"Ich habe keinen Menschen auf dieser Welt"

Keine Freunde, keine Familie, kein Haustier: Einsamkeit kann zur großen Belastung werden. Wir erklären dieses weit verbreitete Gefühl und geben Tipps, wie ihr die Einsamkeit bekämpfen könnt.

Einsamkeit kann jeden treffen. Allein in der BYM.de-Community gibt es hunderte Beiträge, in denen das Wort "einsam" vorkommt. "Anacita" schreibt: " ... kennt ihr das, wenn ihr denkt, ihr habt keinen Menschen auf der Welt, mit dem ihr reden könnt? Ich habe gerade das Gefühl, vollkommen allein auf dieser Welt zu sein." "Mondenschein" klagt: "Ich komme mir gerade wieder so einsam vor. Ich bin vor drei Jahren von Zuhause ausgezogen und habe seither noch keine Freunde gefunden." "Cinnamon" sucht einen virtuellen Trinkpartner und fragt: "Trinkt noch jemand einsam und allein und traurig einen Schnaps mit mir?"

Was ist Einsamkeit?

Einsamkeit - das Gefühl, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein. Einsamkeit ist ein schreckliches Gefühl. Doris Wolf, Psychotherapeutin und Buchautorin, beschreibt es so: "Einsamkeit ist immer verbunden mit Gefühlen von Isoliertsein, Nichtgeborgensein, Ausgeschlossensein, Hilflosigkeit, dem Eindruck des endlosen Fallens in ein tiefes schwarzes Loch." Eva Wlodarek spricht in ihrem Buch "Jetzt geh ich's an" so von Einsamkeit: "Wir sitzen in einem Gefängnis, aus dem es keinen Ausweg gibt. Gleichzeitig denken wir: Keiner liebt mich. Keinem bin ich wirklich wichtig. Nichts macht mir Freude."

Allein sein = einsam sein?

Einsamkeit ist kein Synonym für allein sein (das einen physischen Zustand beschreibt). Einsam kann man sich auch auf einer Party fühlen. Es gibt Menschen, die Partner und Familie haben und trotzdem einsam sind. Andere leben jahrelang allein und fühlen sich trotzdem nicht einsam. Einsamkeit ist ein Gefühl. Die erste Phase wird in der Fachsprache "momentane, vorübergehende Einsamkeit" genannt. Sie wird zum Beispiel durch einen Umzug in eine andere Stadt hervorgerufen. Oder wenn der Partner am Wochenende mal keine Zeit hat.

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Wenn Einsamkeit zur Falle wird

Phase zwei der Einsamkeit ist "der langsame Rückzug". Man hat nur noch wenig Vertrauen in sich selbst und in seine Mitmenschen. Mit anderen zu kommunizieren fällt immer schwerer. "Wir verlieren langsam und schleichend die Fähigkeit, zu lächeln und Körperkontakt aufzunehmen", schreibt Doris Wolf. "Die chronische Einsamkeit" ist die dritte Phase. Man fühlt sich monate-, ja sogar jahrelang einsam. "Kluntje" schreibt im BYM.de-Forum: "Ich bin jetzt im sechsten Semester und habe in meinem Studiengang einfach keine Freunde. Es gibt schon Leute, die mich grüßen und ich nehme mir jedes Mal vor, mich in einer Vorlesung einfach so neben jemanden zu setzen. Aber dann gibt es immer irgendeinen Grund, warum ich mich nicht traue." Menschen, die sich in der dritten Phase befinden, ziehen sich immer mehr zurück - ihr Vertrauen in andere schwindet, Selbstzweifel nehmen zu. Die Einsamkeit wird zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Lebens.

Was kann man gegen Einsamkeit tun?

Die momentane, vorübergehende Einsamkeit (Phase 1) taucht im Leben immer wieder auf. Wer zu neuen Ufern aufbricht, muss lernen, diese Einsamkeit hin und wieder zu ertragen. Die Phasen zwei und drei sind schwieriger zu bewältigen. Hast du das Gefühl, in einer solchen Phase zu stecken? Zuerst einmal musst du dir eingestehen: "Ich bin einsam" - obwohl du dich vielleicht schämst. Frage dich: "Warum bin ich seit längerer Zeit einsam?" Versuche, deine Situation und dein Handeln möglichst genau zu analysieren - auch wenn die Ergebnisse unbequem und schmerzhaft sind. Für Einsamkeit kann es viele Gründe geben. Zum Beispiel Schüchternheit und mangelndes Selbstbewusstsein. Wer von sich glaubt, er verdiene die Aufmerksamkeit anderer Leute, deren Interesse und Liebe nicht, dem fällt es schwer, auf andere zuzugehen. "Der erste Schritt aus der Einsamkeit ist der Schritt auf sich selbst zu", schreibt Doris Wolf, "Einsamkeit zu heilen bedeutet, aufzuhören, sich selbst abzulehnen. Es beutetet, sich selbst anzunehmen." Eva Wlodarek analysiert weitere Gründe für Einsamkeit. Zum Beispiel, dass man Mitmenschen unbewusst abschreckt oder dass man sich abweisend verhält. Mach dir klar: Letztlich liegt es an dir, dass du einsam bist. Deine Mitmenschen haben sich nicht gegen dich verschworen. Es liegt auch an dir, ob du die Einsamkeit überwindest. Weder dein Partner noch deine Familie können dich dauerhaft von Einsamkeit befreien oder dich vor ihr schützen.

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Tipps gegen die Einsamkeit

  • Lerne, sporadische Einsamkeit zu ertragen und sogar zu nutzen. Eva Wlodarek rät in ihrem Buch: "Unterhalten Sie sich bestens mit Ihnen selbst!" Wer allein ist, muss sich nicht zwangsläufig einsam fühlen.
  • Beobachte dich selbst. Achte auf verbale und nonverbale Reaktionen deiner Mitmenschen. Frage dich ehrlich: "Warum bin ich einsam?" Versuche, Antworten zu finden: "... weil ich meine Mitmenschen oft vor den Kopf stoße und sie schnell ablehne.", "... weil ich Angst vor Zurückweisung habe und andere deshalb nicht anspreche."
  • Werde aktiv! Viele Dinge kannst du auch allein unternehmen (z.B. ins Kino gehen, einem Verein beitreten, Sport treiben ...) So schaffst du dir Möglichkeiten, andere Leute kennen zu lernen.
  • Spring über deinen Schatten - der Weg aus der Angst führt durch die Angst. Sprich Menschen an. Stell ihnen Fragen, hör ihnen zu. Du wirst merken: Die meisten freuen sich über dein Interesse. Sei offen, freundlich, neugierig - ohne aufdringlich zu sein.
  • Versuche nicht, deinen Partner als Schutz gegen die Einsamkeit einzusetzen. Was machst du, wenn er zwei Wochen nicht da ist?
  • Mach dir klar: Es wird immer Menschen geben, die dich ablehnen, genauso wie es immer Menschen geben wird, die dich mögen. Nicht aus jedem neuem Kontakt entsteht gleich eine Freundschaft. Das hat aber nicht nur mit dir zu tun, sondern auch mit den Erwartungen anderer.
  • Wenn du die Einsamkeit aus eigener Kraft nicht überwinden kannst: Ratgeber bieten Hilfe. Oder wende dich an einen Psychologen.

  • Auf der nächsten Seite: Interview zum Thema Einsamkeit und nützliche Buchtipps

"Einsamkeit hat mit der Einstellung zu tun" - Interview mit Diplom-Psychologin Doris Wolf

BYM.de: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich die Hälfte aller allein lebenden Erwachsenen einsam fühlt. Weshalb ist Einsamkeit ein solches Problem in unserer Gesellschaft?

Wolf: Einsamkeit hat mit den veränderten Bedingungen in unserer Gesellschaft zu tun: mehr als jede dritte Ehe wird geschieden, die Menschen ziehen öfter um, und das wichtigste Fortbewegungsmittel ist das Auto, in dem man meist alleine fährt. Der Leistungsdruck ist größer, es gibt weniger Zeit für Kommunikation, die Erwartungen an andere sind höher, sodass viele Menschen nicht mehr in einer festen Partnerschaft leben oder nur in einer so genannten Lebensabschnittsgemeinschaft

BYM.de: Sie schreiben, dass das Problem der dauerhaften Einsamkeit in der negativen Einstellung zu sich selbst wurzelt. Können Sie das erläutern?

Wolf: Wer sich immer wieder oder für längere Zeit einsam fühlt, hat meist ein geringes Selbstwertgefühl, Angst vor Ablehnung und große Erwartungen an andere. Er sieht sich selbst als unattraktiv und nicht liebenswert. Er braucht die Anerkennung anderer und hat Angst, sie nicht zu bekommen.

BYM.de: Ein einsames Wochenende liegt vor mir. Gibt es ein "Notfall-Rezept"?

Wolf: Es gibt nicht DAS Rezept für alle Menschen. Manchen genügt es, im Laufe der Woche eine Liste von Aktivitäten anzulegen, die sie am Wochenende machen können, und dann am Wochenende aktiv zu werden. Andere leihen sich einen Film aus der Videothek aus und gehen so richtig in Selbstmitleid auf, erlauben sich also, traurig zu sein. Wieder andere laufen ihrer Einsamkeit durch Sport quasi davon.

BYM.de: Wie kann man Einsamkeit vorbeugen?Wolf: Indem man seinen Freundeskreis pflegt, sein Selbstwertgefühl stärkt, seine Problemlösefertigkeiten ausbaut, lernt, sich allein wohl zu fühlen, und dem Leben einen Sinn gibt, der unabhängig von der Zuwendung anderer ist.

Dr. Doris Wolf, Dipl.-Psych., Am Oberen Luisenpark 33, 68165 Mannheim; Tel.:.0621-415741 - FAX:.0621- 415101; info@doriswolf.de; www.doriswolf.de

Buchtipps

  • Eva Wlodarek: Jetzt geh ich's an. Besseren Kontakt zu sich und anderen finden. Fischer Taschenbuch Verlag, 2001, 8.90 Euro.
  • Doris Wolf: Einsamkeit überwinden. Von innerer Leere zu sich und anderen finden. PAL Verlag, 2005, 12.80 Euro.
Text: Bym-Redakteurin
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