Der Tod ist ein schönes Erlebnis

"Ich habe das Sterben aus der Toilette geholt", sagte die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross über ihre Arbeit. Am Dienstagabend ist sie in ihrem Haus im US-Bundesstaat Arizona gestorben. Sie wurde 78 Jahre alt. Auf Brigitte.de schildert der Fernsehjournalist Franz Alt seine Erinnerungen an Elisabeth Kübler-Ross. Er hat sie in ihren letzten Lebensjahren mehrfach interviewt.

Ich hatte Elisabeth Kübler-Ross erstmals vor sechs Jahren mit meinem Fernsehteam in ihrem abgelegenen Haus in der Wüste von Arizona bei Phoenix besucht. Hier lebte sie allein. Vor über 40 Jahren war sie nach dem Medizinstudium und einer behüteten Schweizer Kindheit mit ihrem Mann, dem Arzt Kenneth Ross, in dessen Heimat ausgewandert. Vor ihrem Haus wehte die Schweizer Fahne.

Sie war die bekannteste lebende Schweizerin und mit 23 Ehrendoktor-Titeln wohl die wissenschaftlich am meisten ausgezeichnete Frau der Welt. Ihre größte Lebensleistung war, dass sie weltweit Tod und Sterben enttabuisiert oder - wie sie selbst sagt - "aus der Toilette geholt" hat.

Ihre 22 Bücher zum Thema Sterben sind in 25 Sprachen übersetzt. In den letzten zehn Jahren wartete Elisabeth Kübler-Ross nach ihrem sechsten Schlaganfall selbst auf den Tod und sagte: "Ich muss noch viel lernen, bevor ich hinüber kann - hauptsächlich Geduld."

Die Frau hatte Hunderte von Sterbenden in ihren Armen gehalten. In welchem Zustand aber würden wir sie im Angesicht ihres eigenen Todes vorfinden? Noch ehe wir die damals 72-jährige im dunklen Wohnzimmer ihres Pueblo-Indianer-Hauses in ihrem Liegestuhl sahen, fielen mir die vielen frischen Blumensträuße auf, die ihr Verehrer aus der ganzen Welt geschickt hatten. Hier lag sie 18 Stunden am Tag wach und allein; nur im Fernseher bewegte sich etwas - den ließ sie fast immer laufen.

Bloß keine unanständigen Fragen!

"Wenn Sie unanständige Fragen stellen, bekommen Sie einen Karateschlag", drohte sie zur Begrüßung und ballte die schwach gewordene Faust. Die Frau war körperlich krank, aber mental völlig fit. Früher war sie für 2000 Sterbehospize in den USA verantwortlich. Heute können sich Zehntausende Sterbende in Hospizen auf der ganzen Welt auf den Tod vorbereiten. Das ist ihr Verdienst.

Damals hatte „Der Spiegel“ berichtet, Elisabeth Kübler-Ross würde bei ihrem eigenen Tod ihre Thesen widerlegen. Nein, nein, das sei absoluter Quatsch, sagte sie mir. "Der Tod ist eine beglückende Erfahrung. Es gibt gar keinen Tod. Der so genannte Tod ist ein Übergang in eine andere Frequenz." Was ist ein Übergang?, wollte ich wissen. Und ob sie wirklich daran glaube?

"Ich glaube gar nichts. Ich weiß." Darauf bestand sie als Wissenschaftlerin immer wieder. Niemand sterbe allein, sagte und lehrte Elisabeth Kübler-Ross gut 40 Jahre lang. Auf jeden Sterbenden warten "drüben" die Menschen, die ihm im Leben am nächsten standen. "Das lässt sich erforschen. Viele Sterbende, die bereits einen Blick hinüber werfen konnten, aber wieder reanimiert wurden, haben mir das erzählt und zwar unabhängig von Religion oder Kultur, von arm oder reich, von jung oder alt." Kann das alles nicht auch eine Täuschung sein, eine Halluzination?

Sie lernte von sterbenden Kindern

Mit tiefem Ernst erzählte die Sterbeforscherin von ihrer Arbeit mit sterbenden Kindern nach einem Autounfall. Diese Kinder hätten nicht wissen können, dass im Nachbarkrankenhaus vor zehn Minuten ihr Bruder und ihre Mutter gestorben waren, die ebenfalls schwer verletzt worden waren. Aber sie hätten ihr gesagt: "Frau Dr. Ross, mein Bruder und meine Mutter warten schon auf mich." Die Sterbeforscherin hatte diese Aussagen der Kinder ernst genommen und erst später erfahren, dass Bruder und Mutter tatsächlich schon tot waren. Solche Erfahrungen rütteln heftig an unseren Alltags-Gewissheiten.

Elisabeth Kübler-Ross hat ihre Erlebnisse mit Hunderten von Sterbenden protokolliert, sie hat Tausende von Sterbeprotokollen gesammelt. Ich fragte sie, ob sie aufgrund dieser Erfahrungen den Moment des Todes näher beschreiben könne. "Der Moment des Todes ist ein ganz befreiendes, schönes Erlebnis. Man löst sich von seinem Körper, der vielleicht im Bett liegt. Man beobachtet ihn von oben ohne Angst und ohne Schmerzen und ohne Heimweh. Sterbende haben Glücksgefühle. Sie lösen sich von ihrem Körper wie ein Schmetterling aus seinem Kokon. Der Glückszustand der Transformation vom körperlichen zum körperlosen Zustand ist unbeschreiblich schön."

Wer sinnvoll lebt, fürchtet den Tod nicht

Die weitverbreitete Angst vor dem Sterben führte die Sterbeforscherin auf die heutige Angst vor dem Leben zurück. Es gebe zu wenig Urvertrauen in das Leben und die Schöpfung. Das sei bei den alten Indianern, den alten Aborigines in Australien, den alten Leuten in Hawaii, aber auch bei den alten Bauern in der Schweiz und in Deutschland ganz anders. Sie schauten am Ende ihres Lebens auf ihr Land und auf ihre Arbeit und wüssten, dass sie sinnvoll gelebt haben. Wer diese Gewissheit besitze, der habe auch keine Angst vor dem Tod.

Aber fast alle Sprachen kennen doch Begriffe wie "Todesangst" oder "Sterbensangst". Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass es eine ganz natürliche Angst vor Tod und Sterben gibt? Nein, nein, beharrte sie. "Die Angst vor dem Tod ist eine künstliche Angst, die erst mit dem technischen Fortschritt in den letzten 200 Jahren gekommen ist. Mit der Technologie und der Apparate-Medizin, mit der Entfremdung in den Familien, mit der Abwesenheit von spirituellen und religiösen Ritualen."

Warten auf den Tod: Elisabeth Kübler-Ross in ihrem Haus in Arizona

Wenn die Menschen nicht zu verängstigt wären, könnten sie alle selbst zur Erkenntnis kommen, dass der Tod "ein einmaliges, schönes, befreiendes Erlebnis ist." Man löst sich von seinem Körper wie ein "Schmetterling von seinem Kokon". Schmetterlinge! Das Bild ist ein Schlüsselwort zum Verständnis ihrer Arbeit. Nach 1945 hatte die junge Elisabeth in Konzentrationslagern in Polen hunderte Schmetterlinge gesehen, die in Wände geritzt waren. Bevor die Menschen in die Gaskammer mussten, hatten sie mit ihren Fingernägeln Schmetterlinge eingraviert.

Luftballons bei ihrer Beerdigung

Schon damals hatte sie sich gefragt: " Warum Schmetterlinge?" Erst Jahrzehnte später fand sie die Antwort. Bei ihrer Arbeit mit sterbenden Kindern stieß sie wieder auf das Schmetterlings-Motiv. Viele krebskranke Kinder zeichnen kurz vor ihrem Tod Bilder, auf denen Schmetterlinge das Schlüsselmotiv sind. Jetzt erkannte sie: Schmetterlinge sind Ur-Symbole der Transformation, des Übergangs von einem Leben zu einem anderen. Symbole der Verwandlung. Kleine sterbende Kinder wurden große Lehrmeister für sie.

"Der Tod", sagte die Sterbeforscherin, "ist ein Übergang auf eine andere Ebene. So wie Ei, Larve, Raupe, Schmetterlinge." Für ihre eigene Beerdigung hatte sie Vorsorge getroffen. Die Filmfigur E.T. war ihr Liebling. Spielbergs E.T.-Film schaute sie oft auf Kassette an. Mindestens fünf E.T.-Figuren sah ich in ihrem Zimmer. Auf mehrere hundert Luftballons ließ sie einen E.T. aufdrucken. Ihr Sohn soll sie fliegen lassen, wenn sie tot ist. "Das wird ein Fest", sagt sie. Der Filmregisseur hat ihr dazu nicht nur die Erlaubnis gegeben, er will auch demnächst einen Spielfilm über das Leben der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross drehen.

Kontakte zu Geistern

Wiedersehen mit Elisabeth Kübler-Ross

An ihrem 75. Geburtstag im Juli 2001 traf ich sie wieder. Sie saß immer noch im Rollstuhl, körperlich ging es ihr jetzt besser. Sie erzählte viel von der Notwendigkeit bedingungsloser Liebe und sie sprach von ihren Kontakten zu Geistern. "Wie soll ich mir das vorstellen?", wollte ich wissen. "Ich spreche mit denen, so wie wir jetzt sprechen." "Ein inneres Gespräch?" "Ja, es ist ein intuitives Sprechen. Nicht über die Ohren. Man hört mit dem Geist und dem Herzen." Sie lachte laut, weil ihr klar war, dass solche Sätze vor einer Fernsehkamera sehr umstritten sein werden. Einmalige Verdienste um die Sterbeforschung spricht dieser Frau niemand ab. Aber manchmal halten auch Freunde und Verwandte sie für esoterisch überspannt.

Nahtod- oder Todesnähe-Erlebnisse nennt inzwischen auch die Forschung die Phänomene, von denen Frau Kübler-Ross so selbstverständlich erzählte. Aber Soziologen der Universität Konstanz haben schon 1999 herausgefunden, dass in Deutschland drei Millionen Menschen Erfahrungen mit einer Reise ins Jenseits haben. Was wissen wir Heutigen schon von den Landschaften der Seele?

Jetzt darf sie tanzen

Elisabeth Kübler-Ross hat immer wieder beschrieben, dass ein authentisches Leben die beste Voraussetzung für ein gutes Sterben sei. Was heißt das: ein authentisches Leben? "Ich gebe Ihnen ein Beispiel für Authentizität: Wenn ich in Europa gefragt werde, was ich vom Präsidenten der USA halte, dann sage ich offen und ehrlich: Er ist ein Arschloch. Ein starkes Wort. Aber eine authentische Aussage. Verstehen Sie?" Ja. Wer der Sterbeforscherin zuhörte, konnte erleben, dass die eigene Angst vor dem Tod schwächer und die Neugier größer wird.

Vor einem Jahr musste sie in ein Altersheim umziehen. Die neue Abhängigkeit gefiel ihr gar nicht, sagte sie mir am Telefon. Aber sie musste noch immer warten auf den Tod. Und wurde immer ungeduldiger. Ob sie nach ihrem Tod auf die Erde zurück wolle, war die letzte Frage, die ich ihr stellen konnte. „Nein, nein,“ sagte sie bestimmt. „Ich tanze bald durch die Galaxien.“ Jetzt ist ihr letzter Wunsch in Erfüllung gegangen. Jetzt darf sie tanzen.

Franz Alt, www.sonnenseite.com
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