Corona und die Psyche: "Es geht mir gut. Geht es mir gut?"

Die Coronakrise ist Neuland für unsere Gesellschaft. Und für unsere Psyche. Unsere Redakteurin berichtet über die Ambivalenz ihrer Gefühle – und wieso es völlig normal ist, gerade psychisch angeschlagen zu sein.

"Ich liebe die Entschleunigung“

"Mir geht’s besser denn je“

"Ich brauche keine Menschen“

Es sind Sätze wie diese, die mir am Wochenende um die Ohren fliegen. Ich lese sie, ich höre sie. Ich spüre sie. Ein Teil von mir nickt zustimmend, bis dem anderen auffällt, dass das ja keiner sehen kann. Dann schreibt er zustimmend, schließlich schafft er es endlich, sein Buch zu Ende zu lesen und überhaupt – wann war ein Samstag das letzte Mal so entspannt wie dieser Tage?

Ein anderer Teil von mir sitzt in der Ecke meines Innenlebens und schmollt. Er boxt mir gegen die Magenwand, während ich antworte: "Ja, geht mir genauso!“. Er lässt mich die Worte revidieren, noch während ich sie tippe. Und wenn er besonders stark und wütend wird, platzt ihm ein "Ich mag nicht mehr“ heraus. Um dann von seinem Gegenspieler schnell relativiert zu werden:

"Ich glaube, ich krieg aber auch PMS"

"Das sind bestimmt nur die Hormone"

"Ich schlafe nicht gut, es ist aber auch Vollmond"

Es sind Sätze wie diese, die ich gerade nicht nur selbst versende, sondern auch zugeschickt bekomme. Die Ambivalenz der Gefühle nehme ich nicht nur bei mir, sondern auch in meinem Umfeld wahr. Wir befinden uns in der dritten Woche der Ausgangsbeschränkungen in Deutschland. Die ersten Urlaubsassoziationen des Homeoffice sind vorbei, die Jogginghose sitzt nicht mehr so locker, die To-Do-Liste ist abgehakt. Man hat Zeit. Zeit für Schönes. Eigentlich.

Ich könnte die Woche meinen Balkon fertig machen, denke ich mir also freudig an diesem Samstagmorgen – nach einem ausgedehnten Frühstück, ohne Stress, ohne Zeitdruck. Los, genieß es, fordert Teil I also zugleich und hebt meine Mundwinkel.

Doch währenddessen schaufelt Part II im versteckten Kämmerchen meines Augenlids Wassereimer, ohne mir etwas davon zu erzählen. Ich bin erst überrascht, dann überfordert, dann wütend, während eine einzelne Träne meine Wange hinabrollt. Überrascht, weil es mir doch gut geht. Überfordert, weil in mir zwei Gefühlswelten miteinander kämpfen. Wütend, weil es doch nun wirklich keinen Grund zu weinen gibt.

"Ich bin etwas angeschlagen“

"Ich lag heute Nacht bis 4 wach“

"Ich weiß nicht, was los ist“

Es sind Sätze wie diese, die dann doch aus den Menschen, aus mir heraussprudeln. Part II ist jetzt an der Macht. Er spricht aus, was ich mir selbst nicht eingestehen will. Dass eben nicht alles okay ist. Dass wir in einer außergewöhnlichen Situation sind, die wir so noch nie erlebt haben. Dass sich ein Virus weltweit ausbreitet. Dass unsere vier Grundbedürfnisse gerade gleichzeitig erschüttert werden. Dass wir Menschen vermissen, denen wir nicht nah sein können, dass wir uns um ihre und unsere Zukunft sorgen. Dass wir verunsichert sind und nicht wissen, wie es weiter geht – und wir Fragen haben, die uns keiner beantworten kann.

Coronavirus: Angst bei Gemüse

Das alles ist neu. Es ist real. Wieso erlauben wir uns dann nicht, die Realität auf unsere Gefühle wirken zu lassen? Wieso fordern wir noch immer, stark zu sein, vergleichen uns mit anderen, in einer unvergleichbaren Situation?

Die Geständnisse sind eher für mich, als für meine beste Freundin oder Familie gedacht, an die ich sie an diesem Samstagmorgen verschicke. Und ihre Antworten sind es, die nicht nur an mich, sondern gerade an alle gedacht sind:

"Das ist völlig normal.“

"Es geht vorbei.“

"Es geht uns allen so.“

mjd
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