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Delara Burkhardt "Politik wird nicht nur von alten weißen Menschen gemacht"

Delara Burkhardt
© Delara Burkhardt / Privat
Delara Burkhardt ist Teil unserer Serie #dubiststark. Sie ist aktuell die jüngste deutsche EU-Parlamentsabgeordnete. Wie geht es ihr aktuell? Mit uns spricht sie über Alters- und Geschlechter-Klischees in der Politik.

Wer an Politik denkt, hat alte weiße Männer vor Augen? Das war einmal! Denn dass man mit jedem Alter und Geschlecht etwas verändern kann, zeigt Delara Burkhardt. Die 28-Jährige SPD-Politikerin sitzt seit einem Jahr im EU-Parlament, die Hälfte der Zeit davon coronabedingt im Home Office. Wie fühlt es sich an, plötzlich mehr als 800.000 Menschen zu vertreten – und dabei zuerst einmal für die Sekretärin gehalten zu werden? Mit uns blickt Delara auf ihr erstes Jahr als EU-Parlamentsabgeordnete zurück. Wir präsentieren: Unsere starke Frau im November. 

Liebe Delara, wie geht’s dir mit der aktuellen Situation?

"Mir fehlt ein bisschen der Alltag als Europaabgeordnete, vor allem der Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen, aber auch das Unterwegssein. Ansonsten geht es mir gut und ich habe glücklicherweise das Privileg, dass ich einen Großteil meiner Arbeit aus dem Homeoffice machen kann."   

Ich wurde ständig für die Praktikantin gehalten

Wie sah denn vorher dein normaler Alltag aus und wie hat er sich jetzt quasi verändert?

"Das Coole am Abgeordnete sein ist eigentlich, dass es keinen normalen Alltag gibt. Jede Woche sieht anders aus. Regulär hätten wir mehrmals im Monat montags bis donnerstags Ausschusssitzungen in Brüssel und die Plenarwoche einmal im Monat in Straßburg. Es ist sehr durchgetaktet. Das hat sich grundsätzlich nicht geändert, nur dass es nicht mehr physisch stattfindet. Mit einer meiner liebsten Termine war freitags. Ich bin dann oft in Schulen gegangen und habe mit Schülerinnen und Schülern ein Projekt gestartet, wo Schulklassen zu meinen Politikberatenden werden. Generell bin ich viel unterwegs, um zu vermitteln: Was passiert eigentlich auf europäischer Ebene? Wir wissen, bei welchem Supermarkt Angela Merkel einkauft, aber wir wissen viel zu wenig über den europäischen Alltag und wie europäische Politik funktioniert. Das versuche ich, auch über soziale Medien, zu transportieren."  

Es wäre schön schön, wenn ich als junge Abgeordnete weniger Verblüffen hervorrufen würde, sondern junge Frauen in der Politik Regel statt Ausnahme werden.

Du hast dein erstes Jahr als jüngste deutsche EU-Parlamentsabgeordnete hinter dir. Glückwunsch! Wie wurdest du rückblickend aufgenommen?

"Das war schon ganz witzig. Also erstmal wurde ich, als ich da angekommen bin, überhaupt nicht für eine Abgeordnete gehalten. Ich wurde ständig für eine Assistentin oder Praktikantin gehalten. Eine Geschichte, die mir hierbei im Gedächtnis geblieben ist, ist, wie ich den Schlüssel von meinem Büro abholen wollte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits meinen Abgeordnetenausweis und habe diesen vorgezeigt. Die Frau bei der Ausgabe fragte mich darauf ganz verwirrt, für welchen Abgeordneten ich denn arbeiten würde. Sowas kann natürlich passieren, aber es wäre schön, wenn ich als junge Abgeordnete weniger Verblüffen hervorrufen würde, sondern junge Frauen in der Politik Regel statt Ausnahme werden."

Wurdest du mit vielen solcher Klischees konfrontiert?

"Meine Erfahrung ist, dass man gerade als junge Politikerin viel besser vorbereitet sein und mit mehr Wissen in Diskussionen und Verhandlungen gehen muss, um die gleiche Anerkennung zu bekommen wie andere. Aber ich muss eben auch sagen, dass es eine empowernde Erfahrung war, wie viel Vertrauen mir in meiner Fraktion, aber auch darüber hinaus entgegengebracht wurde. Im ersten Jahr meines Mandats wurde ich bereits zur Berichterstatterin für den Initiativbericht zur entwaldungsfreien Lieferkette im Umweltausschuss. Die Unterstützung, die ich im Rahmen dessen erhalten habe, war großartig und hat mich positiv überrascht."

Politik wird nicht nur von alten weißen Menschen gemacht.

Was rätst du anderen Frauen, wenn sie nicht ernst genommen werden?

"Man muss sich immer selbst daran erinnern, warum man an einer Stelle ist und warum man auch richtig an dieser Stelle ist. Zudem hilft es, sich gegenseitig zu empowern. Das machen wir auch im Europäischen Parlament, beim Netzwerk aus jungen Abgeordneten zum Beispiel, wo wir uns gegenseitig unterstützen und vernetzen. Mir persönlich hilft am meisten, mit mir im Reinen zu sein. Ich weiß, warum ich Abgeordnete bin, wen ich hier vertrete und wofür ich einstehe. Wenn andere denken, sie müssten mich aufgrund meines Geschlechts oder meines Alters nicht ernst nehmen, ist das ihr Problem."   

Wie schaffst du es denn, mit dir im Reinen zu sein? Woraus schöpfst du Kraft?

"Ich mache viel Sport, gehe unfassbar gerne laufen und kriege da den Kopf frei. Und dann ist es der Austausch mit Freundinnen und Freunden. Gerade bei den Jusos, wo ich viele junge Frauen kenne, die mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind, finde ich Inspiration und Unterstützung. Es hilft, Netzwerke zu bilden. Auch die Familie empowert mich. Außerdem motivieren mich Schülerinnen und Schüler, die mir schreiben, 'Hey, cool, ich wusste gar nicht, dass man als junger Mensch Politik machen kann und du hast mir da ein Fenster geöffnet‘."

Politik, gerade auf europäischer Ebene, wird nicht nur von alten weißen Menschen gemacht und es bestärkt mich in meiner Arbeit, wenn ich sehe, dass junge Menschen sich für Politik interessieren und sich einbringen wollen.“  

Apropos alte weiße Männer: Wie kommt man da als junge Politikerin denn gerade so klar?

"Ich glaube, dass junge Kollegen seltener als Kolleginnen auf ihr Alter reduziert werden. Ich muss ganz oft Dinge aus einer 'jungen Perspektive‘ betrachten, dabei bin ich auch Fachpolitikerin. Und ich merke es beim Thema Kleidung, wenn ich ein Kleid trage, wird es sofort kommentiert oder ich werde irgendwie auf mein Aussehen reduziert. Das sind Erfahrungen, bei denen ich mir ziemlich sicher bin, dass männliche Kollegen sie nicht, oder nur selten machen. Nach dem Aussehen eingeordnet zu werden, spricht für mich dafür, dass die einordnende Person es sich einfach machen will und lieber oberflächlich urteilt, als sich fachlich und politisch ernsthaft mit mir auseinanderzusetzen. Das passiert nicht nur jungen Menschen und nicht nur Frauen, sondern allen, die nicht der Norm entsprechen, die einige wenige als diese verkaufen wollen. Politik ist aber nicht weiß, sondern bunt!“  

Wie reagierst du darauf?

"Es kommt auf die Tagesform an. Manchmal bin ich bereit und frage, 'hättest du das jetzt auch zu einem Mann gesagt?'. Manchmal sage ich einfach Nichts und spare mir meine Energie für andere Auseinandersetzungen und meine Arbeit. Diesen Konflikt kennen sicher viele Frauen." 

Ja, leider. Was glaubst du denn, ist der richtige Weg?

"Ich finde es schon wichtig, dass wir über diese Dinge sprechen. Gerade in Bezug auf Kleidung denken viele Menschen, sie müssten in einem Beruf so und so aussehen – und so bitte nicht. Das lässt zu wenig Platz für Individualismus. Ich finde es cool und empowernd zu sehen, wie Leute ganz bewusst und offensiv damit brechen.

Grundsätzlich ist das eine sehr persönliche Entscheidung, ob man da jetzt aktiv immer wieder widerspricht. Aber ich finde es wichtig, dass dieser Widerspruch aufgemacht wird und doppelte Standards sichtbar gemacht werden. Es muss sich etwas ändern, aber ich sehe mich nicht permanent in der Pflicht, anderen zu erklären, warum es nicht ok ist, Frauen gegenüber solch ein Schubladendenken an den Tag zu legen. Die Leute, die sowas machen, sollten sich selbst mal fragen, warum sie das tun."   

Wir sollten uns bewusst machen, dass die Politik ein Ort ist, wo Entscheidungen über unser Leben und unsere Zukunft getroffen werden.

Du bist in einem Alter politisch aktiv geworden, in dem sich viele andere noch nicht einmal für Politik interessieren. Was sagst du Menschen, die meinen, Politik betreffe sie nicht?

"Ich bin der Meinung, dass wir uns bewusst machen sollten, dass Politik ein Ort ist, wo Entscheidungen über unser Leben und unsere Zukunft getroffen werden. Wenn wir diesen Bereich grundsätzlich ignorieren und sagen, 'das geht mich sowieso nichts an‘, wird sich halt auch nichts verändern. Deswegen wäre meine Botschaft, die Tagespolitik zu verfolgen und den Mut haben, sich einzumischen. Ich versuche hierzu verschiedene Kanäle zu öffnen und Hürden zu verringern. Gerade, dass ich über die sozialen Netzwerke ansprechbar bin, nehmen sehr viele Leute in Anspruch und es erleichtert auch mir, mit vielen unterschiedlichen Menschen aus Deutschland und ganz Europa in Kontakt zu kommen.“  

Die Entscheidung des Verfassungsgerichts in Polen, Abtreibungen faktisch zu verbieten, hat aufgezeigt, dass das, was unsere Generation als selbstverständlich ansieht, von einem auf den anderen Tag weg sein kann.

Auf Instagram kommen ja auch immer wieder politische Wellen auf, zuletzt aufgrund der Verschärfung des Abtreibungsgesetzes in Polen. Bringen solche Aktionen etwas?

"Absolut. Die Entscheidung des Verfassungsgerichts in Polen, Abtreibungen faktisch zu verbieten, hat aufgezeigt, dass das, was unsere Generation als selbstverständlichen ansieht, von einem auf den anderen Tag weg sein kann. Das ist auch Teil meiner Motivation, auf europäischer Ebene Politik zu machen. Leider können wir es nicht als garantiert nehmen, dass Dinge so bleiben, wie sie sind und sich nicht verschlechtern können. Gerade dort, wo Frauenrechte, Menschenrechte unter Druck sind, freuen sich die Betroffenen über jedes Zeichen der Solidarität. Im Fall der Proteste in Polen haben sich europaweit Menschen mit den hunderttausenden Demonstrant*innen solidarisiert und diese merkten: Wir sind nicht alleine. Wir haben Verbündete, die mit uns für das Recht auf Selbstbestimmung eintreten, die für die Rechte von polnischen Frauen kämpfen. Deswegen finde ich es wichtig, dass man sich solidarisiert – egal, in welcher Form."  

Glaubst du, das ist auch in Deutschland ein generelles Problem: Dass wir viele Frauenrechte, die schon bestehen, für selbstverständlich halten und uns darauf ausruhen?

"Jede Frau, die ich kenne, merkt an einem gewissen Punkt, dass sie mit anderen Standards gemessen wird als Männer in ihrem privaten und professionellen Umfeld. Dass sie sich anderen Herausforderungen stellen muss, mehr Hindernisse in den Weg gelegt bekommt. Niemand kann mir sagen, dass man das überhaupt nicht sieht. Persönlich habe ich mich, als ich die ersten Auseinandersetzungen mit feministischen Themen hatte, z.B. gefragt: Wieso brauchen wir denn eine Quote? Das ist doch etwas, das total selbstverständlich ist. Bis ich dann irgendwann gemerkt habe: Ach, warum sitzen denn hier nur Männer? So war es z.B. in meiner Uni der Fall. Es gab so viele Studentinnen und Dozentinnen, aber auf den Professuren dann auf einmal 90 Prozent Männer. Ungerechtigkeit ist überall im Alltag sichtbar und spielt in der Lebensrealität so vieler Menschen eine Rolle. Und das ist oft nur der sichtbare Teil des Eisberges. Strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung fallen uns oft schon gar nicht mehr auf, weil sie so omnipräsent sind oder, weil wir es leid geworden sind, dagegen anzukämpfen."

Die Corona-Krise hatte von Anfang an eine sehr starke Gleichstellungsdimension.

Glaubst du, Frauen sind auch stärker von der Coronakrise betroffen?

"Das glaube ich nicht nur, das ist in der gesamten EU und weltweit zu beobachten und zu belegen. Frauen, seien es Pflegerinnen oder Sachbearbeiterinnen im Einzelhandel, arbeiten oft in systemrelevanten Berufen und sind damit an vorderster Front den Gefahren des Virus ausgesetzt. Gleiches zeigt sich im Privaten. Wer leidet denn eher darunter, wenn z.B. Kitas dicht machen oder Schule zu Homeschooling wird? Die Pandemie hat verdeutlicht und unterstreicht auch aktuell, dass vor allem Frauen diese Aufgaben erfüllt haben und somit härter getroffen werden. Dementsprechend hatte die Corona-Krise von Anfang an eine sehr starke Gleichstellungsdimension. Unsere Aufgabe ist es nun, die politischen Antworten an diese Realität anzupassen. Ich hoffe, dass wir etwas aus der Krise mitnehmen. Dass es eben nicht reicht, mal zu klatschen,  zu sehen, wie wichtig z.B. Pflegerinnen und Pfleger sind, sondern dass wir auch endlich darüber reden müssen, dass es eine Aufwertung dieser Berufe und Aufgaben geben muss. Auch finanziell – denn klatschen zahlt keine Miete. “  

Sag mal, wie sieht’s denn bei dir persönlich im Lockdown aus? So ein paar typische Corona-Fragen dürfen natürlich nicht fehlen…

"Also ich versuche erstmal immer, meinen Tag und die Woche zu strukturieren. dazu gehört auch, bildschirmfreie Zeit einzuplanen, das ist gerade im Home Office relevant. Aber das Allerwichtigste ist, rauszugehen und an die Luft zu kommen. Um den Kopf klar zu kriegen. Das wäre so mein Nummer eins Tipp. Und dort dann, wo möglich,  lokale Unternehmen, Cafés und alle zu unterstützen, die sich kreativ etwas einfallen lassen.“  

Na gut, spazieren gehen, machen wir. Und was machst du zuhause? Hast du schon ein Lieblingsbananabread-Rezept?

"Nee, ich bin eher der Hefeteig-Typ! Mit Kürbis habe ich auch schon alles ausprobiert, Curry, Risotto, aber auch Kürbis-Zimtschnecken." 

Vollkommen verständlich. In diesem Sinne: Danke für das Interview und eine schöne Adventszeit!


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