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Ein Nomadenleben in Deutschland


"Wenn man die anerzogenen Komfortzonen verlässt, merkt man schnell, wie stark man ist", sagt Pettra Engeländer. Die 41-Jährige wohnt in einer Jurte bei Berlin, um ihren Pferden möglichst nahe zu sein - und widmet ihr Leben dem berittenen Bogenschießen. Mit Erfolg.

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Wie ein freundliches Ufo steht das mongolische Nomadenzelt mit seiner einladenden orangeroten Holztür auf einer Wiese vor den Toren Berlins, rund 45 Autominuten vom Kanzleramt entfernt. Hier lebt Pettra mit ihrem Freund Joachim, ganz nah bei ihren Pferden: Die vier Huzulen aus den Karpaten schubbern sich morgens pünktlich um sieben an der Jurte und verlangen schnaubend ihr Frühstück.

Es ist November, und obwohl uns nur zweieinhalb Zentimeter Filz und ein paar Schichten Stoff von der nasskalten Herbstluft trennen, ist es warm hier drinnen. Der Holzofen knistert; allerdings nur, weil Pettra immer wieder nachlegt. Der mongolische Ofen heizt schnell, hält die Wärme aber nicht. "Bei den Mongolen gibt es eine Feuerwache. Jemand aus der Familie legt immer nach, auch nachts", erzählt Pettra.

Gesucht ...

Das weiß sie aus eigener Erfahrung. 2000 hat sie vier Wochen bei mongolischen Nomaden gewohnt. Das war immer ihr Traum gewesen, bis sie den tuvinischen Schriftsteller GalsanTschinag kennenlernte, dem sie unumwunden sagte: "Ich möchte in einer Jurte wohnen und reiten." Er gab ihr die Telefonnummer seiner Tochter in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator, wenig später machte Pettra sich auf die Reise in die Steppe.

Was sie gesucht hat bei den Mongolen, hat sie nicht gefunden. Sie hat Armut und Alkohol gefunden, Plateauschuhe und Rockstar-Poster, die Götter einer globalisierten Welt. Bogenschießen zu Pferd, die Kampfkunst der alten Reiternomaden, das konnte hier keiner mehr. Immerhin, die Natur war kraftvoll, der Horizont der Steppe endlos - manchmal konnte Pettra Sonne, Regen und Regenbogen gleichzeitig sehen. Die meiste Zeit saß sie auf einem Felsbrocken, den die Mongolen "Gerippe der Erde" nannten, und beobachtete die Pferdeherden der Familie, bei der sie wohnte: Sie sah, dass befreundete Tiere sich spiegelten, sich identisch bewegten; sie erkannte, welche Tiere sich mochten und welche nicht und wie sie das zeigten. Sie hat gelernt, das Wesen der Pferde besser zu verstehen.

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Während Pettra erzählt, preschen draußen ihre Huzulen vorbei, einer wiehert schrill und schnaubt. Drinnen döst der Kater faul vorm Ofen. Pettra sitzt tadellos aufrecht auf ihrem runden, roten Kissen zwischen Fellen und Teppichen, den Rücken mühelos gestreckt, die Beine nach hinten angewinkelt, während ich Bürohockerin mit rundem Rücken und eingeschlafenen Füßen kämpfe. Selbst im gedämpften Licht der Jurte leuchten Pettras smaragdblauen Augen so intensiv, dass ich fragen möchte: "Tragen Sie farbige Kontaktlinsen?" Aber nein, doch nicht diese leidenschaftliche Reiterin! Immerhin, ihre Augen hat sie dick mit schwarzem Kajal gerahmt. Eine starke, stolze Frau, so scheint es. Ob sie wirklich Pettra heißt? Sie grinst: "Das zweite t habe ich mir in den Namen geschrieben, weil man Petra nun mal überall auf der Welt 'Pettra' ausspricht."

... und gefunden

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Überall auf der Welt, das heißt für Pettra vor allem Ungarn. Nach der Enttäuschung in der Mongolei stieß sie auf die Website des ungarischen Weltmeisters Lajos Kassai, der im fliegenden Galopp drei Pfeile in fünf Sekunden abfeuert. Umgehend reiste sie in seine Schule, trainierte mit und wusste schnell: Das ist es, was ich gesucht habe. Als Kassai sie auswählte und fragte: "Möchtest du berittenes Bogenschießen machen?" sagte sie Ja. "Von da an hat sich das verselbstständigt, mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht." Das mit dem Verselbstständigen sagt Prettra öfters, ganz so, als müsse sie das Schicksal nur leise antippen, damit es seinen Lauf in die richtige Richtung nimmt. Sie kaufte sich Pferd, Pfeile und Bogen und reiste sechs Jahre lang einmal im Monat im Nachtzug nach Ungarn, während sie in der Rhön als Reitlehrerin arbeitete. Heute ist sie Kassais Meisterschülerin und die einzige autorisierte Vertretung seiner Reiterbogenschule in Deutschland.

Paprika im Blut

Pferde, Reiternomaden, Kampfkünste zu Pferd, das hat Pettra schon immer fasziniert. Bereits als kleines Mädchen fand sie die Kriegerinnen der alten Reitervölker spannender als Prinzessin, Barbie & Co. Die Rheinländerin ist mit der Nibelungensage aufgewachsen, und beim Kölner Karneval beeindruckten sie die Hunnenhorden. "Da wollte ich als Kind immer hin, das hat mich bewegt, Pferde sowieso. Meine Urgroßeltern stammen aus Ungarn, von klein auf hörte ich: 'Mädchen, du hast halt Paprika im Blut!' " Als Teenagerin wurde sie Jugendmeisterin im Sportbogenschießen in Troisdorf, später machte sie eine Ausbildung zur Tanztherapeutin, und mit Anfang 30 hängte sie ihre Choreographieassistenz am Theater an den Nagel, "weil das Pferd wieder durchkam". Sie zog auf einen Natural Horsemanship Hof bei Bad Hersfeld, um zu lernen, wie man Vertrauen zu Pferden herstellt, um gemeinsam Aufgaben bewältigen zu können. "Beim Natural Horsemanship geht es um die Fähigkeit, wie ein Pferd zu denken."

Diese Fähigkeit will Pettra perfektionieren, indem sie möglichst nah bei ihren Pferden lebt. Mit Erfolg: "Wir haben schon die gleichen Probleme!", lacht sie und freut sich. Mit "wir" meint sie nicht etwa sich und ihren Freund, sondern sich und ihre Pferde: "Während der Apassionata-Tournee wohnen wir im Hotel - mir ist es zu heiß im Zimmer, und die Pferde schwitzen im beheizten Stallzelt."

Nach zwei Jahren in der Jurte weiß sie: Wer mit seinem Pferd lebt, genießt ein großes Vertrauensverhältnis. "Mein Pferd spürt zum Beispiel, wenn mein Puls hochgeht. Wenn ich dann eine Atemübung mache, um meinen Puls zu drosseln, geht auch der meines Pferdes runter. Sobald ich die Zügel loslasse, ist das der Moment der Wahrheit, das Vertrauen muss hundertprozentig sein." Absolut notwendige Voraussetzung für das pfeilschnelle Bogenschießen zu Pferde. "Wenn dann zehn Reiter zusammen kämpfen, und zehn Reiter wie einer sind, ist man ergriffen von so viel Schönheit, das hat was total Rundes", schwärmt Pettra.

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Dieser perfekte Moment ist die Krönung ihrer Leidenschaft, dem widmet sie ihr Leben, auch wenn das manchmal "furchtbar anstrengend" ist. Aufstehen, Ofen anfeuern, Joggen, Schießen, Frühstücken, 100 Pfeile Bodentraining, Training zu Pferd auf der Wettkampfbahn, Reitunterricht, Büroarbeit, dann wieder Reiten, Reiten, Reiten. Einmal im Monat, am Samstag, kommen die 15 Mitglieder der Kassai Reiterbogenschule aus ganz Deutschland angereist, man trainiert zusammen, um sich auf die Prüfungen in Ungarn vorzubereiten. Neben dem Unterricht lebt Pettra von Aufführungen, zurzeit bei der Pferdegala Apassionata, oder auf Mittelalterfesten, manchmal auch von Stunts bei TV-Produktionen. Das macht sie gern, denn sie will zeigen, "dass es diese Verbindung zwischen Mensch und Pferd gibt."

"It's more fun to be a hun!"

Kein Kino, keine Cafés, kein Shopping? "Natürlich, ich bin keine Aussteigerin!", versichert Pettra, "ich gehe ins Internet und ins Kino und kaufe bei H& M ein, alles ganz normal." Zum Duschen und Zähneputzen fährt sie morgens mit dem Auto in den benachbarten Reiterhof. Dort nutzen Pettra und Joachim ein Bad mit Waschmaschine, ein Büro und eine Küche. Pettra geht es nicht um Folklore; ihre Jurte schützt eine Schicht Goretex, damit sie das feuchte europäische Klima übersteht, und ihre Pfeile sind aus hochmodernen Hightech-Materialien. Sie lebt wie sie lebt, "weil das ihr Ding ist", und nicht, weil sie Mittelalter spielen oder irgendjemandem etwas beweisen will. Ihr Leben ist rund, dort auf der Wiese in Brandenburg, genauso wie ihre Behausung. "Das gefällt mir: Hier gibt es keine Ecken, das ist ein wesentlicher Unterschied zur Stadt."

Ein Unterschied zum Stadtleben ist auch ihr Nomadentum: Wo Pettra in ein paar Monaten leben wird, weiß sie heute noch nicht. Nicht, weil sie ihren Pferden auf der Suche nach saftigen Weiden folgen würde, wie die Mongolen es tun, sondern weil das Bauamt Ärger macht und der Jäger sie hier nicht haben will und vor ihrer Nase Waschbären schießt. "Wir werden womöglich vertrieben", sagt Pettra und verschränkt ihre Arme. Aber was soll's, sie sehnt sich sowieso nach mehr Natur, am liebsten würde sie Land kaufen und dort ein Jurtencamp für andere berittene Kampfkünstler aufbauen. Doch dafür fehlt das Geld. Pettra nimmt es gelassen: "It's more fun to be a hun!", ist ihr Motto - mit allen Konsequenzen.

Text: Susanne Arndt Fotos: Susanne Arndt, Karin Massine, Peter Becker

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