Der Irak-Krieg kommt nach Hause

Seit Ende Juni ziehen die USA ihre Soldaten aus dem Irak ab. Zurückkehren werden Menschen, die der Krieg verändert hat. Doch auch Amerika selbst hat sich verändert, sagt die Journalistin Annett Heide.

BRIGITTE.de: Als Sie mit Ihrem Mann, dem Stern-Korrespondenten Jan Christoph Wiechmann, im März 2003 von Berlin nach New York zogen, fielen die ersten Bomben auf Bagdad. Wie haben Sie die Stadt damals erlebt?

Annett Heide: Wir hatten uns sehr auf New York gefreut wie überhaupt auf Amerika. Aber das Gefühl, das sich dann einstellte, war: Diese selbstherrlichen Amerikaner lassen die Welt explodieren! Zwar hatten einen Monat zuvor noch Hunderttausende in dem Land gegen den nahenden Krieg im Irak protestiert. Aber als Bush dann den Einsatzbefehl gab, war die Stimmung überwiegend patriotisch - selbst in Brooklyn, dem liberalen Stadtviertel, in dem wir wohnen. Dort hingen zwischen all den Transparenten mit Aufschriften wie "The people say no" oder "Give peace a chance" eben auch hellgelbe Schleifen, die die Unterstützung der Truppen symbolisierten.

BRIGITTE.de: Viele haben sich freiwillig gemeldet, um in den Krieg zu ziehen, darunter alte Männer, Frauen und sogar Teenager, die vom Gesetz her zu jung sind, um Bier trinken zu dürfen – warum?

Annett Heide: Tatsächlich wollten die meisten im Irak vor allem ihrem Vaterland dienen. Außerdem verspricht das "Army Career Center" ihnen Erfolg, Geld und ein bezahltes Studium - falls sie lebend zurück kommen.

BRIGITTE.de: Können Sie verstehen, warum Menschen für etwas so Abstraktes wie "Vaterland" ihr Leben riskieren?

Annett Heide: Heute wesentlich mehr als damals: Viele junge Leute, die wir interviewt haben, wollten die Freiheit schützen und Amerikas Ideale in die Welt hinaus tragen. Sie dachten, sie seien Befreier und täten etwas Gutes und erschraken dann zutiefst, als sie auf der Straße beschimpft wurden und man sie mit Steinen bewarf.

BRIGITTE.de: Dann wurden die ersten Tote nach Hause gebracht. Wie hat man darauf reagiert?

Annett Heide: Die Stimmung im Land begann sich zu verändern. Ich habe es zuerst an Kleinigkeiten bemerkt: Unsere Babysitterin beispielsweise, eine linksliberale Lesbe, fing irgendwann an, Quilts für die Gefallenen zu nähen und sie deren meist Familien zu schicken. Sie unterschied zwischen dem Krieg, den sie politisch ablehnte, und den Angehörigen, die sie als Mensch unterstützen wollte. Für die Familien war es extrem wichtig, zu spüren, wie vollkommen Fremde an ihrem Schicksal Anteil nahmen. Erst so konnten sie es verarbeiten. Und je mehr Soldaten tot zurückkamen, je mehr Verletzte es gab, je mehr Verstümmelte, Entstellte oder seelisch Gebrochene, desto mehr wandelte sich der Patriotismus der Amerikaner in Mitmenschlichkeit. Es war sehr bewegend, dies mitzuerleben.

BRIGITTE.de: Hat es Sie selbst auch verändert?

Annett Heide: Mein Blick auf die amerikanische Gesellschaft hat sich verändert, absolut, ja. Ich bin nach wie vor gegen diesen Krieg, aber ich kann die Menschen, die ihr Leben dafür riskiert haben, nicht mehr so einfach verurteilen. Nick Berg zum Beispiel. Er ging mit Anfang 20 in den Irak. Er war kein Soldat, er wollte dort als Radiofachmann die Infrastruktur für die Vernetzung mit der Welt wieder aufbauen. Doch dann wurde er entführt und vor laufender Kamera enthauptet. Nicks Vater hat seinen Tod nie überwunden - wie auch?

BRIGITTE.de: In Ihrem Buch "Als Jimmy starb", das Sie gemeinsam mit Ihrem Mann geschrieben haben, erzählen Sie auch von Abby: Es ist die Geschichte einer 20jährigen Frau mit zwei kleinen Mädchen, deren Mann BJ ohne Beine, mit nur einer halben Nase und schwersten Verbrennung zurückgekehrt ist. Statt zu verzweifeln, bekommt sie drei weitere Kinder von ihm.

Annett Heide: Abby ist zwar eine zierliche Person, hat aber unglaublich viel Kraft und eine ungebrochen positive Einstellung. Sie ist stolz darauf, dass er im Krieg war. Und beide sind nach wie vor überzeugt davon, dass der Krieg richtig war. Ich kann nicht sagen, dass ich sie verstehe, aber die Art, wie sie ihr Leben lebt, finde ich bewundernswert.

BRIGITTE.de: Im Oktober 2010 werden Sie mit Ihrer Familie nach Deutschland zurückkehren: Was werden Sie aus dieser Zeit als besonders wertvoll mitnehmen?

Annett Heide: Die Begegnungen mit Menschen wie Abby und BJ. Durch sie haben wir die andere Seite, die menschliche Seite des Krieges kennen gelernt – und Amerikaner, die anteilnehmend sind, herzlich, hilfsbereit und selbstlos.


Annett Heide, 41, ist Redakteurin der Berliner Zeitung. Sie lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern seit 2003 in New York City.

Buchtipp

Annett Heide, Jan Wiechmann: Als Jimmy starb. Wie der Krieg nach Hause kommt. Reportagen. BvT 2008, 8,90 Euro.

Interview: Gunthild Kupitz Foto: privat/ iStockphoto.com

Wer hier schreibt:

Gunthild Kupitz
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