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Ellen und Stefanie Radtke Queeres Pastorinnen-Paar: Gott kann nämlich auch anders, Amen!

Ellen und Stefanie Radtke
© Clemens Beckmann / Privat
Zwei queere Pastorinnen, die die ganze Welt via YouTube authentisch und selbstbewusst an ihrem Leben teilhaben lassen – müssen wir noch mehr sagen? Machen wir auf jeden Fall! Ellen und Stefanie Radtke sind diesen Monat unsere starken Frauen.

Gott? Ist das nicht diese ominöse Kraft, die hinter den Kreuzzügen im Mittelalter steckte? In deren Namen Kriege geführt und Menschen "missioniert" wurden, die an Dinge wie Naturgeister und mystische Tabus glaubten? Und auf die sich der Papst beruft, wenn er sagt, gleichgeschlechtliche Paare könnten nicht gesegnet werden? Nein, völlig unmöglich, da muss ein Missverständnis vorliegen. Schließlich würde eine solche Kraft niemals Ellen und Stefanie Radtke das Wort erteilen.

Regenbogenfamilie meets Dorf – und YouTube ...

Ellen und Steffi Radtke sind Pastorinnen – in der evangelischen Kirche versteht sich, denn in der katholischen können diesen Beruf derzeit nur Männer ausüben – und außerdem ein Paar. Sie lernten sich im Theologiestudium kennen, konnten auf den ersten Blick nichts miteinander anfangen (freundlich formuliert ...), verliebten sich auf den zweiten dann aber so heftig, dass sie schon nach wenigen Wochen zusammenzogen. Seit 2007 sind sie vercouplet, 2012 sagten sie "Ja" zueinander und schlossen eine eingetragene Lebenspartnerschaft. 2017, nach Öffnung der "Ehe für alle", ließen sie sich trauen. Ellen würde sich als pansexuell verorten, wenn sich die Frage nach der Sexualität nicht mit dem Committment in eine monogame Beziehung erübrigt hätte, Steffi beschreibt sich genau deshalb als "ellie-sexuell"

Seit 2017 wohnt das Paar im niedersächsischen Dörfchen Eime, wo Steffi das Pfarramt innehat, im vergangenen Jahr kam Töchterchen Fides (lat. für "Glaube") dank Kinderwunschbehandlung und Samenspende aus dem Ausland zur Welt und einmal pro Woche lässt die christliche Regenbogenfamilie ganz Deutschland auf ihrem YouTube-Kanal "Andersamen" auf sympathische und suuuuper witzige Weise an ihrem Leben teilhaben. Doch ausgerechnet dort und in den anderen sozialen Medien, in denen sich bekanntlich jede Menge bunter Menschen tummeln, erfährt das Paar am meisten Ablehnung. Nicht in ihrer Gemeinde Eime, nicht in der Institution der evangelischen Kirche, sondern bei Instagram, Facebook und YouTube, wo Leute 20.000-Calorie-Challenges hochladen und mit Pranks Millionen Abonnent*innen überzeugen ...

Hass und Hetze im Netz: "Hoffentlich kriegt ihr eine Missgeburt"

"An den Kommentaren unter unseren Videos oder Posts merken wir immer, wenn in irgendwelchen konservativen Medien über uns berichtet wurde", erzählt Steffi. Rechts orientierte Portale riefen zum Teil ausdrücklich dazu auf, zu haten und negativ zu kommentieren – es könne doch nicht sein, "dass da nur Positives druntersteht". Morddrohungen, ausfallende Äußerungen wie "die hässliche Dicke" oder "die eine ist doch viel zu hübsch, um lesbisch zu sein" sind meist die Folge.

Einer der heftigsten Kommentare der letzten Zeit bezog sich auf Fides, noch während Ellen schwanger mit ihr war: Der Hater äußerte den Wunsch, dass sie eine "Missgeburt" würde, damit die Mütter wüssten, was Gott von ihrer Beziehung hielte. Das traf vor allem Ellen, "vielleicht lag's an meinen Hormonen während der Schwangerschaft ...", sagt sie. "Normalerweise leiten wir Anfeindungen weiter an unser Team und lachen gemeinsam darüber. Es ist schwer, sie komplett zu ignorieren. Aber sich bewusst zu machen, dass diese Kommentare etwas über die Menschen aussagen, die sie posten, hilft." Die beiden sind sich im Klaren darüber, dass klein beizugeben und sich zurückzuziehen genau das ist, was die Hater erreichen wollen. Deshalb tun sie's nicht. Gott sei Dank – denn was sie vorleben und zu sagen haben, sollten bitte, bitte, bitte nicht nur die Menschen in Eime und auch nicht nur christlich-evangelische Kreise mitbekommen.

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Instagram integriert.
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Auch Gegensätze passen zusammen

Ob in ihren Videos, ihren Posts bei Insta oder im direkten Gespräch: Ellen und Steffi verkörpern Authentizität, Inklusion, Liebe und Toleranz. Allein die Tatsache, dass zwei auf den ersten Blick so unterschiedliche Menschen wie sie ein Paar sind, bringt alle Beziehungsstudien, die behaupten, dass Gemeinsamkeiten die beste Basis für eine Partnerschaft sind, ins Wanken: Steffi, der "Poltergeist", der immer laut ist und munter drauf los lebt (ihre Worte!), und Ellen, die reflektierte, bedächtige, liebevolle Frau, die mit ihren mütterlichen Augen "jeden Menschen sieht" (ebenfalls Steffis Worte) – gegensätzlicher können zwei Charaktere, oberflächlich betrachtet, kaum sein.

Auch die Geschichten der beiden: Ellen hat schon immer eine Verbindung zu Gott gespürt. Sie ist mit dem katholischen Glauben großgeworden, entschied sich erst einige Zeit nach ihrer Firmung zu konvertieren, da sie sich mit gewissen Regeln der katholischen Kirche – etwa dem Ausschluss von Frauen aus dem Pfarramt – nicht identifizieren konnte. Dass sie nicht nur Männer lieben könnte, hatte sie lange nicht auf dem Schirm. "Ich habe mich früher immer viel geschminkt und war eine richtige Tussi", sagt sie, "das hat in meinem Kopf nicht dazu gepasst, auf Frauen zu stehen."

Und Poltergeist Steffi? Fiel ungefähr mit 16 plötzlich ein, dass sie ja getauft wurde und langsam auch mal zum Konfirmationsunterricht gehen müsste, so wie ihre Mitschüler*innen. Weil sie es aber nicht nur fürs Geld und Feiern machen wollte, wettete sie mit Gott, dass sie nach der Konfirmation mindestens ein Jahr lang jeden Monat einmal weiterhin in die Kirche kommen würde – und aus einem Jahr wurden Jahre. "Die Kirche war für mich immer ein Ort, an dem ich runterkommen konnte", erzählt sie. "An dem ich ich sein durfte und niemandem etwas beweisen musste." Für sie als "Poltergeist" eine angenehme Erfahrung. Dass ihre Liebe bzw. Sexualität nicht an ein Geschlecht gebunden ist, hat sie dagegen stets gespürt. "Ich habe mir darüber eigentlich nie Gedanken gemacht. Ich habe immer darauf vertraut, dass ich Liebe eben fühle, wenn es sein soll. Und wenn ich sie nicht gefühlt hätte, wäre ich alleine glücklich geworden." 

Ellen und Stefanie Radtke mit Fides
Happy family: Steffi, Fides und Ellen Radtke (v. links)
© Clemens Beckmann / Privat

"Wir können nur Rassisten sein, die keine sein wollen"

Haben die beiden vielleicht das Rätsel gelöst, wie wir es schaffen, offen und unvoreingenommen auf Menschen zuzugehen? Sie nicht aufgrund von Äußerlichkeiten in Schubladen zu stecken? Bedingt. "Bei mir ist es so, dass ich Leute ganz schnell in eine Schublade packe, aber sie kommen leicht wieder raus", sagt Steffi, "Bei Ellen dauert es eher länger, ist dann allerdings 'endgültiger'." Womit der Beweis erbracht wäre: Die beiden sind auch nur Menschen. "Wir müssen uns einfach eingestehen, dass wir aus diesem Kategorisieren niemals rauskommen können", sagt Ellen. "Wir werden uns immer innerhalb der ersten sieben Sekunden ein Bild von einem Menschen machen und ihn einsortieren – unser Gehirn ist nun einmal so ausgelegt, dass es Klarheit braucht und sich die Frage stellt 'wem kann ich trauen?'. Doch wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir reflektieren und unsere Einordnungen hinterfragen. Uns bleibt quasi nur, Rassisten zu sein, die keine sein wollen."

Merken wir wiederum, dass unsere Schubladen uns dazu veranlassen, von Menschen Abstand zu nehmen, hilft Konfrontationstherapie: "Steffi hatte lange ein Problem damit, Männer zu sehen, die sich küssen", sagt Ellen. "Dagegen geholfen hat 'Prince Charming'." Dank der Dating-Sendung stört sich Steffi jetzt nur noch an den vielen nackten Popos, wenn sie auf dem CSD ist. Tja nun.

"Ich mag am liebsten Beerdigungen"

Was sich sicherlich viele Menschen fragen werden, insbesondere jene, die nichts mit der Kirche am Hut haben: Warum arbeiten diese beiden modernen, freigeistlichen, inspirierenden Frauen für so einen konservativen, verstaubten, denkmalgeschützten, trägen Arbeitgeber? Was gefällt ihnen an ihrem Job? "Ich mag am liebsten Beerdigungen", sagt Ellen. "Dann merkt man immer besonders, dass der Glaube helfen und Trost spenden kann. Wir haben ja wirklich etwas zu sagen von Hoffnung und Ewigkeit. Deshalb freue ich mich, wenn der Bestatter anruft." Steffi ergänzt: "In welchem anderen Beruf wirst du heute noch dafür bezahlt, Zeit für Menschen zu haben?" Ihre Aufgabe sei es zu schauen, was die Leute in ihrer Gemeinde brauchen, und für sie da zu sein. Das mache den Job nicht nur bedeutsam, sondern auch abwechslungsreich und kreativ. "Den einen Tag sind wir Trauerbegleiterinnen, den anderen laufen wir durchs Dorf und verteilen Klopapier", sagt Steffi. "Nur die Arbeitszeiten sind manchmal hart: Wir müssen immer erreichbar sein."

Für die Zukunft wünschen sich die beiden Theologinnen in erster Linie eines: Dass wir zusammenhalten und aufeinander achtgeben! "Wenn jeder Mensch darauf schaut, was tut meinem Nachbarn oder meiner Nachbarin jetzt gerade gut – und wenn auch die Politik danach entscheidet, was die Menschen brauchen –, dann werden wir gemeinsam etwas verbessern", sagt Ellen. Dabei rät sie, sich auf die positiven Entwicklungen zu konzentrieren und sie zu stärken, statt mit dem Finger auf Fehler zu zeigen und zu meckern. "Natürlich ist es immer leicht, zu kritisieren und zum Beispiel 'die rückständige katholische Kirche' vorzuführen", sagt die Pastorin, "doch es gibt so viele progressive Bewegungen, Frauen, die für die Kirche arbeiten und sich für die Stärkung von Frauen einsetzen – an denen sollten wir uns orientieren, die sollten wir fördern."

So schließt sich der Kreis ...

Vielleicht können wir mit diesem Ansatz auch das leidige Fass endlich mal schließen, das wir ganz am Anfang aufgemacht haben: Diesen Vorwurf an Gott, der zum Beispiel den Papst zum Ausschluss homosexueller Paare autorisiert, leiten viele Gläubige direkt an die Kirche weiter – nicht Gott sei das Problem, sondern die Institution. Das wiederum wirft die Frage auf: Warum halten wir an dieser Institution eigentlich fest? Wie wäre es damit: Wenn Kirche eine Institution ist, die Menschen wie Steffi und Ellen Radtke einschließt, in ihre Mitte nimmt und für sich sprechen lässt, dann brauchen wir sie, denn dann ist sie eine Bereicherung für unsere Gesellschaft (schreibt und fühlt übrigens eine überzeugte Atheistin). Davon müssen wir jetzt nur noch den Papst und einige Chefs anderer Religionen überzeugen ... 


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