Eine Woche ohne Plastik: Geht das überhaupt?

"We live on a plastic planet" - diese Erfahrung machte BRIGITTE-Redakteurin Susanne Arndt beim Versuch, kunststofffrei einzukaufen. Eine Woche ohne Plastik - funktioniert das heutzutage überhaupt noch?

Plastik im Müll, Plastik im Wasser, Plastik im Blut: Das Zeug ist überall, überflutet unsere Haushalte, unsere Körper, unsere Umwelt. Pro Minute gehen in Deutschland allein 10.000 Plastiktüten über die Ladentische, Kunststoffverpackungen nicht eingerechnet. Dabei steht der Plastikgrundstoff Bisphenol A in Verdacht, erbgutschädigend und hormonähnlich zu wirken, die Weichmacher ("Phthalate") Unfruchtbarkeit, Diabetes und Asthma zu begünstigen.

Plastik ist ein unsympathischer Zeitgenosse. Ich möchte ihn loswerden.

Ich verwende kaum noch Plastiktüten, aber mein Mülleimer ist trotzdem schnell randvoll mit Plastik, sobald ich meine Einkäufe zu Hause auspacke: Äpfel, Gurken, Kirschtomaten, Klopapier, Joghurt, Shampoo, Nudeln, Wurst, Käse, alles ist darin verpackt. So viel Müll, bloß weil ich ein paar Sachen die 20 Schritte vom Supermarkt in meine Wohnung getragen habe? Ich finde das absurd. Ich will wissen, ob es auch ohne geht, und nehme mir vor, eine Woche lang kein Plastik mit nach Hause zu bringen.

Alles muss glitzern und knistern? Keinesfalls. So appetitlich sieht ein plastikfreier Einkauf aus ...

Um es gleich zu sagen: Es funktioniert nicht. Es sei denn, man häkelt sich Tampons, benutzt Zeitung als Klopapier, Stoff- statt Papiertaschentücher, putzt seine Zähne mit dem Finger und mit Salz, sein Klo mit Backpulver und isst nie wieder Mozzarella.

Als mein erster Müllvermeidungseinkauf mich nach Feierabend in den Bioladen führt, bin ich noch optimistisch. Obwohl ich hetzen muss - der Laden macht um 19 Uhr dicht und nicht wie der Supermarkt gegenüber um 22 Uhr. Aber der Supermarkt ist tabu, dort glänzt fast alles unter Folie - und das wenige Obst, Brot und Gemüse, das nicht schon verpackt ist, muss man selbst in durchsichtige Plastiktütchen stecken, damit der Kassierer sieht, was er abrechnen muss.

Für gewöhnlich mache ich einen Bogen um den Bioladen, weil ich mir den als teilzeitarbeitende Mutter nicht leisten kann. Heute schwelge ich: ein schönes Stück Käse, eine Fenchelsalami und zwei Landjäger an der Theke - alles wird hübsch in seidendünnem Papier eingeschlagen -, zwei Handvoll Kirschtomaten in einem Papiertütchen, eine Paprika und eine Limo, macht 16,88 Euro. Das ist mindestens doppelt so viel wie beim Supermarkt nebenan. Aber das Auspacken zu Hause ist schön, das Papier knistert leise, der Mülleimer bleibt angenehm leer und es ist toll, aus dem kulinarischen Trott auszubrechen. Die Sachen schmecken so gut, dass die Vorräte schnell aufgegessen sind.

An Tag Drei finde ich im Schlussverkauf spontan Rock, Pulli und zwei Wollmützen. Erst an der Kasse merke ich, dass ich meinen Stoffbeutel nicht dabei habe und bitte um eine Papiertüte. "Die haben wir abgeschafft, aus Kostengründen", sagt die Kassiererin. Ich bin mit dem Fahrrad da und weil es regnet, kann ich die Sachen nicht einfach auf den Gepäckträger klemmen. Ich nehme eine Plastiktüte - und bin gescheitert.

Trotz des Rückschlags mache ich weiter: Den Rest der Woche schleppe ich Flaschen und Behältnisse aus Glas durch die Gegend (Mineralwasser, Milch, Joghurt ...) und jongliere mit dürftigen Öffnungszeiten. Geschenkpapier kaufe ich bogenweise im weit entfernten Schreibwarenladen, um die Folie bei den viel günstigeren Rollen zu vermeiden. We live on a plastic planet - wer da nicht mitmachen will, muss Umwege in Kauf nehmen, viel Geld bezahlen und sein Haar mit Essig waschen. Mülltüten? Putzmittel? Ich scheitere noch öfter.

Plastikverzicht ist teuer, unbequem, unmöglich. Und ob er wirklich immer Sinn macht? Weil ich weiß, dass ich ein plastikarmes Leben nicht durchhalten werde, suche ich nach Argumenten, um meinen Plastikkonsum vor mir selbst zu rechtfertigen. Und siehe da, Google Maps verrät, dass die "Bergische Waldquelle" in ihren Glasflaschen circa 200 Kilometer weiter gereist ist als das Mineralwasser, das ich sonst in der PET-Flasche kaufe. Beim Bundesumweltamt erfahre ich, dass Plastik – sofern man es nicht in die Gegend, sondern in den Müll wirft – halbwegs okay entsorgt beziehungsweise recycelt wird. Und die Deutsche Umwelthilfe meldet, dass Papiertüten in der Ökobilanz nur dann besser abschneiden als Plastiktüten, wenn man sie mindestens drei Mal benutzt. Um sie reißfest zu machen, werden bei ihrer Herstellung eine Menge Chemikalien und Wasser eingesetzt.

Habe ich der Natur mit meiner Plastikvermeidung dann sogar einen Bärendienst erwiesen? Glasklar wird bei meiner Recherche eines: Egal, ob Plastik, Baumwolle oder Papier - Einweglösungen sind nie gut, Mehrweg ist immer besser. Zwar verbraucht eine ordentliche Tasche bei der Herstellung die meisten Ressourcen, doch wer sie lange nutzt, fährt gut damit. Ich werde künftig öfter verpackungsarm einkaufen und meinen Rucksack mitnehmen. Denn mein Experiment hat zu einer weiteren Sensibilisierung geführt - die Verpackungsberge in meiner Küche erscheinen mir jetzt noch grotesker als zuvor. Meinen Abwasch werde ich aber weiterhin mit Spülmittel aus der Einweg-Plastikflasche machen. Anders gibt's das nicht zu kaufen.

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.