bewältigung der Trauer. Und weil das Thema Abschied uns sowieso sehr am Herzen liegt, bieten wir für diese Trauernden den Schneewittchensarg an.

Wie muss man sich den Schneewittchensarg vorstellen?

Im Deckel wird das größte Teil ausgesägt und durch eine Plexiglasscheibe ersetzt, so dass man in den Sarg schauen kann. Er wird luftdicht verschlossen, und wenn eine Abschiednahme gewünscht ist, kann der Leichnam so noch einmal aufgebahrt werden. Die Angehörigen können ihn zwar nicht mehr streicheln oder seine Hand halten, aber sie können wenigstens noch einen Moment bei ihm sein. Die Krise hat uns kreativer gemacht.

Dürfen Sie den Leichnam denn herrichten und schminken? 

Leider ist es uns nicht möglich, einen mit Corona infizierten Verstorbenen anzukleiden, weil er so wenig wie möglich bewegt werden soll. Aber wir können die Bodybag öffnen und so arrangieren, dass man den Verstorbenen im Sarg sehen kann. Normalerweise erfüllen wir Wünsche bezüglich der Kleidung gern. Aber Schminken? Das machen wir generell nicht. 

Ich hätte gedacht, dass zumindest die Gesichtsfarbe aufgefrischt wird. 

Nein. Der Abschied am Sarg ist auch immer dazu da, den Hinterbliebenen bewusst zu machen: Dieser Mensch ist jetzt tot. Dabei ist es wichtig zu sehen, dass er nicht schläft, auch wenn gern gesagt wird, dass jemand aussieht, als wenn er schliefe. Nein, er ist gestorben, und deshalb sieht er jetzt anders aus. Aber wir machen auch Ausnahmen, etwa wenn der Ehemann sagt: "Meine Frau liebte ihren roten Lippenstift so sehr, können Sie den bitte auftragen?" Dann ist das was anderes. Wir machen aber nichts, um einen Toten lebendig aussehen zu lassen.  

Bestattungsinstitute sind oft männlich geprägte Familienunternehmen. Was hat Sie veranlasst, ein Institut mit einer anderen Frau zu gründen? 

Stimmt, in dieser Branche ist es eher selten, dass zwei Frauen sich auf den Weg machen. Helena und ich haben beide vorher bei Bestattern gearbeitet, kannten uns aber nur flüchtig. Unabhängig voneinander ist bei uns der Wunsch gereift, sich auf eigene Füße zu stellen, und die Arbeit so zu machen, wie wir uns das vorstellen. Wir haben oft geredet und gemerkt, dass wir uns gut ergänzen. 

Was unterscheidet Sie von anderen Bestattern?

Wir sehen uns nicht als reine Bestatterinnen, sondern als Begleiterinnen des ganzen Prozesses, der am Ende eines Lebens steht - egal ob dieses Leben drei Monate oder 83 Jahre gedauert hat. Bei diesem Prozess gehört für uns alles zusammen: Von der Sterbebegleitung, die wir ehrenamtlich anbieten, über die Abschiednahme und Bestattung bis hin zur Trauerbewältigung. 

Sie begleiten die Trauernden?

Wir sind immer für die Hinterbliebenen da. Ich habe auch kein Problem damit, wenn morgens um sechs Uhr jemand bei mir anruft, weil er eine dringende Frage hat. Wir bieten auch monatliche Treffen an, wo Trauernde die Möglichkeit haben, sich im Kreis anderer Hinterbliebener etwas von der Seele zu reden. Hier erleben sie auch, dass sie mit ihrem Schmerz nicht allein sind. Und es darf, wie im ganzen Prozess übrigens, auch gelacht werden.

Haben Sie in Ihrem Job denn was zu lachen?

Unser Beruf ist zwar mit viel Traurigkeit behaftet, trotzdem lachen wir oft – wie andere in ihrem Job auch. Wir machen eine Arbeit, die uns sehr viel Freude bringt und allermeistens große Dankbarkeit hervorruft. Es ist kein gruseliger Beruf, und Tote sind nichts, wovor man sich fürchten müsste. Nur leider wird das Thema zu Lebzeiten viel zu sehr ausgeklammert.

Die wenigsten denken gern über den eigenen Tod nach. 

Das ist einerseits verständlich, aber andererseits verstehe ich es überhaupt nicht. Jeder Mensch stirbt nur einmal. Die Leute planen ihre Urlaubsreisen minutiös, aber das eigene Ende überlassen sie anderen? Die Haustierhalter machen sich da eher Gedanken – für sich und für ihr geliebtes Tier. Es ist uns unverständlich, wie man Familie und Freunde ohne irgendwas zurücklassen kann. Die haben ja schon genug mit der Trauer zu tun.  

Was kann man tun, um die eigenen Angehörigen zu entlasten?

Das braucht nicht viel: Man schreibt seine Wünsche auf und legt den Zettel zur Geburtsurkunde. Fertig ist der Lack. Sonst sitzen hinterher die Kinder da und fragen sich, was Mutter sich gewünscht hätte und zerstreiten sich darüber. Solche Konflikte entstehen aus Situationen, die man mit etwas Vorsorge leicht vermeiden könnte. Heutzutage ist ja viel von Selbstfürsorge die Rede – wenn schon, dann gehört das auch dazu.

Weitere Infos zu den Berliner Bestatterinnen unter https://astahelena.de


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