Selbstmord von Robert Enke - der lange Leidensweg seiner Frau

Er wirkte immer so gelassen - doch innerlich quälten ihn die Tiefschläge seines Lebens: Am 10. November 2009 beging Nationaltorwart Robert Enke Selbstmord. Seine Frau Teresa hielt in allen Phasen zu ihm, sie stützte ihn und durchlitt mit ihm seine Depressionen.

Robert Enke und seine Frau Teresa im Mai 2008.

"Bevor man auf eine Situation zusteuert, die noch unglücklicher wird, ist es besser, man zieht einen Schlussstrich." Dieses Zitat stammt von Robert Enke. Am 10. November setzte er seine Worte, die er 2003 sagte, in die Tat um: Er nahm sich das Leben. Er hinterlässt seine Ehefrau Teresa und die gemeinsame acht Monate alte Adoptivtochter Leila.

"Wir dachten, wir schaffen alles. Wir dachten, mit Liebe geht das. Aber manchmal schafft man doch nicht alles." Auf einer Pressekonferenz von Enkes Verein Hannover 96 sprach Teresa Enke einen Tag nach dem Selbstmord offen über die Probleme und die Ängste ihres Mannes. Robert Enke habe sich schon seit Monaten wegen Depressionen behandeln lassen.

Erzählt hatte das Paar niemandem von seiner Krankheit, Enke fürchtete Konsequenzen für seine Karriere - und sein Privatleben. Würde man ihm wegen der Depressionen das Sorgerecht für seine kleine Adoptivtochter entziehen? Diese Frage ließ ihm keine Ruhe. Schon zu oft hatte das Schicksal dem Torhüter übel mitgespielt. Seine Frau begleitete ihn durch alle schwierigen Lebensphasen, sie hielt zu ihm, stützte ihn - und litt mit. "Ich habe versucht, für ihn da zu sein", erklärte die Witwe den Journalisten.

Robert und Teresa kannten sich seit über 13 Jahren, waren seit 2006 verheiratet. Sie versuchten, von ihrem Privatleben so wenig wie möglich Preis zu geben. Nur so viel ist bekannt: Die Enkes engagieren sich für den Tierschutz. Sie lebten gemeinsam im 600-Einwohner-Dörfchen Empede bei Hannover auf einem Bauernhof mit acht Hunden, die sie in Spanien und Portugal von der Straße holten, und einem Pferd. Das Dörfchen hat weder Bäcker noch Lebensmittelladen, aber dafür die Ruhe und Abgeschiedenheit nach der sich die kleine Familie so sehnte.

Robert Enkes sportliches und privates Leben war ein ständiger Wechsel aus Karrierehochs und Tiefschlägen. Die Biographie des gebürtigen Thüringers weist Brüche auf, Wendungen, Höhenflüge folgen Abstürzen und umgekehrt. Seine Frau war stets an seiner Seite.

Der Tod der Tochter

Hoffnungsschimmer: Robert Enke trägt stolz seine Tochter ins Stadion

2004 wurden die Enkes Eltern einer Tochter. Lara wurde mit einem schweren Herzfehler geboren. Die Enkes kämpften, sorgten für eine Rundumversorgung des Mädchens, das bei der Geburt 45 Zentimeter groß war und 2750 Gramm wog. Zwei Jahre wogten die Gefühle zwischen Hoffnung und der Erkenntnis, dass der Kampf vergeblich sein würde. 2006, nach drei Operationen, trug Robert Enke sein Kind stolz in der AWD-Arena auf dem Arm, zeigte sein ganzes Glück, strahlte. Doch kurze Zeit später, nach einer weiteren Operation am Ohr, starb das Kind im Alter von nur zwei Jahren.

Wenige Tage später wurde Enke erstmals wieder in die Nationalmannschaft berufen. Teresa Enkes Mann half es, weiter zu spielen und zu trainieren. "Fußball war sein Ein und Alles", sagt sie heute. Die Mannschaft habe ihm Halt gegeben. Sie selbst jedoch blieb mit ihrer Trauer allein. Viele Menschen verkraften den Tod ihres Kindes nie. Bei den Enkes schien es, als würden sie diese schwierige Aufgabe meistern. Sie adoptierten im Mai 2009 ein zwei Monate altes Mädchen namens Leila.

Berufliche Tiefschläge

Bis sich Robert Enke bei Hannover 96 in der Bundesliga etablieren konnte und sogar zum Nationaltorhüter aufstieg, war es ein langer und weiter Weg, der auch als "leidvolle Odyssee durch Europa" (Welt, 5.8.2004) bezeichnet wurde. Er wurde als großes Torhütertalent gehandelt - doch auch er konnte in seiner ersten Bundesligasaison 1999 als Stammtorwart den Abstieg mit Borussia Mönchengladbach nicht verhindern.

Mit 22 Jahren wechselte er ins Ausland und stieg bei Benfica Lissabon zum Stammtorhüter und zum Mannschaftskapitän auf. Doch beim FC Barcelona folgte 2002 der erste große Knick. Enke konnte sich nicht durchsetzen, bald wechselte er zu Fenerbahce Istanbul. In der Türkei setzte sich der Absturz fort. Von den Fans beschimpft und mit Bierflaschen beworfen, löste er seinen Vertrag auf und flüchtete arbeitslos nach Barcelona, wo seine Frau Teresa und die Hunde warteten. Ein halbes Jahr ohne Beruf und ohne Gehalt - in dieser Zeit ließ sich Enke zum ersten Mal wegen Depressionen behandeln. Als sich sein Zustand stabilisierte, wechselte der Torwart über den Umweg Teneriffa nach Hannover - und wurde in einem Umfeld, das ihn verehrte, wieder zum Nationalspieler.

Vor einem Jahr musste Enke einen erneuten Rückschlag verkraften, als der Bayern-Profi Philipp Lahm ihm bei einem Trainingsspiel mit einem Schuss das Kahnbein in der linken Hand brach. "Warum? Warum ich? Sport und Fußball sind mein Leben. Es ist nicht einfach, wenn das plötzlich wegfällt", sagte Enke dazu.

Die Fans hofften vergeblich: Eine Darm-Infektion brachte Robert Enke um den sicheren Platz im Nationalteam

Im Herbst dieses Jahres zwang ihn eine Virus-Infektion zum Aussetzen. Dabei war Enke ganz nah dran an seinem Karrierehöhepunkt. Bundestrainer Joachim Löw hatte ihn bis zum Jahresende als Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft auserkoren, alles deutete darauf hin, dass er bei der WM-Endrunde in Südafrika im Tor stehen würde. Doch die Krankheit brachte ihn um den Einsatz gegen Russland in der WM-Qualifikation - und sein Konkurrent René Adler (Bayer Leverkusen) hielt glänzend. Der Kampf um die Nummer eins im deutschen Tor war nun wieder völlig offen.

In dieser Phase kehrten die Depressionen, die er lange unter Kontrolle zu haben schien, mit voller Wucht zurück. Enke begab sich wieder in Behandlung bei seinem langjährigen Arzt Valentin Markser, weigerte sich jedoch, in eine Klinik zu gehen. "Ein Selbstmord zeichnete sich meiner Ansicht nach nicht ab", sagt Markser rückblickend. "Es gab keine Indikation für eine mögliche Zwangseinweisung." Auch Teresa Enke ahnte nichts von den Suizidgedanken ihres Mannes.

Sein letzter Tag

Viele Menschen versammelten sich spontan, um um den beliebten Nationaltorhüter zu trauern

Am 10.11.2009 nahm sich Robert Enke das Leben. Er ließ sich von einem Zug überfahren. Der 32-Jährige hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem er sich bei Angehörigen und Ärzten entschuldigte. Seine Frau Teresa Enke traf kurz nach der Tat an der Unfallstelle ein, brach beim Anblick von Roberts Leiche zusammen.

Text: Katrin Schmiedekampf, Michèle Rothenberg Fotos: Getty Images(3), imago(1)

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