Väter, sagt Ja zu euren Kindern!

Die Diagnose Down-Syndrom endet meist mit einer Abtreibung - auch, weil viele Väter sich gegen das Kind entscheiden. Die Kampagne "Väter sagen Ja" will das ändern.

Knuffig sieht er aus, der alte, rote Steyr-Trecker aus dem Jahr 1962, mit seinen fröhlich-gelben Rädern. Sicher, mit seinen 17 PS ist er nicht der Schnellste. Doch auch wenn er so manche Strecke nicht ohne Hilfe schafft, knattert er sich in kürzester Zeit in unser Herz.

Cord Groß sieht in dem Trecker ein Sinnbild für Menschen mit Down-Syndrom. Deswegen zögerte der 48-jährige Lehrer aus Berlin nicht lange, kaufte den Trecker und überquerte mit ihm - streckenweise auf einem Lader - die Alpen. Auf dem Weg von Südtirol zurück nach Berlin saßen im Wechsel sein sechsjähriger Sohn Torin und dessen Freundin Matilda neben ihm. Beide kamen mit dem Down-Syndrom zur Welt.

Die einwöchige Reise war der Auftakt zu der Kampagne "Väter sagen Ja". Damit möchte Cord Groß werdende Eltern dazu ermutigen, sich für ein Kind mit Down-Syndrom zu entscheiden. "Die Idee dazu kam mir vor einigen Wochen morgens im Bett", erzählt der Vater von sechsjährigen Zwillingen.

Das Kind oder ich!

Gesprächsbedarf gibt es allemal. Schätzungen zufolge werden neun von zehn Kindern mit abgetrieben - nicht zuletzt wegen der immer häufiger genutzten Früherkennungsuntersuchungen. Wird bei dem Ungeborenen eine Behinderung oder schwere Krankheit festgestellt, ist selbst im neunten Monat eine Abtreibung noch gesetzlich erlaubt. Begründet wird der Schwangerschaftsabbruch allerdings nicht offiziell mit der Behinderung, sondern damit, die körperliche und seelische Gesundheit der Mutter nicht gefährden zu wollen.

In Deutschland leben etwa 50.000 Menschen mit Down-Syndrom. Mit einer auf 700 Geburten ist es die am häufigsten vorkommende Chromosomenstörung. Groß hat die Erfahrung gemacht, dass vor allem die Väter ihre Frauen zu einer Abtreibung drängen. "Ich habe schon öfter erlebt, dass sich ein Mann von seiner Partnerin trennt, wenn bei ihrem Kind das Down-Syndrom diagnostiziert wird. Oder sie stellen sie vor die Wahl: das Kind oder ich!"

Haben wir was falsch gemacht?

Auch für ihn sei die erst einmal ein Schock gewesen, erzählt Cord Groß. Seine Frau und er hatten sich bewusst gegen einen pränatalen Test entschieden. So erfuhren sie erst drei Tage nach der Entbindung, dass seine Tochter gesund, sein Sohn jedoch mit dem Down-Syndrom geboren wurde. Cord Groß machte sich Vorwürfe: "Haben wir zu lange mit dem Kinderkriegen gewartet? Haben wir was falsch gemacht? - Solche Fragen gehen einem dann schon durch den Kopf", sagt er. Seinen Sohn Torin habe er trotz allem sofort ins Herz geschlossen. "Wenn man so einen Wurm auf den Bauch gelegt bekommt, kann man gar nicht anders!"

Er empfindet das Leben mit Torin als Bereicherung. "Natürlich stand unser Leben Kopf - gerade die ersten Jahre waren heftig", erinnert er sich. "Kinder mit Down-Syndrom sind nun mal häufiger krank als andere." Doch das strahlende Lachen, die unbeschwerte, liebevolle Art seines Sohnes entschädige ihn für jede vermeintliche Mehrbelastung. Derzeit ist Groß von seinem Job als Lehrer freigestellt, um sich ganz seiner Familie und nun auch der Kampagne widmen zu können. Er möchte werdende Eltern ermutigen, sich der Herausforderung zu stellen - und zeigen, wie viel Freude ein Kind mit Down-Syndrom machen kann.

Down-Syndrom: Aufgestiegen: Schauspieler Jürgen Vogel (rechts) fuhr ein Stück mit Cord Groß und seinem Sohn Torin mit. Er unterstützt die Aktion "Väter sagen Ja".

Aufgestiegen: Schauspieler Jürgen Vogel (rechts) fuhr ein Stück mit Cord Groß und seinem Sohn Torin mit. Er unterstützt die Aktion "Väter sagen Ja".

Einen prominenten Mitstreiter hat Groß schon gefunden: Der Schauspieler Jürgen Vogel, dessen jüngstes Kind in die gleiche Kita geht wie Torin, ist das letzte Stück zum Brandenburger Tor auf dem Trecker mitgefahren. "Viele Leute denken, dass Eltern unglücklich sind, wenn sie ein Kind mit Down-Syndrom haben. Aber so muss es gar nicht sein", sagt er. Auch außerhalb Deutschlands stößt "Väter sagen Ja" auf Begeisterung. Selbst aus Namibia, Afghanistan und dem Gaza-Streifen kamen schon unterstützende Worte. Auf der Facebook-Seite zur Kampagne zeigen andere Väter von Kindern mit Down-Syndrom Bilder von sich.

"Ich möchte eine Debatte anstoßen und so vielleicht dem einen oder anderen Down-Syndrom-Kind helfen, auf dieser Welt willkommen zu sein", sagt Groß. Mit der richtigen Förderung könne man den Kindern die Chance geben, sich zu entwickeln und ihre Stärken zu zeigen. Nicht zuletzt könne mehr Wissen über Menschen mit Down-Syndrom werdende Eltern dazu bewegen, sich für das Leben ihres Kindes zu entscheiden und sich für ihren Platz in der Gesellschaft stark zu machen.

Nicht jede Voruntersuchung muss sein

"Wir empören uns über China, wo Mädchen oft abgetrieben werden, und töten selbst 95 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom, zum Teil noch kurz vor der Geburt. Für mich ist das Ende des langen Halbschattens des Dritten Reichs erst erreicht, wenn Kinder in nicht mehr getötet werden, weil sie geistig behindert sind. Sie sollten das gleiche Recht auf Leben haben wie gesunde", fordert Cord Groß. Er sei dabei nicht grundsätzlich gegen Pränataldiagnostik, doch man könne den Arzt zum Beispiel auch bitten, nur auf gravierende Gesundheitsrisiken wie einen Herzfehler hinzuweisen, die eine sofortige prä- oder postnatale Operation nötig erscheinen lassen.

Mit der Ärzteschaft geht Groß hart ins Gericht: "Einem Pränataldiagnostiker, der in erster Linie das Töten vorbereitet, kann man mit gutem Gewissen absprechen, Arzt zu sein", sagt er. Denn dieser sei Kraft des Hippokratischen Eides dazu verpflichtet, das Leben zu schützen - "und zwar unabhängig davon, ob es das Leben eines 'normalen' oder eines Down-Syndrom-Menschen ist. Ich schlage diesen Pränataldiagnostikern vor, das Wort Arzt von ihrem Praxisschild zu entfernen. Das wäre zumindest ehrlich."

Dass er damit provoziert - und eventuell Eltern, die ihr Kind abgetrieben haben, vor den Kopf stößt -, ist Groß bewusst. Doch wer eine Debatte lostreten will, braucht eine Diskussionsgrundlage.

Nicole Wehr

Wer hier schreibt:

Nicole Wehr

Kommentare (6)

Kommentare (6)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Das Downsyndrom ist keine Krankheit. Es ist eine Chromosomenanomalie. Ein Herzfehler, zum Beispiel, kann auftreten, muss aber nicht. Ob ein Kind einmal ein "ein schönes schmerzfreies Leben" (Zitat meiner Vorrednerin) haben wird kann keine pränatale Diagnose vorhersagen. Da bei der Diagnose DS auch Spätabtreibungen erlaubt sind, hat sogar einmal ein Kind mit Downsyndrom seine eigene Abtreibung überlebt, obwohl es mehrere Stunden unversorgt im Kreißsaal lag. Mittlerweile ist er 18 Jahre alt und lebt bei Adoptiveltern. Nachzulesen im Buch "Tim lebt!". Ich kenne viele Menschen mit Downsyndrom persönlich. Unglücklich sind sie, wie andere Menschen auch, wenn man sie nicht respektiert. Wer Menschen mit Downsyndrom persönlich kennt, kann es nur unerträglich finden, wenn sie quasi routinemäßig aussortiert werden. Eine ausgewogenere Aufklärung werdender Eltern über die Chancen ihres Kindes wäre schon ein großer Fortschritt.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Pränatale Diagnostiken nehmen die Frauen wahr, die das wollen. Daran ist nichts Verwerfliches, den Aufruf, mit Ärzten eine ethische Diskussion zu führen, finde ich nicht nur unverschämt sondern auch weltfremd. Viele Ärzte arbeiten im Angestelltenverhältnis, die können sich gar nicht gegen die Durchführung der Pränataldiagnostik wehren, das ist ihr Job! Es ist schön, wenn ein Elternpaar ein krankes Kind mit Liebe empfangen kann und sich ein schönes, erfüllendes Leben aufbaut. Aber es ist auch zu akzeptieren, dass sich Frauen gegen ein krankes Kind - das ja je nach Krankheit nicht zwangsläufig ein schönes schmerzfreies Leben haben muss - entscheiden.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ah wie schön, mein Eintrag wurde zensiert. Daher nochmal in Kürze: Die von Ihnen, Herr Groß, vielgeschmähten Ärzte, haben mir mehrere Totgeburten erspart. Die Entscheidung, wie man leben möchte und ob man mehrfach mit einem toten Kind aus dem Kreissaal kommen möchte, sollte doch bitte jeder selber treffen dürfen. Ich finde also die von Ihnen vorgenommene Verurteilung der Pränataldiagnostiker mehr als verwerflich. Ich hoffe, mein Kommentar, der der Wahrheit entspricht (das Gutachten liegt hier neben mir), wird jetzt nicht erneut zensiert.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Sehr geehrter Herr Groß, ihr Verhalten Pränataldiagnostikern den Arzttitel absprechen zu wollen, kotzt mich, entschuldigen Sie bitte, an. Es ist schön, dass sie das Leben mit einem Kind mit Down-Syndrom als bereichernd empfinden, aber dies sollte doch bitte jedem selber überlassen bleiben, ob er ein solches Leben führen möchte. In meinem Fall hat der Einsatz der Ärzte soeben dazu geführt, dass mir mehrere Totgeburten erspart worden sind (ich habe das Gutachten hier neben mir liegen). Die potentiellen Kinder wären zu 100% während der Geburt nachdem sie nicht mehr über die Plazenta versorgt worden wären, gestorben. Also bitte keine pauschalen Forderungen!!! MfG eine Frau, die nichts weiteres möchte als ein LEBENSFÄHIGES, nicht gesundes, Kind!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich habe eine Tochter mit Down-Syndrom, und habe mich für sie entschieden. Seit 4 Jahren habe ich den Blog www.Laura21.de um aus der Vater sicht mal zu zeigen wie ein Alltag mit einem Down-Syndrom Kind ausschaut. Ihr findet uns auch auf Facebook www.facebook.com/downsyndrom21 und auf YouTube www.youtube.com/minnimiswelt ich möchte damit seit 4 Jahren zeigen das auch ein Vater zu seinem Down-Syndrom Kind stehen kann.



    Mein Beitrag zu dem Thema Down-Syndrom Test in der Schwangerschaft: http://www.laura21.de/news/2014/ich-sage-nein-zur-vorgeburtlichen-selektion/

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück! 

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Väter, sagt Ja zu euren Kindern!

Die Diagnose Down-Syndrom endet meist mit einer Abtreibung - auch, weil viele Väter sich gegen das Kind entscheiden. Die Kampagne "Väter sagen Ja" will das ändern.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

E-Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden