Ex-Hebamme voller Sorge: "Verfolge mit Bestürzung, wie das kostbare Wissen der Hebammen verloren geht"

Verzweifelte Eltern, wütende Hebammen, Ärzte unter Druck – ihre große Sorge um die Geburtshilfe in Deutschland formuliert die ehemalige Hebamme Sylvia Wätzold-Gennermann aus Hamburg jetzt in einem Brandbrief an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Wer genau soll eigentlich in Zukunft noch unsere Geburten betreuen? Diese Frage stellen sich immer mehr Frauen voller Sorge. Immer mehr Hebammen steigen aufgrund der für sie untragbaren Berufshaftpflichtgebühren aus der Geburtshilfe aus, die Wege zu Kreißsälen werden immer weiter und Berichte zu schwangeren Frauen mit Wehen, die am Kreißsaal abgewiesen und zum nächsten Krankenhaus geschickt werden, weil es im Krankenhaus ihrer Wahl an Geburtshelfer-Personal mangelt, häufen sich. Erst vor Kurzem schmiss eine Oberärztin in Hamburg ihren Job als Chefin einer Geburtsstation hin, weil sie die schlechten Arbeitsbedingungen nicht länger mittragen wollte.

So kann das nicht mehr weitergehen. Darum kämpfen immer mehr Frauen, Ärzte und Hebammen für bessere Bedingungen für sichere und selbstbestimmte Geburten – zum Beispiel die ehemalige Hebamme Sylvia Wätzold-Gennermann (55) aus Hamburg, die inzwischen unter anderem als Psycho- & Traumatherapeutin arbeitet, und jetzt einen offenen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn geschrieben hat. Darin beschreibt sie ihre große Sorge um die Geburtshilfe in Deutschland.

Dies ist der Brandbrief von Sylvia Wätzold-Gennermann, mit dem sie sicherlich vielen betroffenen Menschen aus der Seele spricht: 

Brandbrief an Jens Spahn

"Lieber Jens Spahn,  

offen auf Andere zugehen - das wünschen sich von Ihnen alle, die in der Geburtshilfe in diesem Land tätig sind und alle, die auf diese Hilfe angewiesen sind, weil sie Eltern werden.  

Als Hebammenschülerin und junge Hebamme in den achtziger Jahren in der DDR war ich ständig Zeugin von Gewalt unter dem Deckmantel der Geburtshilfe. Eingriffe in den natürlichen Geburtsablauf, die oft mit Kaiserschnitten endeten, waren eher die Regel als die Ausnahme. Schnell wurde da auch mal gleich die Gebärmutter mit entfernt, wenn die Götter in weiß - natürlich ohne die Frau vorher nach ihren Wünschen befragt zu haben - mal eben eine Entscheidung fällten.  

Nach der Wende erblickte ich mit Begeisterung eine breit gefächerte geburtshilfliche Landschaft, in der Frauen im vielleicht sensibelsten Moment ihres Lebens, der enormen Einfluss auf ihr späteres Selbstwertgefühl und ihre Bindungsfähigkeiten als Mutter hat, tatsächlich frei entscheiden konnten, wie sie gebären wollten und was für sie und ihr Kind das Beste sei.  

Mit Bestürzung verfolge ich nun seit einiger Zeit, dass diese Landschaft systematisch zerstört wird und das kostbare Wissen der Hebammen verloren geht.

Ein Versicherungsbeitrag von über 8.000 Euro für geburtshilflich tätige Hebammen ist von diesen bei einem so unglaublich niedrigen Honorar, das der von ihnen getragenen Verantwortung in keiner Weise gerecht wird, nicht zu leisten. Eine normale Spontangeburt braucht in aller Regel deutlich mehr als die fünf Stunden, die die Krankenkassen den Kliniken dafür zahlen - was die Schließung der zur Gewinnoptimierung gezwungenen Kliniken landauf landab zur Folge hat.  

WO SOLL DAS HINFÜHREN?  

Mit Grauen folge ich der Vorstellung, unter welchen Bedingungen meine Töchter und Enkelinnen eines Tages ihre Kinder auf die Welt bringen werden.  

In Ihren Händen, lieber Jens Spahn, liegt das Schicksal von Generationen. Sie entscheiden qua Ihres Amtes darüber, wie sich die geburtshilfliche Landschaft in diesem Land weiter entwickeln wird.  

Dürfen A) gut begleitete Mütter und Väter ein ihrem inneren Rhythmus entsprechendes Geburtserlebnis erfahren, ihr Neugeborenes glücklich in die Arne schließen und eine Bindung aufbauen, die diesem Kind eine Basis für das Leben mitgibt, die es trägt und zu einem kraftvollen Teil unserer Gesellschaft werden lässt?  

Oder werden B) künftige Eltern mit Bangen in eine unterbesetzte Klinik fahren, dort vielleicht abgewiesen werden, stundenlang in Kreißsälen sich selbst überlassen sein, in der Folge vor Angst verkrampfen, Symptome produzieren, die die Versorgung des Kindes gefährden und schließlich auf dem OP-Tisch landen. Traumatisiert und gebrochen unfähig sein, ihr Kind in Liebe zu empfangen, ihm damit sein erstes Trauma zufügen und schließlich irgendwann nicht mehr wissen, wie sie sich ihrem aggressiven oder verstummten Kind verhalten sollen, das dann zum Problem für die Gesellschaft wird.  

Ja tatsächlich: So dramatisch gestaltet sich der Scheideweg, vor dem die Geburtshilfe in diesem Land steht.  

Lieber Jens Spahn, seit einiger Zeit arbeite ich als Traumatherapeutin. Ich wünsche mir, dass Sie einen guten Job machen, auf die Geburtshelfer*innen und Eltern zugehen und das veranlassen, was es braucht, damit ich nicht in meiner Praxis die Folgen der Variante B) betreuen muss. Gern nenne ich Ihnen bei Interesse viele kompetente Ansprechpartner*innen.

Einen von einem betroffenen und engagierten Vater geschriebenen Beitrag zum Thema finden Sie zum Beispiel hier: Düstere Zukunft der Geburtshilfe ist längst Realität.

Danke für Ihr Engagement.  

Freundliche Grüße  

Sylvia Wätzold-Gennermann"

Wie es nach der Zeit als Hebamme weiterging

Zu den Gründen für ihren Abschied vom Beruf der Hebamme, in dem sie bis 1990 gearbeitet hat, erzählt Sylvia Wätzold-Gennermann im Gespräch mit BRIGITTE.de: "Mein Ausstieg hatte mehrere Gründe. Zunächst einmal war ich von der stark interventionsbetonten Geburtshilfe an dem Krankenhaus, an dem ich im Kreißsaal arbeitete, enorm enttäuscht und abgetörnt. Meinen Ausbildungsberuf hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Sicherlich gab es auch schöne Erfahrungen und Momente. Aber dass die Ärzte derart präsent waren und die Hebammen wenig zu melden hatten, entsprach so gar nicht dem Bild von der Hebamme, das ich bei meiner Berufswahl hatte. Hinzu kamen dann private Herausforderungen."

Nach einiger Zeit des politischen Engagements mit Schwerpunkt auf der Frauen- und Bildungspolitik führte ihr Interesse für die psychologischen Aspekte ihres Gesundheitsberufes, der Kontakt mit neuen Methoden der Wissensvermittlung im Rahmen der SPD-Bildungsarbeit und ihr politisches Interesse Sylvia Wätzold-Gennermann schließlich zum Studium der Prozessorientierten Psychologie, "das all diese Aspekte in einem modernen Paradigma der Arbeit mit Menschen vereinte". 

Sie berichtet: "Nach dem Heilpraktikerschein für Psychotherapie und einer Fülle weiterer Fortbildungen arbeitete ich bereits viele Jahre als Business- und LifeCoach, Trainerin und Psychotherapeutin, als ich schließlich in der Methode 'Somatic Experiencing' einen Ansatz für die Arbeit mit denjenigen unter meinen KlientInnen fand, die traumatisch belastet sind, der mich überzeugte und begeisterte. Hierin habe ich mich drei Jahre lang intensiv ausbilden lassen und darüber zu einer ganz neuen Haltung in meiner Arbeit gefunden."

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