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Gemeinschaftsprojekt Diese Frau strickt gegen Femizide an – und ihr könnt mitmachen!

Anja Kernchen: Anja Kernchen hält gestricktes Quadrat in den Händen
© Katrin Binner
Anja Kernchen hat ein Gemeinschaftsprojekt gegen Gewalt an Frauen aus Italien nach Deutschland geholt - und sucht nun viele fleißige Hände, die mitstricken und -häkeln. 

Anja Kernchen sagt, sie werde "weinen vor Freude, wenn wir den Platz auslegen", das wisse sie jetzt schon. Denn die Projektleiterin von "Viva Vittoria Darmstadt" hat Großes vor: Sie will mit vielen anderen auf 2000 Quadratmetern den Friedensplatz beim Residenzschloss in ein riesiges Kunstwerk aus bunten Woll-Quadraten verwandeln. In der Gesamtschau wird es aussehen, als hätten die Maler Mondrian und Klimt gemeinsam mit Verhüllungskünstler Christo ihr Bestes gegeben. Dabei sind es Anja Kernchen und ihre Mitstricker:innen, die am 4. und 5. März 2023, dem Wochenende vor dem nächsten Internationalen Frauentag, das Thema Gewalt gegen Mädchen und Frauen großflächig und spektakulär sichtbar machen.

Gewalt gegen Frauen hat seit 2020 zugenommen

Das Leid geschieht meist im Verborgenen, zu Hause, hinter verschlossenen Türen. Oft sind Partner, Verwandte oder Bekannte die Täter. Und die Pandemie hat die Lage noch verschärft. 2020 stieg beim bundesweiten Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" (08000-11 60 16) die Zahl der Beratungen um 15 Prozent, 2021 gab es mit mehr als 54 000 Beratungen ein weiteres Plus von fünf Prozent.

Anja Kernchen hat die Idee für die Mitmachaktion aus Italien, wo die 58-Jährige mehrere Monate im Jahr lebt, seit ihre drei Kinder aus dem Haus sind. In Brescia, Darmstadts Schwesterstadt in der Lombardei, wurde das kreative Gemeinschaftswerk Ende 2015 erstmals verwirklicht, nachdem allein in jenem Jahr fünf Frauen aus der Stadt und der Umgebung Opfer eines Femizids geworden waren, also einer Tötung aufgrund ihres Geschlechts. Mit einem riesigen Teppich aus kleinen Quadraten, die Frauen und Männer gestrickt oder gehäkelt hatten, wurde die Piazza della Vittoria vollständig bedeckt. Die Patchwork-Decken wurden anschließend verkauft. Fast 80 000 Euro kamen so für Projekte gegen Gewalt an Frauen zusammen. Seitdem gibt es die Aktion in vielen italienischen Städten – und nun erstmals im großen Stil auch außerhalb Italiens.

"Diese Aktion zu erleben und ein Teil dieses großen Miteinanders zu sein, war überwältigend", erzählt Kernchen, die sich lange für die Notfallseelsorge Darmstadt engagiert hat und in den letzten zehn Jahren in der Einsatznachsorge für Rettungskräfte tätig war. Als sie 2019 in ihrer zweiten Heimat Bergamo bei "Viva Vittoria" mitmachte, wusste sie sofort, dass sie sich mit ganzer Kraft ehrenamtlich für dieses Netzwerk einsetzen will: "Die Dynamik, Stärke und Faszination der Vittoria-Frauen ist riesig. Und jedes kleine Patchwork-Stück steht für ein persönliches Nein zur Gewalt."

Jede Hilfe ist willkommen, um 8000 Woll-Quadrate zu stricken 

Als habe jede einzelne Decke eine Seele, so empfindet Kernchen die Besonderheit der Gemeinschaftsaktion, deren Erlös an Wildwasser e.V. Darmstadt geht, eine Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt, und an den Hilfefonds des Frauenhauses Darmstadt. Und damit ordentlich was zusammenkommt, darf fleißig mitgestrickt und -gehäkelt werden: Für das Projekt werden überall Macher:innen gesucht, die bis zum bis 20. Februar 2023 die insgesamt rund 8000 benötigten kleinen Quadrate aus waschbarer Wolle fertigen (Kontakt zu Projektleiterin Anja Kernchen unter Tel. 0174/259 41 11 oder per Mail: vivavittoria.darmstadt@gmail.com).

Die Quadrate im Format 50 x 50 Zentimeter sollen mit einer Signatur oder einem Schleifchen persönlich gekennzeichnet werden. Immer vier werden später in Räumen, die von der Stadt Darmstadt gestellt werden, zu größeren Decken (ein mal ein Meter) zusammengenäht und zum Abschluss auf dem Friedensplatz für 20 Euro verkauft. Willkommen sind auch Wollspenden sowie Unterstützer:innen, die die einzelnen Quadrate mit rotem Faden zu Patchwork-Decken verbinden und mit einem Etikett auszeichnen.

"Besonders Spaß macht das in der Gruppe", erzählt Anja Kernchen. "Da haben sich schon einige zusammengefunden, in ganz Deutschland." Auch Frauen aus der Ukraine, die jetzt hier leben, haben Handarbeitskreise gebildet und stricken mit. "Wir haben unsere Flugblätter mit der Anleitung für sie übersetzen lassen und stellen Wolle, Nadeln und blau-gelbe Label mit Friedenstaube zur Verfügung – als besondere Signatur." Und so wird es im März auf dem Friedensplatz auch Decken geben, denen ein glühender Protest eingestrickt ist gegen die Gewalt, die Frauen im Krieg erleiden müssen.

Brigitte

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