Ein Tierpathologe klagt an: "Wir sind blind für das Leid unserer Hunde!"

Des Menschen bester Freund? Die Erfahrungen des Tierpathologen Achim Gruber sprechen eine andere Sprache. Er sagt: Unsere Hunde leiden genauso wie unsere Nutztiere – nur sehen wir das nicht. 

Eine Liebe, die weh tut

Das Wohl der Tiere liegt uns scheinbar zunehmend am Herzen: Wir beklagen die Qualen, die unseren Nutztieren zugefügt werden, kämpfen gegen Tierversuche, Kükenschreddern, Pelzmäntel und den Einsatz von Zirkustieren und Kutschpferden. Immer mehr Menschen leben vegetarisch oder sogar vegan, weil sie Tierleid verhindern möchten.

Doch für das Elend unserer heiß geliebten Haustiere sind wir blind – das zumindest behauptet Achim Gruber. Der Professor leitet die Tierpathologie der Freien Universität Berlin und hat in seinem Leben schon unzählige Tiere obduziert.

Gesundheitsrisiko: Diese Hunderassen dürfen auf keinen Fall mit in den Flieger!

Manchmal ist Gewalteinwirkung die Todesursache, ein Unfall, ein Virus oder Krebs. Aber unsere Tiere leiden vor allem unter gnadenloser Züchtung und unter ihrer Haltung. Denn wir vermenschlichen sie zunehmend und verlieren dabei ihre Bedürfnisse aus dem Blick.   

"Das Paradoxe ist, dass wir Tiere oft krank machen, indem wir ihnen Gutes tun wollen oder nur an unser eigenes Wohl denken", schreibt Gruber in seinem Buch "Das Kuscheltierdrama – Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere."

Wir degradieren unsere Vierbeiner zum Kuscheltier – um jeden Preis

Der Tiermediziner zitiert eine Studie, derzufolge Niedlichkeit gepaart mit Hilflosigkeit zu einer vermeintlich engeren Bindung zwischen Mensch und Hund führt. Ein Grund, warum wir ihn gern klein, süß und menschenähnlich mögen und dabei Gendefekte in Kauf nehmen, die ihn noch abhängiger von uns machen, als er ohnehin schon ist.

Der Pathologe glaubt, einen makaberen Trend ausgemacht zu haben: "Je üppiger das Leid der Tiere ausgeprägt ist, desto stärker sind unser Bindung, Hilfs- und Pflegebereitschaft und damit unser Kaufverhalten." Das wiederum nutzten Züchter mit ihren beliebten Defektzüchtungen aus.

Wir formen unsere Kuscheltiere wie es uns gefällt, und übersehen das Leid, das wir ihnen damit antun – Liebe, die weh tut.

Was Modehunde wie Mops und Bulldogge unter anderem eint, ist, dass ihnen die Schnauze weitgehend weggezüchtet wurde: Wenn das Gesicht wie beim Menschen flach ist und die Augen nebeneinander stehen, kommt schneller ein "Wir-Gefühl" auf, so Gruber - anders als wenn wir etwa einem Wolf in die Augen schauen. Dieses Gefühl täusche allerdings gewaltig: Der Experte hat die Erfahrung gemacht, dass wir unsere Tiere oft vollkommen falsch einschätzen.  

Ein Leben am Rande des Erstickungstodes

Gefragten Züchtungen wie Bulldoggen, Möpsen, Pekinesen oder Boxern wurde eine Kurzköfigkeit (Brachyzephalie) angezüchtet, die ihnen eine Ähnlichkeit mit dem Menschen verleiht. Die deformierte Nase führt aber dazu, dass diese Hunde häufig unter Atemnot leiden und dass die verkrüppelte Nasenschleimhaut keine Wärmeregulierung erlaubt. Die Folgen laut Gruber: Ein qualvolles Leben am Rande des Erstickungs- oder Hitzetodes. Die erschwerte Atmung führe auch dazu, dass viele dieser Hunde sich regelmäßig übergeben.

"Röchelndes Schnaufen ist nicht süß, sondern ein Ringen um das Leben. Atemzug für Atemzug ein Todeskampf."

Wasserköpfe sind en vogue

Die begehrte Kurzköpfigkeit wird bei der Zucht von Toy Dogs wie Chihuahuas, Möpsen, Bulldoggen und Yorkshire Terriern oft mit einer Neigung zum Wasserkopf kombiniert – eine beim Menschen gefürchtete Gehirnmissbildung, die bei Hunden gern verniedlichend als "Apfelköpfchen" bezeichnet wird. Diese Züchtung begünstigt, dass eine Rasse dem Kindchenschema entspricht und dem Menschen noch liebenswerter erscheint. Doch mit einem Wasserkopf werden auch Fehlfunktionen des Gehirns bis hin zur Lebensunfähigkeit in Kauf genommen.

Bandscheibenvorfälle und kaputte Herzklappen

Die kurzen, krummen Beine, die wir bei Dackel, Mops, Bulldogge, Basset und Corgi so schätzen, beruhen auf einem angezüchteten genetischen Defekt bei der Knorpelbildung. Dieser Gendefekt führt aber auch zu einer Minderwertigkeit des Knorpels in den Bandscheiben, weshalb diese Hunde oft schon in jungen Jahren Bandscheibenvorfälle erleiden. Dackel weisen außerdem besonders häufig eine Herzlappenverkrüppelung (Endokardiose) auf, was Atemnot und einen frühen Herztod nach sich ziehen kann. Übrigens: Die Züchtung besonders langbeiniger Hunde begünstigt schnell metastasierenden Knochenkrebs. 

Achtung, herausfallende Augen!

Auch der Hundeblick wird genetisch designt. Doch was manche als "süße Triefaugen" bezeichnen, sind in Wahrheit Entzündungen, die durch bestimmte Züchtungen begünstigt werden. Gruber berichtet auch von einem Mops, dem beim  Sprung vom Sofa eines der hervorstehenden Augen ausfiel. Einige Tierärzte hätten sich daher "zunehmend auf die Korrektur und Behandlung von angezüchteten Glupschaugen" spezialisiert.  

Wo ist meine Rute?

Die Stummelschwänze oder gänzlich fehlenden Ruten der gefragten Rassen sorgen außerdem für Schwierigkeiten beim Ausbalancieren von Bewegungen und bei der Kommunikation der Tiere. Die verkrüppelten Schwänze gehen außerdem oft mit Fehlbildungen der Wirbel, Kniescheibenverlagerungen und  einer Fehlentwicklung der Hüften (Hüftgelenkdysplasie) einher.

Natürliche Geburt ausgeschlossen

Weil die Köpfe einiger Rassen unnatürlich groß gezüchtet werden, können die Hündinnen ihre Welpen nicht mehr selbst gebären – die Jungen müssen per Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden. Hündinnen mit angezüchtetem Unterbiss sind nicht in der Lage, die Fruchtblase ihres Wurfs aufzubeißen, sodass der Züchter schnell handeln muss, damit die Welpen nicht ersticken.  

Wer schön sein muss, muss leiden

"Das Kuscheltierdrama - Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere" von Achim Gruber (Droemer HC, 19,99 Euro).

Dies sind nur kleine Einblicke in das Gruselkabinett der beliebten Defektzüchtungen. Auch scheinbar harmlose Fellfärbungen bei Dalmatiner oder Merle-Hund sind Gendefekte, die laut Gruber unter anderem mit Blindheit oder Taubheit einhergehen können.

Vielleicht kann sein Buch dazu beitragen, dass sich zur Flugscham nun auch noch die Haustierscham gesellt – und wir das Leid unserer angeblich besten Freunde endlich sehen und durch unser Kaufverhalten lindern. 

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.