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Sexistischer Doppelstandard Warum müssen Frauen sich jeden Tag so einen Mist anhören?

Doppelstandard: Mit unserer Gesellschaft machen Frauen wirklich was mit
Mit unserer Gesellschaft machen Frauen wirklich was mit.
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Der finnischen und der neuseeländischen Premierministerin wurde eine sexistische Frage gestellt. Wann haben wir so etwas schon mal erlebt? Ach ja: ständig.

Da wären wir also mal wieder: Wir haben einen jungen, beruflich erfolgreichen, weiblichen Menschen auf der einen Seite – und Doppelmoral, Sexismus und Frauenfeindlichkeit auf der anderen. Man könnte dessen fast überdrüssig werden, ließe es nicht stetig aufs Neue die Wut hochkochen.

Es handelt sich um eine Situation, die Frauen auf der ganzen Welt immer wieder erleben müssen, egal wie alt, bekannt, erfolgreich sie sind. Immer wieder zeigt ihnen die Gesellschaft, dass für sie andere Regeln gelten, dass der Blick, der auf ihnen lastet, kritischer und skeptischer ist als der Blick, dem sich die Männerwelt stellen muss.

"Wurden Barack Obama und John Key das jemals gefragt?"

Welcher Mann muss sich so albernen Fragen stellen?
Welcher Mann muss sich so albernen Fragen stellen?
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Aber von vorne: Während einer Pressekonferenz in Auckland nach einem diplomatischen Treffen zwischen der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern und der finnischen Premierministerin Sanna Marin, traute sich eine besonders eifrige Person, die Frage aller Fragen zu stellen: "Trefft ihr euch nur, weil ihr ähnlich alt seid und viele Gemeinsamkeiten habt? Ihr wisst schon, als ihr in die Politik gegangen seid und so?"

Man kann nur hoffen, dass sich alle im Raum befindlichen Personen einig waren, dass diese Frage eine – gelinde gesagt – unsinnige war, aber Ardern wäre keine Politikerin, wenn sie darauf keine geschickte Gegenfrage parat gehabt hätte: "Ich frage mich, ob irgendjemand jemals Barack Obama und John Key gefragt hat, ob sie sich getroffen haben, weil sie ähnlich alt sind?" Es sei Fakt, dass der Anteil an Männern in der Politik höher sei, "aber wenn sich zwei Frauen treffen, liegt das nicht nur an ihrem Geschlecht".

Was machen Frauen eigentlich so den lieben langen Tag?

Wenn zwei Frauen sich treffen ...
Wenn zwei Frauen sich treffen ...
© konradbak / Adobe Stock

Worüber hätten zwei junge Frauen in Machtpositionen denn reden sollen, außer über den witzigen Zufall, dass sie beide ähnlich alt sind? Marin zumindest nutzt ihre kleine Tournee nicht wegen übrig gebliebener Vielflieger:innenmeilen: Beim Treffen mit Ardern ging es um die Bekräftigung der engen diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern, um die Energieversorgung, die Reaktion auf den Klimawandel, die internationale Förderung von Gleichberechtigung und von Menschenrechten und nicht zuletzt um den russischen Angriffskrieg. Ganz nebenbei handelte es sich um das erste Mal, dass ein:e finische:r Premierminister:in Neuseeland besucht. 

Bestimmt sitzen die beiden Politikerinnen kichernd auf einem pinken Plüschsofa

Aber sicherlich, wenn die beiden neben all dem "Politikgerede" noch Zeit gehabt haben, dann ging es ganz ohne Zweifel bestimmt auch um ihr ähnliches Alter. Ich kann es mir richtig vorstellen: "Hach, ist das nicht ulkig?", sagt in meiner Fantasievorstellung Ardern, auf einem neonpinken Plüschsofa sitzend zu Marin. "Ich kann nicht aufhören zu kichern", bestätigt Marin und versteckt ihr Lächeln peinlich berührt hinter einem mit Federn bestückten Fächer. Wie es eben so läuft unter Frauen. Oder etwa nicht?!

Was Frauen sich tagtäglich für einen Mist anhören müssen

Man muss bei manchen Fragen aufpassen, dass die Augen nicht bis in den Kopf hineinrollen
Man muss bei manchen Fragen aufpassen, dass die Augen nicht bis in den Kopf hineinrollen.
© Moschiorini / Adobe Stock

Jetzt kann man sagen: Meine Güte, der Journalist vor Ort hat eben eine dumme Frage gestellt, so etwas kann doch jedem Menschen mal passieren. Und das stimmt auch. Wir sind alle nur Menschen, wir sagen gerne mal dumme Sachen – ein Blick in die dunklen Ecken der sozialen Medien bestätigt das. Aber der Fall mit Marin und Ardern ist ja beileibe nicht die Ausnahme und deutet auf ein viel tiefergehendes Problem hin. Denn es ist schon erschreckend, wie oft Frauen sich übergriffigen, sexistischen und frauenfeindlichen Fragen stellen müssen.

Wohlgemerkt von einer Frau wurde Sängerin Rihanna 2014 gefragt, wonach sie bei einem Mann suchen würde. Ihre Antwort: "Ich suche keinen Mann. Fangen wir da an." Schauspielerin Scarlett Johansson wurde auf ihrer PR-Tour für den Film "Avengers" so oft danach gefragt, was für eine Art von Unterwäsche sie unter ihrem hautengen Anzug trug, dass sie nur noch ungläubig fragen konnte:

"Du bist ungefähr die fünfte Person, die mich das fragt. Was geschieht hier? Seit wann ist es für Interviews angebracht nach der Unterwäsche gefragt zu werden?"

Sängerin Ariana Grande wurde bei einer Radiosendung vor die Wahl gestellt, worauf sie eher verzichten würde: Smartphone oder Make-up? "Soll das ein Scherz sein? Nimmt dieser Typ hier wirklich an, dass das die Sachen sind, zwischen denen sich Mädchen entscheiden müssten?" Trans Model Katie Couric musste tatsächlich die Frage über sich ergehen lassen, ob ihre Geschlechtsteile sich verändert hätten. Sie verwies auf Gesprächsthemen, über die sie lieber reden würde, zum Beispiel ihre Karriere. Vergessen wir auch bitte nicht Angela Merkel, die eine Zeit lang Schlagzeilen wegen ihres Dekolletés machte – als starrte alle Welt nur auf die Brüste der Kanzlerin.

Sexistischer Doppelstandard: Können wir bitte einfach damit aufhören?

Es ist schon lächerlich, wie weit ich die Aufzählung fortführen könnte. Hier noch einmal zusammengefasst: Können wir uns bitte einmal alle fragen, ob solche Fragen wirklich sein müssen und darauf ein klares "Nein" als Antwort finden? 

Wer hat schon einmal ein Interview mit Männern erlebt, bei dem es um ihre Unterwäsche ging? Ob sie sich zwischen Fußball und Bier entscheiden könnten? Werden Männer gefragt, ob sie nicht doch Kinder haben wollen und es irgendwann zu spät sei und sie es bereuen würden? Ob sie sich nicht doch die lieber die Haare färben sollten, weil "Grau irgendwie alt macht"? Ob sie nicht endlich mal heiraten wollen oder warum niemand sie heiraten wolle? Ob sie nicht einmal mehr lächeln könnten?

Die gesellschaftlichen Standards für Männer und Frauen sind immer noch Lichtjahre voneinander entfernt – und ehrlich gesagt wird das langsam schlicht und ergreifend langweilig. Hören wir doch auf damit. Jetzt.

Verwendete Quellen: thelatch.com, youtube.com, buzzfeed.com

Brigitte

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