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Das Leben Made in China

Es gäbe viele Gründe, chinesische Waren zu boykottieren. Die Frage ist nur: Geht das überhaupt noch? BRIGITTE-Mitarbeiterin Andrea Benda hat es ausprobiert.

Seit Wochen bin ich damit beschäftigt, Gegenstände auf den Kopf zu drehen. Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen, führt häufig zu erstaunlichen Erkenntnissen. Meine Computermaus zum Beispiel. Von oben betrachtet sagt sie: "Sieh mal meine makellose, weiße Oberfläche. Bin ich nicht ein sexy Qualitätsprodukt aus Kalifornien?" Dreht man sie aber um, wird sie plötzlich geschäftsmäßig: "Mag ja sein, dass ich irgendwann mal an einem kalifornischen Designer vorbei getragen wurde. Ansonsten bin ich aber so was von Made in China. That's global business, baby!"

Der Grund, warum ich mich neuerdings von Alltagsgegenständen demütigen lasse, ist das Buch "Ein Jahr ohne 'Made in China'" von Sara Bongiorni. Die amerikanische Wirtschaftsjournalistin saß eines Weihnachtsmorgens im Müll der Geschenkverpackungen und machte eine Bestandsaufnahme der Bescherung: 25 Geschenke stammten aus China, 14 aus dem Rest der Welt. Dazu kamen der Weihnachtsschmuck, das Hundespielzeug, die Winterstiefel, die Ringelsocken am Kamin - alles mit freundlichen Grüßen aus dem Reich der Mitte. Mehr aus Neugier als aus politischer Gesinnung wagte sie ein Experiment: Wäre es möglich, ein ganzes Jahr lang ohne chinesische Produkte auszukommen? Es war möglich, aber ein Albtraum. In Läden verbrachte Sara oft mehrere Stunden mit dem Lesen von Herkunftshinweisen, nur um mit leeren Händen heimzukehren. Sie stritt sich mit Kaufhausangestellten, kämpfte mit den Spielzeugwünschen ihrer Kinder und riskierte beinahe das Augenlicht ihres Mannes, weil sie keine nicht-chinesische Sonnenbrille fand.

Zwar sind die USA von der chinesischen Produktschwemme noch stärker betroffen als wir, aber auch Deutschland hat 2007 chinesische Waren im Wert von knapp 55 Millionen Euro importiert. Wer sich aber nicht die Mühe macht, sich nach dem Herkunftsstempel zu verrenken, kriegt oft gar nicht mit, wo China überall drinsteckt (es sei denn, das betreffende Produkt wird gerade zurückgerufen, weil es sich unerwartet als giftmülltauglich erwiesen hat). Und die Mühe macht sich wohl wirklich kaum einer. Auch jetzt, wo Chinas Tibetpolitik wieder hitzig diskutiert wird, gab es keine nennenswerten Aufrufe dazu, chinesische Waren zu boykottieren. Normalerweise eigentlich eine reflexhafte Handlung von Menschenrechtlern und aufrechten Demokraten, schließlich könnte man die Wirtschaftsmacht damit an einer empfindlicheren Stelle treffen als mit einem Boykott der olympischen Eröffnungsfeier.

Nach eingehender Prüfung der Dinge kann ich jedenfalls sagen: Der rote Drache hat es sich bei mir zu Hause richtig nett gemacht. Meine Kaffeemaschine, mein Fön, mein Drucker, die Druckerpatrone, mein DVD-Player, mein Fernseher - alle stammen aus China. Der halbe Inhalt meines Kleiderschrankes, der Schrank selbst. Mein Telefon - nicht mein Mobiltelefon, das ist Finne - aber der Akku, der so einem Handy ja erst strahlendes Leben einhaucht. Die Spielzeugautos für meine kleine Nachbarin. Und der Zeichentrickfilm "Made in Hollywood", aus dem mir im Abspann eine grotesk lange Reihe chinesischer Zeichner zuwinkt.

Seit einigen Tagen probiere ich jetzt, ohne chinesische Waren auszukommen, und bin bereits völlig am Ende. Ich freue mich zwar, wenn auf einem Etikett nicht die Volksrepublik als Absender erscheint, aber bei meiner Tastatur "Made in Malaysia" oder dem T-Shirt "Made in Bangladesh" breche ich auch nicht gerade in Freudentränen aus. Erstens ist es immer eine Enttäuschung, wenn der hippe Lifestyle aus Schweden, Amerika oder England sich als in Sweatshops zusammengestoppelte Illusion erweist. Zweitens frage ich mich, hin- und her gerissen zwischen Attac und Weltbank: Hemmt man diese Länder nicht in ihrer Entwicklung, wenn man ihnen keine Chance lässt, an der globalen Wirtschaft teilzunehmen? Oder trägt mein Paar Turnschuhe aktiv zur fortgesetzten Ausbeutung von Menschen bei, die meine Luxusgüter für Monatslöhne herstellen, für die man in Deutschland eine Viertelstunde parken könnte?

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In Billiglohnländern gefertigte Produkte komplett zu umgehen, ist jedenfalls so gut wie unmöglich. Denn: Wer weiß schon, was wirklich drin ist, wenn "Made in Germany" draufsteht? Wenn ein Teil, das in China hergestellt wurde (ein Schalter zum Beispiel) in Deutschland weiterverarbeitet wird (zu einer Lampe zum Beispiel), muss das auf dem Endprodukt nicht extra gekennzeichnet werden. Schwupps, schon verliert sich die Spur der asiatischen Verwandtschaft, dabei ist sie es, die das Licht an- und ausknipst. Ich gebe mir und meinem persönlichen China-Boykott also maximal eine Woche. Dann werde ich wohl zusammenbrechen und endlich meinen neuen Fotoapparat ausprobieren: Gehäuse aus Japan, Objektiv natürlich aus China. Ebenso wie Batterie und Speicherkarte. Wenigstens die Bedienungsanleitung ist in der EU gedruckt worden. Ich versuche jetzt einfach mal nicht daran zu denken, wer eigentlich das Papier erfunden hat.

Foto: Wolf/laif

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