Diese Frau sammelt Geld im Netz für ihre Abtreibung

Protestaktion, Provokation oder Hilferuf? Eine Frau in Chicago versucht, über Crowdfunding ihre Abtreibung zu finanzieren.

Das verstehen wir

Liebe "Bailey",

wir wissen nicht, ob das wirklich dein Name ist - wir wissen nur, dass du seit letzter Woche wahnsinnig viel Wut und Hass im Netz damit provozierst, dass du deine Abtreibung per Crowdfunding finanzieren möchtest.

Die Aktion ist provokant, und du beschreibst dich auf der Crowdfunding-Seite betont schnodderig als "arbeitslos, pleite, verschuldet und wegen der Schwangerschaft unfähig, einen Job zu halten". Du schreibst, dass du es magst, "zu lesen, Konzerte zu besuchen" und "wirklich, wirklich keine Mama werden möchtest". Der Titel deines Crowdfunding-Projektes lautet "Haltet Bailey davon ab, sich zu vermehren"-Fond. Damit hast du zielsicher sämtliche Provokationen abgehakt, die beim Thema "Abtreibung" die Gemüter erregen - eine junge, planlose Frau, die aus Bequemlichkeit ihre Schwangerschaft abbrechen und dann auch noch das Geld dafür geschenkt haben will.

In einem Interview mit der Vice begründest du deine Aktion so: Du erzählst, dass du in der zwanzigsten Schwangerschaftswoche bist und es dir gut geht. Und du sagst, dass die Leute so viel Geld für Crowdfunding-Projekte ausgäben, und dass die Finanzierung eines Films oder einer CD doch nicht so wichtig wäre, wie einem Menschen das Leben zu ermöglichen, das er führen möchte.

Aber nach ein paar Scherzen über die Belohnungen, die es für deine Geldspender geben sollte (z.B. eine Hausreinigung) erzählst du auch von ernsten Hintergründen: Dass du Schmerzen durch die Schwangerschaft hast, du aber auch nicht regelmäßig untersucht wurdest. Und dass dich die hasserfüllten Reaktionen auf deine Aktion erschrecken, dass du die Gewaltandrohungen gegen dich und deinen Freund nicht verstehen kannst.

Wir fragen uns: Haben wir es hier wirklich mit einer Frau zu tun, der ihr Leben entgleitet, und die auf diesem Weg Hilfe sucht? Oder ist das alles ein Fake, eine Protestaktion, die darauf hinweisen soll, wie schwierig es in den USA sein kann, eine Schwangerschaft zu beenden?

Denn das wird für betroffene Frauen immer schwieriger: Eine Abtreibung kann bis zu 1700 Dollar kosten, die im Normalfall nicht von einer Krankenversicherung übernommen werden. Außerdem wird politisch gegen Schwangerschaftsabbrüche agitiert und die Anzahl der Anlaufstellen für Abtreibungen laufend reduziert: Allein in Texas gibt es durch ein neues Gesetz nur noch halb so viele Arztpraxen, die Abtreibungen vornehmen, wie ein Jahr zuvor. Die Folge: Betroffene Frauen müssen für den Eingriff oft eine lange Reise in Kauf nehmen (und bezahlen können). Vor Ort angekommen, ist es keine Seltenheit, dass sie vor der Klinik von einem wütenden Mob beschimpft, beleidigt und auch tätlich angegriffen werden. Abtreibung verletzt vor allem die Gefühle religiöser Aktivisten - die im Einzelfall auch schon Ärzte ermordet haben, die aus ihrer Sicht "zu liberal" waren.

Das alles sind Dinge, die nicht verschwiegen werden dürfen - weswegen deine Crowdfunding-Aktion vielleicht ein PR-Geniestreich war, denn Aufmerksamkeit für die Schwierigkeiten betroffener Frauen hast du auf jeden Fall erzeugt. Der Crowdfunding-Seite "Go Fund Me" ist die Sache offenbar unangenehm: Zwischenzeitlich war deine Aktion offline, dann in abgewandelter Form wieder live - und scheint gerade wieder abgeschaltet zu sein, vielleicht dauerhaft.

Vielleicht bist du aber auch keine kreative Aktivistin. Vielleicht bist du tatsächlich genau das, was so viele Menschen wütend macht: Jemand, der im Moment einfach kein Kind haben möchte, jemand der emotional und finanziell überfordert wäre, plötzlich für einen Menschen verantwortlich zu sein, und das nach außen mit einer rotzigen "Hast-du-mal-nen-Dollar?"-Punk-Attitüde kommuniziert. Eine junge Frau mit einem Riesenproblem, die keine Hilfe bekommt und sich mit einer verrückten Idee an die Netzgemeinde wendet. Egal, was stimmt - beide Möglichkeiten machen wütend und traurig.

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