Die WG

Vor 20 Jahren haben Ina und Silke Schönwälder, Tina Huchthausen, Martin Keune und Horst Gass schon einmal zusammengewohnt. Jetzt sind sie wieder in eine Wohngemeinschaft gezogen - mit drei Kindern, einer Katze und einem Hund

Die Adresse mitten in der Berliner City zwischen Tiergarten und KaDeWe, "Interconti" und Zoo erweist sich als grau-weißer 70er-Jahre-Bau. Ein lang gezogener siebenstöckiger Betonblock mit Fahrstuhl und langen Fluren. Seelenlos, könnte man sagen. Wenn man noch nicht drin war. Die Wohnungstür im ersten Stock ist bunt bemalt, eine dicke 18 und ein Mädchengesicht künden von einer zurückliegenden Geburtstagsparty. Dahinter ein scheinbar endloser Zimmerschlauch von 330 Quadratmetern. Die Glaswand zwischen den beiden weiß möblierten Wohnküchen und das dunkle Parkett zeigen: Hier wurde nicht sonderlich gespart. Diese WG ist anders.

Angefangen hat alles vor 20 Jahren. Da wohnten Martin Keune und Ina Schönwälder, ihre Zwillingsschwester Silke Schönwälder und Horst Gass schon einmal zusammen in einer WG. In einem Kreuzberger Loft. Ina studierte damals Architektur. Martin war schon im Job als Werbetexter. Horst studierte Technischen Umweltschutz. Und Silke organisierte den kultigen Kreuzberger Mittagstisch "Tana dei Briganti", eine Anlaufstelle für Freunde der Maremma- Küche. Da kamen Leute wie Götz George oder Joschka Fischer. Alles ging jahrelang wunderbar, bis Ina sich in den Zahnarzt-Studenten Andreas Bormann verliebte. Martin zog aus und Andreas ein. Bald darauf fand Martin Tina Huchthausen, eine Kommunikationswirtin. Aber alle blieben mit allen in freundschaftlichem Kontakt. Horsts erster Eindruck über den schicken Andreas - "Den bringst du aber nicht noch mal mit!" - hatte sich offenbar schnell zum Guten geändert. Auch Tina guckte anfangs erst etwas argwöhnisch auf die ewig toll gestylte Ina. Aber der vorsichtige High-Noon-Abstand schmolz, als beide Frauen zugleich schwanger waren. Da gab es Berührung, da war Gemeinsames. Und gewachsene Sicherheit, dass es so bleibt, mit Martin und mit Andreas. Die jungen Mütter tauschten sich aus, halfen sich, verreisten zusammen. Inas Tochter Gesa hat sogar an Tinas Brust genuckelt, als ihre Mutter mal nicht da war. Auch als Andreas mit Frau und Tochter in seine Heimatstadt Hildesheim zurückging, um dort eine Zahnarztpraxis aufzumachen, wurde enger Kontakt gehalten. Martin fuhr von Berlin zum Zahnarzt nach Hildesheim. Und jedes Jahr gab es gemeinsame Familienurlaube.

Freundschaft für immer. Silke und Horst waren inzwischen mit Tochter Kyra in ein kleineres Loft gezogen. Tina und Martin wohnten mit drei Söhnen in einer Eigentumswohnung. Und Ina hatte für ihren Mann die "schönste Zahnarztpraxis Deutschlands" entworfen und eingerichtet, jedenfalls erhielt sie diese Auszeichnung, was Ina viele Aufträge für Praxen einbrachte. Aus den wilden WG-Genossen waren drei etablierte Kleinfamilien geworden. Die Kinder wuchsen heran, die Geschäfte liefen gut.

Und dann, vor drei Jahren, hatte Martin eine Vision: eine neue WG in einer ganz besonderen Immobilie. Neben der Werbeagentur Zitrusblau, die er mit Tina betreibt, stand eine ganze Etage zum Verkauf. Ein Schnäppchen. Viel Beton, jede Menge Zwischenwände, abgehängte Decken - andere Käufer rannten schreiend weg, er hatte Bilder im Kopf, die traumhaft waren. Er mailte nach Hildesheim: "Wir brauchen euch hier." Es war eher ein Spaß. Dass Ina und Andreas ihre Existenz nicht einfach aufgeben konnten, um nach Berlin zurückzukommen, war eigentlich klar. Aber Martin ist so. Ein Perpetuum mobile. Projekte anstoßen, mal sehen, wohin sie rollen. Eine Alters-WG, warum nicht schon damit anfangen, wenn man noch gar nicht alt ist? Schließlich mussten einige größere Umbauten und Umzüge vorgenommen und finanziert werden. Wann, wenn nicht jetzt?

Es gab keine Antwort aus Hildesheim. Denn einen Tag später war alles anders. Ein Autounfall. Andreas tot. Ina aus der Welt geschleudert. Am selben Tag versammelten sich alle bei Ina. Silke, Horst, Martin, Tina bildeten eine Schutzmauer um sie. Teilten ihre Trauer, den Schock. Wochen später war er auf einmal da, der Gedanke: Jetzt erst recht, wir ziehen alle zusammen - keiner weiß mehr, wer es zuerst aussprach. Aber dass sich alle sofort einig waren, das steht fest. Ina und ihre Freunde hatten auf einmal statt Endzeitgedanken eine Perspektive, Gesa die Aussicht auf eine neue Familie. "Ich wurde gehalten, getragen", erinnert sich Ina.

Martin baute ein Modell. Auf dem Geburtstag der Zwillingsschwestern in Berlin wurde es bestaunt, wurden Wände hin- und hergeschoben und schon mal Zimmer verteilt.

Die Familien der Zwillinge bezogen den vorderen Wohnungsteil. Tina und Martin leben mit den Söhnen hinten. In beiden Teilen gibt es eine Wohnküche mit Riesen-Esstisch, Sofa und allen Koch- Schikanen. Auf der linken Seite liegen die Zimmer der Kinder und Eltern mit mehreren Bädern. Von beiden Wohnbereichen aus führen Türen auf ein Vordach. Ein richtiger kleiner Garten mit Rasengrün und Vogelzwitschern. Die Hofbäume entfalten ihre Kronen genau vor den WG-Terrassen.

Stress um Müll und Finanzen kann es nicht geben. Denn die sind säuberlich getrennt. Auch ein Hintertürchen ist eingebaut. Beide Wohnbereiche sind von zwei Treppenhäusern aus getrennt zu betreten, wenn man will. So können sie jederzeit geteilt und einzeln verkauft werden, sollte es mal größeren Streit oder einfach nur andere Pläne geben. Davor fürchtet sich keiner. Seit drei Jahren leben sie miteinander, überzeugt, dass es für alle gut so ist.

Martin, der Motor der Freundes-Clique, sagt solche Sätze: "Wir sind für Unglücksfälle natürlich besser aufgestellt als eine Kleinfamilie." Und auf die Frage, was die Freundschaft zwischen so vielen, so verschiedenen Menschen über so lange Zeit eigentlich ausmacht, sagt er: "Liebe und Lässigkeit." Tina sagt: "Wir sind großzügig, unkompliziert, tolerant und egozentrisch." Soll auch heißen: gleich stark. Die zarte brünette Ina, 48, die hübsche blonde Tina, 52, die aparte Silke, 48, die inzwischen Yoga-Lehrerin ist und gar nicht wie Inas Zwilling aussieht. Und Martin, 48, und Horst, 52, die emanzipiert genug sind für ihre starken Frauen. Keiner könnte oder wollte dem anderen die Butter vom Brot nehmen. Jeder hier ist eine Bereicherung. Jeder ist mit jedem auf eine bestimmte Weise verbunden. Dass die drei Teenager Leonard, Lorenz und Gesa, die noch bei den Eltern leben, davon profitieren, ist klar. Mehr Geschwister, mehr Eltern, mehr Kühlschränke.

Und alle zusammen haben einen Stil. Tina und Ina freuen sich immer riesig, wenn die neue "Frame", ihre Lieblings-Architektur-Zeitschrift, gekommen ist, dann kauern sie auf einem der Sofas und rufen abwechselnd: "Ist das schööön!"

Oder sie gehen alle gemeinsam Schlittschuhlaufen. Oder Roxana kommt, die russische Klavierlehrerin, dann haben Gesa, Lorenz, Leonard und Martin ihren Unterricht. Martin und Horst gehen zusammen laufen im Tiergarten. Und mittwochs tanzen Martin und Tina zusammen Gesellschaftstanz.

Sogar die Ehen blühen in diesem Umfeld auf. Früher haben Silke die vielen Geschäftsreisen ihres Mannes manchmal genervt. Heute ist sie umgeben von so viel Leben, auch wenn er manchmal fehlt. Und bei Ehestreit mischen alle mit? Tina lacht: "Da hat man was zum Durchhecheln. Und es gibt immer Verteidiger für beide Seiten." Genug Beteiligte sind ja da.

"Wenn einer heult", sagt Ina, "klar wird da gefragt, was los ist." Martin nennt es "emotionalen Luxus", wie sie miteinander leben. Nie allein mit Sorgen und Gefühlen. Und Rückzug? Die Waldeinsamkeit, die jeder manchmal braucht? Martin meint: "Kuschelecken hat man entweder im Kopf oder gar nicht." Und wenn die Schlafzimmertür zu ist, ist sie zu. Die Intimsphäre wird geachtet, selbstverständlich. Man ist erwachsen. Außerdem fahren sie an den Wochenenden aufs Land. Ina, Silke und Horst haben dort ein Haus. Und Tina und Martin haben ein anderes. Dort besuchen sie sich aber auch oft und gern.

Text: Vera Sandberg Fotos: Sabine von Breuning
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.