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Coronavirus: Russische Oligarchen kaufen Beatmungsgeräte auf und werben Ärzte ab

Coronavirus: Russische Oligarchen kaufen Beatmungsgeräte auf und werben Ärzte ab
© Vincent Hazat / Getty Images
Noch ist Russland vom Coronavirus vergleichsweise verschont geblieben. Doch die Reichen des Landes sorgen vor und bauen auf ihren Anwesen private Kliniken auf. Für das russische Gesundheitssystem könnte dieses Verhalten gravierende Folgen haben. 

438 offiziell bestätigte Corona-Fälle gibt es bislang in Russland. Die Regierung in Moskau rühmt sich eines erfolgreichen Krisen-Managements. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern habe man frühzeitig die Grenzen zu China geschlossen, so die Erklärung. Doch die Reichen des Landes glauben offenbar nicht daran, dass die Pandemie Russland weiter größtenteils umgeht – und sorgen vor. Wie investigative Recherchen der Zeitung "The Moscow Times" zeigen, bauen die Oligarchen regelrecht private Kliniken auf ihren Anwesen auf, um im Fall einer Infektion behandelt werden zu können.

Die Zeitung sprach mit mehr als einem Dutzend Vertreter russischer Unternehmen, die Beatmungsgeräte verkaufen. Die meisten von ihnen gaben an, in den letzten zwei Wochen 30 Prozent ihres Gesamtumsatzes durch Verkäufe an Privatpersonen erzielt zu haben. Inzwischen sind bei allen Firmen die Bestände ausverkauft. "Es gab so viele Anrufe, dass wir keine Bestellungen mehr entgegennehmen können", sagte etwa die Verkaufsleiterin des Unternehmens Oxy2.

"Wir haben bereits alles aus unserem Lager verkauft", berichtete auch Artjom Siwachew, Vertriebsleiter des in Moskau ansässigen Unternehmens MediKo. "Wir hoffen jetzt, dass unsere internationalen Partner mehr liefern können." Auch er habe unzählige Anfragen von Privatpersonen erhalten, betonte jedoch, dass es gegen die Unternehmensrichtlinien verstoße, an diese zu verkaufen.

Staatliches Krankenhaus? Nein, Danke

Doch es gibt offenbar genügend Unternehmen, die Beatmungsgeräte an Privatpersonen verkaufen. Und genügend Käufer, die es sich leisten können. "Viele meiner Freunde versuchen, Beatmungsgeräte zu bekommen", sagte ein wohlhabender Gesprächspartner der "Moscow Times". "Sobald welche verfügbar sein werden, werden sie gekauft."

Eine der reichsten Familien Russlands, die anonym belieben möchte, hat hingegen bereits ein Beatmungsgerät ergattert. "Wir konnten bislang eins bekommen und versuchen, zwei weitere zu kaufen", sagte ein Familienmitglied. Das Gerät kostet 1,8 Millionen Rubel, nach aktuellem Kurs etwa 21.000 Euro. "Aber es gibt eine Warteliste von acht Monaten", beklagte sich der Vertreter der russischen Geldelite. Seine Familie will notfalls auf einem Anwesen in Rublyowka, dem Luxusvorort Moskaus, in dem ein Großteil der reichsten Menschen Russlands lebt, die Corona-Krise aussitzen.

Andere gehen noch weiter und kaufen nicht nur Beatmungsgeräte auf, sondern engagieren auch Ärzte, die sich im Notfall exklusiv um sie kümmern. Ein Gesprächspartner der "Moscow Times", der ebenfalls anonym bleiben möchte, bestätigte, dass er eine solche Vereinbarung bereits getroffen hat. "Einer meiner Freunde ist aus Frankreich zurückgekehrt und befindet sich jetzt in einem Krankenhaus", sagte die Person. Ein Aufenthalt in einem staatlichen Krankenhaus wäre für ihn ein Alptraum. "Ich möchte nicht, dass mir das passiert. Wir müssen uns mit Lebensmitteln eindecken und in unseren Häusern außerhalb der Stadt bleiben", so die Quelle.

In der Zeitung "Komsomolskaja Prawda" berichten zahlreiche Ärzte, dass sie in den vergangenen Wochen dementsprechende Anfragen erhalten haben. Wie etwa Alexej Kashcheew, ein Neurochirurg aus Moskau. Ihn habe eine Anfrage nach der Einrichtung einer regelrechten Krankenstation erreicht. "Einige meiner Kollegen erhielten ähnliche Briefe. Das heißt, während die Armen Buchweizen hamstern, arbeiten die Reichen an Optionen für die eigene Rettung", sagte Kashcheew (Anm. d. Red.: Buchweizen gehört in Russland zu Grundnahrungsmitteln)

Schlechte Ausstattung in den Provinzen 

Wenn sich die Reichen Russlands in ihrer Pracht weiter isolieren, könnte ihr Verhalten für das Gesundheitssystem Russland enorme Probleme bedeuten. Im internationalen Vergleich sind die russischen Krankenhäuser relativ gut mit Beatmungsgeräten ausgestattet. Nach Erkenntnissen der Headway Group, die Ausschreibungen der Regierung überwacht, sind insgesamt etwa 42.000 bis 43.000 Beatmungsgeräte verfügbar – das sind 29 Beatmungsgeräte pro 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Italien sind es nur acht Beatmungsgeräte pro 100.000 Einwohner.

Doch das Problem in Russland ist, dass etwa 25 Prozent der Geräte in den wohlhabenden städtischen Regionen um Moskau und Sankt Petersburg aufgestellt sind. In den Provinzen sieht es hingegen düster aus. Nach einer Schätzung des unabhängigen Nachrichtenmagazins "Meduza" gibt es etwa in der Region Kaluga nur fünf Beatmungsgeräte pro 100.000 Einwohner. 

Die stellvertretende Chefärztin eines Krankenhauses in Lermontov, einer Stadt in der südlichen Region von Stawropol, berichtete gegenüber "Moscow Times", dass es in ihrer Klinik nur drei oder vier verwendbare Beatmungsgeräte gebe. Und diese seien auch für Patienten mit einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder Vergiftung vorgesehen. "Bei einem Corona-Ausbruch ist möglicherweise nicht für jeden eins da", so die Ärztin. Für den Kauf neuer Geräte fehle ihr das Geld. 

Die Regierung in Moskau verspricht nun, das Budget für den Kauf von medizinischen Geräten zu erweitern. Doch selbst wenn das Geld da ist: Beatmungsgeräte sind neuerdings schwer zu bekommen.

Quellen:"The Moscow Times", "Komsomolskaja Prawda", "Meduza"

Dieser Artikel ist ursprünglich auf stern.de erschienen.

Ellen Ivits

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