"Oh Shit! Wir sind zu spät!"

Die Deutsche Anja Wolz kämpft in Westafrika gegen die größte Ebola-Epidemie aller Zeiten. Sie leitet den Einsatz der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in Sierra Leone. Ein Gespräch über Vorurteile, Fehler und ihr letztes Telefonat mit ihrem Psychologen.

Anja Wolz

Wir erreichen Anja Wolz in ihrem Büro in Kailahun, einer kleinen Stadt im Osten von Sierra Leone mit 20.000 Einwohnern. Die Verbindung rauscht ein wenig. Aber Wolz, 44 Jahre alt, scheint das nicht zu stören, sie kennt das. Die ehemalige Krankenschwester aus Würzburg war schon auf der ganzen Welt für "Ärzte ohne Grenzen" im Einsatz: In Haiti, in Lybien oder Somalia. Wolz wirkt gut gelaunt, lacht viel. Ab und zu streut sie einige englische Worte in ihre Antworten, weil ihr die deutschen nicht einfallen.

BRIGITTE: Frau Wolz, Sie sind seit sechs Wochen in Sierra Leone. Können Sie sich noch daran erinnern, wie es war, als Sie ankamen?

Anja Wolz: Ja. Als ich in Kailahun ankam, bin ich zuerst in unsere Überwachungsstation gefahren und habe mit Angehörigen gesprochen. Ein Mann erzählte mir, dass seine Frau und sein Kind an Ebola gestorben seien. Und ich stand nur da und dachte: "Oh Shit! Wir sind zu spät!"

Haben Sie sich Vorwürfe gemacht?

Nein, keine Vorwürfe. Wir tun, was wir können, aber wir haben zu wenige Mitarbeiter. Wir sprechen hier über eine Region mit 470.000 Einwohnern. Im Moment spüren vier Notfall-Teams neue Patienten für uns auf. Vier Teams - es ist frustrierend! Hätten wir 100 Ebola-Experten, wären wir gleich gekommen, dann wären weniger Menschen gestorben. Wir rennen dem Ausbruch hinterher.

Wie wollen Sie diesen Rückstand aufholen?

Das Wichtigste ist, die Leute zu informieren. Es gibt sehr viel Unwissenheit. Als ich angekommen bin, haben wir eine Task Force gebildet mit Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums, mit den Dorfältesten und religiösen Oberhäuptern. Alle dachten, sie wüssten, was Ebola sei. Aber dann kamen sehr viele Fragen: Wird Ebola von Affen übertragen? Von Moskitos? Kann ich in einem Fluss schwimmen, in dem ein Ebola-Patient schwimmen war? Und, und, und...

Und wie erklären Sie den Unwissenden, was Ebola ist?

Wir sagen nicht, dass Ebola tödlich ist. Damit würden wir nur Panik auslösen. Wir sagen, dass Ebola sehr ansteckend ist und durch Körperflüssigkeiten übertragen wird. Es heißt immer, man könne Ebola nicht behandeln. Ja, das stimmt. Aber die Symptome können wir behandeln. Wir können Leben retten, wenn die Patienten rechtzeitig zu uns kommen.

Anja Wolz bei der Arbeit im Behandlungszentrum in Sierra Leone von "Ärzte ohne Grenzen"

Wie viele Menschen haben Sie seit Ihrer Ankunft behandelt?

Unsere Behandlungsstation ist seit vier Wochen geöffnet. 130 Patienten mit Verdacht auf Ebola sind seitdem zu uns gekommen. 98 davon wurden positiv getestet und bis gestern sind davon 57 Personen gestorben.

130 Patienten, das ist nicht sehr viel. Woran liegt es, dass so wenige Patienten zu Ihnen kommen?

Viele Menschen haben Angst. Manche denken, dass wir Patienten die Köpfe abschlagen. Dass wir sie vergiften mit dem Chlorin, das wir zur Desinfektion nutzen. In einigen Dörfern ist es schon passiert, dass Patienten sich verstecken und Ambulanzen mit Steinen beworfen werden. Es gibt sehr viele Gerüchte.

Können Sie diese Angst verstehen?

Ja. Sie müssen sich vorstellen, die Dörfer sind teilweise sehr isoliert. Am Anfang wurde gesagt, Ebola werde von einer Schlange übertragen. Nur weil einer Frau, die an Ebola starb, eine Schlange aus der Tasche gekrochen ist. Und darauf musst du dann eingehen. Wir sagen nicht: Das ist Unsinn!

Sondern?

Wir versuchen das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Deshalb schicken wir zuerst einheimische Mitarbeiter in die Dörfer, die ihre Sprache sprechen.

Ist das Ihr bislang schwierigster Einsatz?

Ja. Im März und April war ich ja bereits in Guinea. Damals hatte ich gehofft, dass wir es geschafft haben, den Ausbruch einzudämmen. Aber ich habe mich getäuscht. Es ist der schlimmste Ebola-Einsatz, den ich je gemacht habe.

Kann man sich an das Leid gewöhnen?

Nein, niemals. Ich kenne die Familien, ich sehe, wie sie sterben. Kinder. Schwangere Frauen. Das belastet sehr.

Wie halten Sie das aus?

Ich habe meine Barriere. Natürlich wachsen mir die Patienten ans Herz; aber ich gehe nicht heim und weine. Ich bin traurig, das ja, und manchmal, wenn wir jemanden verloren haben, schreie ich auch meine Kollegen an: Wie kann das möglich sein?! Aber: Ich weiß genau, wir haben alles getan. Es gibt ja auch schöne Momente.

Welche denn?

Vor drei Tagen haben wir ein kleines Mädchen entlassen, es hat gelacht, es war gesund. Das gibt dir Kraft zurück. Oder wenn die Leute zu dir kommen und sich bedanken. Ohne uns läge die Todesrate nicht bei 60 Prozent. Sondern bei 90 Prozent.

Haben Sie Angst, sich anzustecken?

Nein. Ich sage immer zu unseren Mitarbeitern: "Wenn du Angst hast, bist du am falschen Platz."

Das klingt sehr abgeklärt.

Ich weiß, ich weiß. Tut mir leid! Aber ich habe lange darüber nachgedacht. Ich arbeite seit elf Jahren bei "Ärzte ohne Grenzen". Und ich weiß genau: Wenn ich Angst habe, passieren mir Fehler.

Ist Ihnen schon mal ein Fehler passiert?

Ja. Einmal ist es mir passiert, dass ich meinen Schutzanzug angezogen habe und meine Brille vergessen hatte. Aber ich bin nicht mal zwei Meter weit gekommen. Weil wir immer zu zweit reingehen. "Buddy System" nennen wir das. "Ich achte auf dich, du achtest auf mich. Ich gebe mein Leben in deine Hand."

Mit wem reden Sie darüber?

Mit meinem Vater am Telefon. Und es gibt einen Psychologen, bei "Ärzte ohne Grenzen", den ich rund um die Uhr anrufen kann.

Wann haben Sie den Psychologen das letzte Mal angerufen?

Als ich im Mai aus Guinea zurückgekommen bin.

Und was haben Sie ihm erzählt?

Es ging vor allem um Frustration. Der Gedanke, dass du nicht genug machst, obwohl du 15, 16 Stunden am Tag arbeitest.

Woran merken Sie, wenn Sie Ihre innere Barriere überschritten haben?

Wenn ich spüre: Jetzt kann ich keine Entscheidungen mehr treffen. Wenn ich zu emotional werde. Wenn ich müde werde. Dann sage ich: Ich kann noch zwei, drei Tage bleiben. Aber bitte, findet jemanden, der kommen kann.

Fühlen Sie sich jetzt müde?

Nein, noch nicht. Mein Einsatz dauert noch zwei Wochen. Dann fahre ich heim nach Würzburg und habe drei Wochen Urlaub. Ich liebe Würzburg. Da verändert sich nichts. Da bleibt immer alles gleich.

Und danach?

Danach möchte ich gern wieder zurückkommen. Ich schätze, wir werden mindestens noch drei, vier Monate hier sein, bis wir Ebola eingedämmt haben. Bevor wir unseren Einsatz beenden, müssen wir auch den letzten Patienten behandelt haben.

"Ärzte ohne Grenzen" in Westafrika: Ihr schwieriger Kampf gegen Ebola

Ebola-Epidemie in Westafrika: "Oh Shit! Wir sind zu spät!"

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