Darfur-Krise: "Würden wir hier weggehen, gäbe es ein Massensterben"

Angesichts der Katastrophen in Burma und China, gerät Darfur im Westsudan aus dem Blickwinkel - dabei dauern die blutigen Kämpfe dort seit fünf Jahren an. Ein Gespräch mit der EU-Nothelferin Corinna Kreidler.

Liest "Harry Potter" zum Ausgleich: Corinna Kreidler ist seit einem halben Jahr als Nothelferin in Darfur

BRIGITTE.de: Sie leben seit September letzten Jahres in Nyala, der größten Stadt in Darfur, und die Stadt gilt als sicher. Haben Sie in Gedanken schon oft Ihre Koffer gepackt?

Corinna Kreidler: Nein. Mein Vertrag läuft bis April 2009, so lange möchte ich auf jeden Fall bleiben, unter Umständen sogar länger. Aber ich gebe zu: Wäre mein Mann nicht mit mir hier, wäre es viel schwieriger durchzuhalten.

BRIGITTE.de: Durch den Bürgerkrieg mussten mindestens drei Millionen Menschen aus ihren Häusern fliehen. Sie arbeiten für den Dienst für humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission, der Gelder in Millionenhöhe an Hilfsorganisationen verteilt, damit diese gezielt vor Ort ihre Projekte durchführen können. Fällt es angesichts des großen Leids nicht schwer, quasi Schicksal zu spielen?

Corinna Kreidler: Wir versuchen, die Projekte sehr sorgfältig zu prüfen und zu sehen, ob die Angebote wirklich den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Dafür fahre ich direkt in die Lager. Sind die Lager sehr groß, ist es schwierig, sich ein Bild zu machen, mehrere 10 000 Menschen sind keine Seltenheit, ein riesiges Hüttenmeer bis an den Horizont. Auch die Landwirtschaftsprojekte, die für das Lager organisiert wurden, sind schwer zu überblicken: Kommen sie wirklich der Mehrheit der Flüchtlinge zugute, wer profitiert letztlich von dem Saatgut oder den Getreidemühlen? Auch die Scheichs, die in den Lagern Autoritäten sind, bedienen sich unter Umständen kräftig bei der Nahrungsmittelverteilung, die Grenze zur Korruption liegt manchmal nahe. In den kleineren Lagern fällt es uns leichter, die Situation einzuschätzen.

BRIGITTE.de: Wenn Sie in ein Lager kommen, sehen Sie häufig ausgemergelte Kinder, die den nächsten Tag vielleicht nicht mehr erleben. Wie verkraften Sie das?

Corinna Kreidler: Das sind in der Tat Bilder, die mir lange nachgehen. Vor einigen Wochen habe ich in einem Lager einen Säugling gesehen, bei dem man jede Rippe zählen konnte, dabei war das Mädchen schon in einem Sonderzelt für die ganz schweren Fälle. In einem anderen Lager habe ich länger drei Mädchen beobachtet, die apathisch unter einem Baum saßen. Ihre Mutter war im Krankenhaus, es war nicht klar, wer die Mädchen mit Essen versorgt, ob sie irgendwann zur Schule gehen würden. Ich habe dann später mehrfach im Lager nachgefragt, damit sich jemand um die Mädchen kümmert. Ich kann nur einige Schicksale wirklich an mich herankommen lassen, und es gibt mir Kraft, wenn ich gezielt etwas tun kann. Manchmal ist es aber auch ganz gut, wenn sich in meinem Büro die Projektanträge türmen, das lenkt mich ab.

BRIGITTE.de: Gibt es auch Momente, in denen Sie das Handtuch werfen möchten?

Corinna Kreidler: Klar. Ein Beispiel: Wir haben in der Nähe einer Stadt ein Lager aufgebaut, alles funktioniert, die Menschen haben Saatgut und Geräte bekommen, ernten Hirse, die für ein paar Monate reicht - und dann wird die Stadt von Rebellen angezündet, alles im Umkreis liegt in Schutt und Asche. Trotzdem hilft es nicht, in Resignation zu verfallen. Die Leute, die hier leben, haben keine Wahl. Wenn wir alle gehen würden, würde es zu einem Massensterben kommen.

BRIGITTE.de: Erleben Sie häufig, dass Helfer in Darfur depressiv werden?

Corinna Kreidler: Manchmal. Die Hoffnungslosigkeit in der Bevölkerung ist so groß, dass einige Helfer deutliche Ermüdungserscheinungen haben. Es ist keine Verbesserung in Sicht, und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die Öffentlichkeit mittlerweile abgestumpft ist. Viele Helfer gehen auf eigenen Wunsch relativ schnell wieder weg, wer ein Jahr bleibt, ist schon lange dort. Das ist auch der Grund, warum qualifizierte Camp-Manager fehlen, die ausreichend Erfahrung vor Ort gesammelt haben. Andere dagegen reagieren zynisch, das Leid prallt komplett an ihnen ab. Ich erlebe das oft bei Männern, die schon 20 Jahre in Krisengebieten gearbeitet haben. Insgesamt ist die Situation paradox: Wir könnten in Brüssel vielleicht noch eine halbe Million Euro zusätzlich für Darfur mobilisieren, aber finden keine Partnerorganisation, die sich aufrafft und in einer hintersten Ecke des Landes ein Büro aufmacht - die Desillusionierung ist schon so weit fortgeschritten. Von anderen Krisengebieten kenne ich das anders: Hilfsorganisationen waren da, nur das Geld fehlte.

BRIGITTE.de: Wie gelingt es Ihnen, sich immer neu zu motivieren?

Corinna Kreidler: Ich versuche ganz bewusst, die Gesamtlage Darfurs auszublenden, da sich im Moment sowieso keine politische Lösung abzeichnet, und mich an einzelnen Erfolgen zu freuen. Vor einiger Zeit habe ich im Norden ein kleines Lager angeschaut, wo die Organisation Oxfam die Wasserversorgung und die hygienischen Bedingungen sehr gut hingekriegt hat, es gibt praktisch keine Durchfallerkrankungen mehr. Das Lager ist sauberer und, sozusagen, würdiger als andere. Dass es den Menschen dort offensichtlich gut geht, macht mich glücklich.

BRIGITTE.de: Werden Sie als Frau von den Einheimischen überhaupt akzeptiert?

Corinna Kreidler: Ich denke, ich bin für ein männlich geprägtes Land wie den Sudan eine kulturelle Zumutung. (lacht) Ich versuche, nicht Anstoß zu erregen, mich seriös anzuziehen, lange Ärmel, Rock bis zu den Knöcheln. Mein Verhältnis zu den Einheimischen ist normalerweise sehr distanziert. Ein bisschen netter und persönlicher wird es erst, wenn ich eine Frauengruppe treffen kann, ich brauche dann nur eine Sudanesin, die übersetzt.

BRIGITTE.de: Erfahren Sie dort auch etwas von den Vergewaltigungen, die im Sudan an der Tagesordnung sind?

Corinna Kreidler: Das Thema ist absolut tabu, die Frauen sprechen normalerweise nicht darüber, auch weil das ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt senkt. Außerdem haben sie die Erfahrung gemacht, dass es überhaupt nichts bringt, zur Polizei zu gehen, es wird eh niemand zur Rechenschaft gezogen. Auf der anderen Seite kenne ich eine Reihe wirklich taffer Sudanesinnen aus den Ältestenräten der Dörfer. Sie versuchen, Vergewaltigungsopfer medizinisch und psychologisch zu unterstützen. Oder sie kümmern sich darum, dass Frauen, die außerhalb der Lager Feuerholz suchen, von Männern begleitet werden, damit sie nicht überfallen werden.

BRIGITTE.de: Sind Sie in Darfur schon mal überfallen oder bedroht worden?

Corinna Kreidler: Nein. Wir passen allerdings sehr auf, fahren nicht mit dem Auto in Flüchtlingslager, sondern mit dem Hubschrauber, da auf den Straßen täglich Hilfskonvois angegriffen, Autos einkassiert werden. Nach sieben Uhr abends benutzen wir unser Auto aus Sicherheitsgründen sowieso nicht mehr, deshalb können wir dann auch nirgendwo hin fahren.

BRIGITTE.de: Was machen Sie, wenn Sie Darfur mal für eine Zeitlang vergessen wollen?

Corinna Kreidler: Ich habe endlich angefangen, Harry Potter zu lesen. Die Welt der Muggel und Zauberer hat mit Darfur so gar nichts zu tun, das ist ungemein entspannend.

Infos zur Darfur-Krise

Der Bürgerkrieg in der westsudanesischen Wüstenregion Darfur brach vor fünf Jahren aus. Die mehrheitlich schwarzafrikanische Bevölkerung fühlte sich von der arabischstämmigen Regierung in Khartum nicht angemessen vertreten und forderte mehr Mitbestimmung im Staat. Die Aufstände der Rebellen wurden von arabischen Milizen der Regierung blutig niedergeschlagen, dabei kam es zu Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung, Massakern und Vergewaltigungen, ganze Dörfer wurden zerstört. Trotz des Einsatzes von Friedenstruppen der UN und der Afrikanischen Union dauern die Kämpfe zwischen Rebellengruppen und Regierung nach wie vor an. Nach neuen Angaben der Vereinten Nationen sind im Konflikt in Darfur mindestens 300 000 Menschen gestorben. Mindestens drei Millionen Menschen mussten aus ihren Häusern fliehen. Die Europäische Kommission vergibt über ihren Dienst für humanitäre Hilfe (ECHO) Gelder für Hilfsprojekte, die von Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen, Welthungerhilfe oder Oxfam durchgeführt werden.

Interview: Franziska Wolffheim Foto: Ilja Mess

Wer hier schreibt:

Franziska Wolffheim
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