Psychologe: Wir müssen Angst haben, um den Klimawandel ernst zu nehmen

Der Klimawandel ist eine echte Bedrohung für unser Leben – und doch scheinen wir ihn nicht ernst genug zu nehmen. Woran liegt das? Das erklärt Psychologe Dr. Leon Windscheid.

Es drohen Überschwemmungen, Dürren, wirtschaftliche Katastrophen – trotzdem scheint uns der Klimawandel keine Angst zu machen. Im Gegenteil: Anscheinend nehmen wir die Gefahren der Erderwärmung nicht wirklich ernst.

Warum ist das so? Das wollten wir verstehen und haben Dr. Leon Windscheid gefragt. Der Psychologe und Autor ("Hey Hirn! Warum wir ticken, wie wir ticken", Heyne-Verlag, 9,99 Euro) kennt die Geheimnisse unserer Psyche. Deutschlandweit bekannt wurde er 2015, als er bei Günther Jauch die Million gewann.

Wissenschaftler sind sich sicher, dass der Klimawandel die größte Bedrohung für die Welt ist – und die Mehrheit der Menschen lässt es offenbar kalt. Wie kommt das?

Das kann ein einfaches Beispiel gut verdeutlichen: Stell dir einfach mal einen grünen und einen blauen Kreis vor. Der grüne Kreis tötet einmalig zwölf Menschen, der blaue Kreis tötet jedes Jahr 74.000 Menschen. Welcher Kreis macht dir mehr Angst?

Die meisten würden sagen, dass ihnen der blaue Kreis mehr Angst macht, weil er mehr Opfer fordert. Und nun die Übersetzung: Der grüne Kreis, der zwölf Menschen tötet, ist Anis Amri, der Terrorist, der mit einem Lkw in Berlin über den Weihnachtsmarkt gefahren ist. Der blaue Kreis ist die Folge von Alkoholkonsum.

Ein Terrorist tötet zwölf Menschen und die Folgen von Alkoholkonsum kosten Jahr für Jahr 74.000 Menschen das Leben. Vor dem Terroristen haben die meisten Leute Angst – aber keiner hat Angst vor Bier!

Aber woran liegt das?

Wir schätzen Risiken falsch ein. Wir müssen immer vor etwas Angst haben, aber irgendwann ist keine Angst mehr übrig. Deswegen fürchten wir uns vor dem Terroristen und nicht vor den Folgen der Erderwärmung. Den Klimawandel kann ich auch im Gegensatz zum Terroristen nicht fotografieren, er ist nicht so einfach greifbar. Terror funktioniert unmittelbar. Ein schmelzender Eisberg ist weit weg, aber Terror auf dem Weihnachtsmarkt ist nah an mir dran.

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Der Klimawandel ist ein unheimlich komplexes Thema, das kaum einer komplett durchdringen kann – tun wir uns deswegen so schwer, die Gefahr zu begreifen?

Nein, da würde ich widersprechen. Wir haben noch nie so viel über das Klima und seine Entwicklung gewusst, wie heute. Und es ist leicht zu verstehen: Die Sonne heizt die Erde auf, das Eis schmilzt, der Meeresspiegel steigt – das sollte jeder verstehen können.

Rational können wir verstehen, was die Experten uns sagen. Aber: Was die Experten sagen, passt uns nicht. Unser Hirn lehnt alles ab, was es nicht versteht oder was ihm nicht in den Kram passt.

Aber dann müsste unser Hirn ja verstehen, dass da eine große Gefahr droht …

Nein, denn unser Hirn interessiert sich nicht für Regeln und Gesetze. Es interessiert sich für das, was "normal" ist. Und für uns ist es normal, dass man mit einem dicken Auto seinen Status ausdrückt oder auf dem Weg in den Urlaub ein Selfie am Flughafen macht, um zu zeigen, was man erlebt. Das war lange unsere Normalität. Wenn wir nun begreifen sollen, dass wir uns jetzt vollkommen anders verhalten müssen, müsste unser Hirn ja einen Fehler eingestehen – und unser Gehirn hasst Fehler!

Es gibt Menschen, die den Klimawandel sogar leugnen und dahinter wilde Verschwörungstheorien wittern – was mag diese Leute antreiben?

Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass unser Hirn 300.000 Jahre alt ist. Da sind Instinkte im Spiel, vieles läuft da unbewusst und irrational ab. Das Gehirn springt einfach auf Gefühle besser an. Deswegen ist uns ein hungernder Eisbär auf einer Eisscholle egal. Aber wehe, nach einem schlechten Sommer werden die Pommes teurer – da rastet der Deutsche dann aus!

Deswegen wirkt Terrorismus ja auch so stark: Der Terror hat unser Leben massiv beeinflusst – das merken wir zum Beispiel bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Der Klimawandel wiederum hat noch keine krassen Auswirkungen auf unser Leben hier in Deutschland, also wollen ihn manche nicht wahr haben.

Hier leistet Greta Thunberg mit "Fridays for Future" ja so wertvolle Dienste. Greta sagt: "Ich möchte euch keine Hoffnung machen, ich möchte, dass ihr Panik bekommt!" An der Stelle ist es richtig und wichtig, dass sie uns Angst macht.

Natürlich haben wir alle nicht gerne Angst. Aber Angst kann sehr wertvoll sein, wenn sie auf die richtigen Gefahren gerichtet ist, weil sie uns wirklich erreicht und bewegt. Eine Umfrage hat gezeigt, dass im Januar noch 10 Prozent der Deutschen Angst vor dem Klimawandel hatten und im April schon 26 Prozent. Das zeigt, wie die Angst sich durch "Fridays for Future" verschoben hat. Wenn genug Menschen Angst haben, kann wirklich Bewegung hereinkommen.

Dennoch wird Greta immer wieder angefeindet und bei den streikenden Schülern reden die Menschen mehr darüber, dass sie nicht zur Schule gehen, als darüber, wie wir die Welt retten können …

Ja, das zeigt, wie verquer die Debatte mittlerweile geführt wird. Die Leute reden lieber darüber, wie sie denn aussieht, als was sie erreicht. Und woran liegt das? Meine Elterngeneration, die heute etwa 60-Jährigen, bekommt nun ihre eigenen Fehler gespiegelt. Und wie schon erwähnt: Unser Gehirn hasst Fehler!

Greta hat aber schon eine Menge erreicht – mittlerweile ist es ja nicht mehr cool, sondern peinlich, ein Selfie vom Flughafen zu posten. Das zeigt, dass wir schon ein gutes Stück weiter sind!

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