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Die mittelalterliche Beginenkultur


Wie der Bremer Beginenhof stellen sich immer mehr Frauen in die Tradition der mittelalterlichen Ordensbewegung. Aber wer waren eigentlich diese Beginen?

Unter dem Begriff 'Beginen' werden laienreligiöse Frauengemeinschaften des Mittelalters zusammengefasst. Woher der Name 'Begine' stammt, ist wissenschaftlich ungeklärt. Spekulationen zufolge bezieht er sich auf die Heilige Begga, oder leitet sich ganz einfach von der ursprünglich beigefarbenen Kleidung der Beginen ab. Aus dem mittelalterlichen Stadtbild sind sie jedenfalls nicht wegzudenken. In Köln wurden für den Zeitraum von 1200 bis 1600 über 150 Konvente gezählt, in denen bis zu 2000 Frauen lebten, aus anderen Dokumenten geht hervor, dass die Beginen bis zu sechs Prozent der erwachsenen Stadtbevölkerung ausmachten.

Woher kommen diese Frauen?

Die historische Beginenbewegung entwickelte sich aus einer religiösen Reformbewegung des 12. und 13. Jahrhunderts. Urchristliche Werte wie Bescheidenheit, Solidarität und religiöse Ernsthaftigkeit sollten wieder ins christliche Gedächtnis gerufen werden. An dieser Bewegung waren Frauen maßgeblich beteiligt: Sie zogen in Gruppen durchs Land, interpretieren die heiligen Schriften und traten sogar als Predigerinnen auf. Viele Frauen forderten Aufnahme in die bis dahin noch ausschließlich männlichen Ordensgemeinschaften. Die Kritik an der Institution Kirche war unüberhörbar. Einige Frauen begannen - unabhängig von der kirchlichen Obrigkeit - eigenständige religiöse Lebensformen zu entwickeln. Aus Brabant und Flandern kommend, breitete sich diese "Aufbruchbewegung" schnell über Belgien, die Niederlande, Deutschland und Frankreich aus.

Religion, Bildung und Arbeit

Überall entstanden kleinere und größere Beginenkonvente, klosterähnlich strukturierte Hofanlagen mit Wohnhäusern, Werkstätten, Kapellen und Gemeinschaftsräumen.

In den Konventen lebten die Frauen in kleineren Wohngemeinschaften zusammen. Sie konnten aber auch außerhalb des Konvents wohnen, und sich dennoch zur Gemeinschaft zählen, wenn Sie regelmäßig an den Gebetsstunden und Zusammenkünften teilnahmen.

Demokratische Strukturen

Die frühen Beginen kamen meist aus dem Adel oder städtischen Mittelstand. Erst später schlossen sich Frauen und Mädchen aus allen Schichten der Bewegung an. Das Leben im Beginenkonvent bot ihnen die Möglichkeit zu selbstständiger Arbeit und Bildung, und stellte für viele Frauen eine annehmbare Alternative zu Ehe und Familie dar.

Das Zusammenleben im Konvent war auf demokratischer Basis und in "flachen Hierarchien" organisiert. So wurde beispielsweise die Vorsteherin (Meisterin, Grande Dame oder Groote Juffrouw) des Hauses von den im Konvent lebenden Frauen für ein bis zwei Jahre gewählt. Sie verwaltete das Vermögen der Gemeinschaft und vertrat den Orden nach außen, gegenüber den kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten. Beschlüsse wurden auf den wöchentlich oder monatlich stattfindenden Versammlungen erörtert und gemeinsam getroffen.

Anders als die katholischen Nonnen, legten die Beginen kein lebenslanges Gehorsams- und Keuschheitsgelübde ab, die Frauen konnten den Orden jederzeit und ohne soziale Ächtung wieder verlassen, etwa um zu heiraten oder anderenorts zu arbeiten.

Auch das Armutsgelübde war den Beginen fremd

Der Beginenorden war kein Bettelorden, vielmehr strebte er neben der religiösen auch die ökonomische Unabhängigkeit an. So lautete ein wesentlicher Grundsatz der Beginen: "Eine Jede möge sich durch Ihrer eigenen Hände Arbeit ernähren können."

Daraus leiteten sie ihre starken wirtschaftlichen Aktivitäten ab. Sie übten handwerkliche und pflegerische Berufe aus und kümmerten sich um die Ausbildung und Unterrichtung von Mädchen und jungen Frauen. In einigen Handwerksbetrieben, wie der Tuchmacher- oder der Wappenstickerei, erwarben sich die Beginen mit der Qualität ihrer Arbeit hohes Ansehen und erzielten beträchtliche finanzielle Erfolge.

Die Erlöse flossen in die Gemeinschaft, in die Armenversorgung und Krankenpflege oder wurden in neue Wohn- und Werkstätten investiert. Die vermögenden Konvente verliehen sogar Geld an die Stadträte, und sicherten sich damit die Unterstützung der Kommunen.

400-jährige Blüte

Der wirtschaftliche Erfolg der Beginen und ihre zunehmende religiöse Selbstständigkeit führten bald zu Konflikten mit Handwerkszünften und Klerus. Papst Clemens V. entzog den Beginen auf dem Vienner Konzil 1311 die Anerkennung des laienreligiösen Standes. Vorerst blieb diese Aberkennung aber ohne Wirkung für das alltägliche Leben, doch mit fortschreitender Inquisition wurden auch Beginen als Hexen und Ketzerinnen verfolgt. Erst Mitte des 15. Jahrhunderts stellte Papst Eugen IV. die "rechtgläubigen" Beginen wieder unter den Schutz der katholischen Kirche.

Doch um diese Zeit begann sich der Unmut bei den Zünften zu regen. Die wirtschaftliche Konkurrenz in den Städten spitzte sich zu und da die Beginen auf eigene Rechnung, d.h. zunftunabhängig produzierten, wurden sie schnell zur Zielscheibe der entbrannten Konkurrenzkämpfe. Das Recht auf ökonomische und religiöse Unabhängigkeit mussten sie sich immer wieder erstreiten. Nichtsdestotrotz hielt sich die Bewegung über vier Jahrhunderte. Erst die Reformation des 16. Jahrhunderts führte zur Auflösung der Beginenkultur. Die Ansichten Luthers, dass Frauen ausschließlich zu Hausfrauen und Müttern geschaffen seien, griffen immer weiter um sich. Alleinstehende Frauen, und solche, die mit anderen in Gemeinschaften lebten, sanken immer mehr im öffentlichen Ansehen. In den Niederlanden und in Deutschland wurden die Beginenkonvente aufgelöst. Die Frauen wurden regelrecht auf die Straße gesetzt, und galten mancherorts als vogelfrei. Einzige Ausnahme war Belgien, wo einige Konvente - wie etwa der Beginenhof von Kortrijk - erhalten blieben. Hier lebte bis 1981 die letzte europäische Begine.

Links zu modernen Beginen

Begine e.V., Berlin-Schöneberg: Unter dem Motto "Gemeinsam leben und arbeiten" stand das Hausprojekt in den achtziger Jahren. Die Frauen versetzten den maroden Altbau mit viel Eigenarbeit in einen nutzbaren Zustand. Sie schufen Wohnraum für Frauen und Kinder, gründeten eine betreute Mädchenwohngemeinschaft, bauten eine Werkstatt aus und boten Raum für unterschiedliche Frauenprojekte und -gruppen. Mit dieser Initiative wurde aus der ehemaligen Berliner Eckkneipe ein Café und Veranstaltungsort für Frauen: die Begine. www.begine.de

Beginen e.V., Köln: Ziel des Kölner Beginen e.V. ist die Vernetzung selbstständiger Frauen-Unternehmen in Köln und Umgebung. Der Verein unterstützt Frauen, die sich in der Privatwirtschaft selbstständig machen und Unternehmen gründen wollen. www.beginen.de

Beginenhof, Bremen: Die Wohnanlage am Bremer Buntentorsteinweg wurde im Frühjahr 2001 fertiggestellt und fast hundert Frauen und Kinder sind eingezogen. Generationsübergreifendes Wohnen ist ein Hauptaspekt des Projektes. Der Bremer Beginenhof erfüllt die Richtlinen der Agenda 21 und wurde wegen der 'Vielzahl an zukunftsweisenden Aspekten' als ein weltweites Expo 2000 Projekt ausgewählt. www.beginenhof.de

Beginenhof 'Liselotte', Tännich/Thüringen: Die Frauenstiftung "Liselotte Pohl, geb. Henn" und eine eigens gegründete GmbH sanieren eine Hofanlage im Thüringer Wald. Bis zu 30 Frauen werden auf dem Hof leben können. In den ebenerdigen Räumen werden Veranstaltungs- und Arbeitsräume eingerichtet. Einige Wohnungen/Apartements sind bereits bezogen. Es gibt die Möglichkeit, auf diesem Hof Kurse zu besuchen und Ferien zu machen. www.beginenhof-thueringen.de

Netzwerk schwesterlicher Art, Schüpfheim/Schweiz: Sieben Schweizerinnen wollen an der alten Lebensform der Beginen anknüpfen. Eine "fortschrittlich, christlich engagierte Fraueninitiative", die für Frauen jeder Konfession offen ist. www.kath.ch

BeginenWerk e.V., Berlin-Kreuzberg: Das BeginenWerk unterstützt seit zehn Jahren wohnungslose Frauen in Berlin bei der Wohnungsuche, und bietet Notunterkünfte an. Ein genossenschaftliches Wohnungsbauprojekt in Berlin-Kreuzberg ist ebenfalls in Planung. (BeginenWerk e.V., Bergmannstrasse 96, 10961 Berlin, e-mail: Beginenwerk@aol.com).


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