Coronavirus: Wie Anthony Fauci Trump auf Linie bringt, ohne rauszufliegen

Anthony Fauci ist der führende Experte für Infektionskrankheiten in den USA. In der Coronakrise berät er US-Präsident Donald Trump – was, wie er jetzt berichtete, nicht immer leicht ist.

Seit die Coronakrise auch die Vereinigten Staaten erfasst hat, tritt Donald Trump beinahe täglich im Weißen Haus vor die Presse. Mit der Wahrheit nimmt es der US-Präsident dabei nicht immer ganz genau. So spielte er den Ernst der Lage lange herunter, behauptete, Covid-19 sei nicht bedrohlicher als eine gewöhnliche Wintergrippe, die sich schnell von selbst erledigen werde und dass man das Virus unter Kontrolle habe. Als klar wurde, dass das nicht stimmte, verkündete Trump, er habe die Gefahr schon vor Wochen erkannt und darauf hingewiesen. Außerdem sei sowieso China an allem schuld, weil es sich so geheimniskrämerisch verhalten und die Corona-Probleme im Land drei bis vier Monate zu spät öffentlich gemacht habe.

Immunologe Anthony Fauci berät Donald Trump

Flankiert wird Trump bei diesen Pressebriefings fast immer auch von Anthony Fauci. Der Direktor des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten in Rockville im US-Bundesstaat Maryland gehört der von der US-Regierung gegründeten Taskforce zur Bekämpfung der Pandemie an. In dieser Eigenschaft musste der 79-Jährige wiederholt von Trump verbreitete Fehlinformationen über den Ausbruch korrigieren. In einem Interview mit dem Wissenschaftsmagazin "Science" hat Fauci nun erzählt, wie er seine Rolle als Stimme der Vernunft im Weißen Haus wahrnimmt, ohne seinen Job zu verlieren.

Rebecca Reusch: RTL-Experte stellt Handy-Videos wieder her

"Ich bin irgendwie erschöpft. Aber ansonsten geht es mir gut. Ich meine, ich bin meines Wissens nicht mit dem Coronavirus infiziert", antwortete Fauci auf die Frage von "Science"-Redakteur Jon Cohen nach seinem Befinden, und fügte mit einem Lachen hinzu: "Soweit ich weiß, wurde ich nicht gefeuert."

Und der Wissenschaftler erklärte auch, wie das kommt: "Nun, das ist ziemlich interessant, denn zu seiner Ehrenrettung: Auch wenn wir in einigen Dingen uneins sind, hört er zu", sagte Fauci über Trump. "Er geht seinen eigenen Weg. Er hat seinen eigenen Stil. Aber bei inhaltlichen Fragen hört er auf das, was ich sage."

Wenn der Präsident Falschbehauptungen wie die über Chinas Geheimnistuerei aufstelle, wende er sich anschließend an Trumps Umfeld, erzählte Fauci. "Ich kann nicht vor das Mikrofon springen und ihn herunterschubsen", so der Wissenschaftler. Deshalb habe er im Fall von China den zuständigen Personen gesagt, dass der Vorwurf des Präsidenten nicht hinkomme, denn zwei oder drei Monate früher wäre September gewesen. Diese Leute würden Trump dann bei ihrer nächsten Besprechung darauf hinweisen und sagen: "Herr Präsident, seien Sie vorsichtig damit und sagen Sie das nicht".

"Ich kann nicht das Unmögliche tun"

Darauf angesprochen, dass Trump bei einer Pressekonferenz im Rosengarten des Weißen Hauses weiterhin fleißig Hände geschüttelt hat, berichtete Fauci, er sage der Taskforce auch, dass niemand Hände schütteln sollte. Und er sage das dem Personal. Er frage auch ständig, ob es nicht möglich wäre, virtuelle Pressekonferenzen abzuhalten. "Aber wenn man es mit dem Weißen Haus zu tun hat, muss man manchmal ein, zwei, drei, vier Mal etwas sagen, und dann passiert es. Ich werde also weiter Druck machen."

Auch dass es einen befremdlichen Eindruck macht, wenn er die Bürger auffordert, sich nicht mehr in Gruppen zu versammeln, während er selbst mit dem Präsidenten und zahlreichen weiteren Personen auf der Bühne eng zusammensteht und reihenweise Journalisten anwesend sind, ist Fauci bewusst. "Ich weiß das. Ich gebe mein Bestes. Ich kann nicht das Unmögliche tun", klagte er.

Dass Trump das Coronavirus als "China-Virus" bezeichnet, weil er China für dessen Ausbreitung verantwortlich macht, gefällt dem Wissenschaftler ebenfalls nicht. Er selbst habe diesen Begriff noch niemals verwendet und werde das auch nie tun, versicherte er.

Fauci weiß aber auch, was er nicht sagen darf, wenn er seinen Job noch weiter behalten will. Als Cohen ihn nach einem Moment bei der Pressekonferenz am Freitag fragte, in der Trump scherzhaft auf die Verschwörungstheorie des sogennannten "Deep State" anspielte, eines angeblichen Staates im Staat, der versucht, die Regierungsarbeit zu behindern, und Fauci sich daraufhin scheinbar verzweifelt übers Gesicht rieb, antwortete der Wissenschaftler nur: "Kein Kommentar".

Quelle: "Science"

Dieser Artikel ist ursprünglich auf stern.de erschienen.

mad
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.