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Erst Pandemie dann Endemie? Neue Experteneinschätzungen: Was das für die Corona-Krise jetzt bedeutet

Ein Mann steht im Park und breitet die Hände aus, an seiner Hand hängt eine Maske.
© sun ok / Shutterstock
Wann ist die Pandemie endlich vorbei? Eine Frage, die sich wahrscheinlich viele stellen. Doch mit dem Ende der Pandemie wird das Coronavirus nicht einfach verschwinden. Es wird eher zu einem Begleiter der Menschen werden. Aus der Pandemie wird eine Endemie.

In den meisten Bundesländern ist das Einkaufen ohne Maske wieder möglich, größere Feiern oder einfach Treffen mit Freund:innen sind wieder erlaubt. Ab der kommenden Woche muss man sich voraussichtlich nur noch fünf Tage isolieren, sollte man sich mit Corona infiziert haben. Die Zahlen sinken ebenfalls, das Robert Koch-Institut meldete erstmals keine Todesfälle (Stand: 2. Mai 2022). Das klingt alles nach dem Ende der Pandemie? Wird Corona jetzt verschwinden?

WHO hat "Notlage von internationaler Tragweite" noch nicht beendet

Offiziell ist die pandemische Phase noch nicht vorbei. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) müsste für ein Ende die "Notlage von internationaler Tragweite" für beendet erklären – aktuell gilt jedoch weiterhin weltweit die höchste Alarmstufe. Vor etwas mehr als zwei Jahren hatte die WHO den Corona-Ausbruch zur Pandemie erklärt. Doch was charakterisiert eigentlich eine Pandemie?

Dafür sollte zunächst der Begriff der Epidemie erklärt werden. Bei einer Epidemie breitet sich eine sehr ansteckende Krankheit schnell regional aus und führt zu einer überdurchschnittlich hohen Anzahl von Erkrankten. Meist handelt es sich um Infektionskrankheiten, die durch Viren oder Bakterien übertragen werden. Wird jedoch von einer Pandemie gesprochen, dann hat sich die Krankheit über Ländergrenzen hinaus oder sogar global ausgebreitet. Die WHO erfasst und beobachtet kontinuierlich das Auftreten und die Verbreitung von Krankheitserregern und Infektionskrankheiten.

Das Risiko durch das Coronavirus für die Bevölkerung ist noch immer hoch

Nicht nur die WHO, auch die deutschen Gesundheitsämter sowie das Robert Koch-Institut (RKI) beurteilen die Gefährdung durch Covid-19 insgesamt weiterhin als "sehr hoch", für Geimpfte und Genesene als "hoch" und für Geboosterte als "moderat". Verschwunden ist das Virus nämlich noch nicht, es ist nach wie vor ansteckend und eine Infektion kann weiterhin tödlich verlaufen.

Trotzdem habe sich die Lage im Vergleich zum Vorjahr verbessert. "Wir können tatsächlich vom Beginn der Endemie sprechen", sagt der Virologe Marco Binder, der am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zu Sars-CoV-2 forscht, dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland".

Was ist eigentlich eine Endemie?

Unter Endemien versteht man regional gehäuft auftretende Krankheiten mit wiederkehrenden Ausbrüchen, an der ein großer Teil der in der Region lebenden Menschen erkranken. Auch wenn es verlockend ist, aber aus dem Wort Endemie leitet sich nicht das Wort Ende ab. Ein endemischer Zustand bedeutet: Das Virus bleibt. Nur ändern sich die zugrunde liegenden Kräfte. Mit der Zeit steigt die Immunität in der Bevölkerung – durch Impfungen oder Infektionen. Mit dem Aufbau eines erhöhten Schutzes wird sich das Virus langsamer verbreiten und Menschen werden sich weniger und nur noch leicht infizieren.

Was zunächst harmlos klingt, sollte jedoch nicht unterschätzt werden. Eine genaue Vorhersage kann nicht getroffen werden. Im Laufe der vergangenen Jahre hat das Coronavirus gezeigt, wie wandelbar es sein kann. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach warnte in einem FAZ-Interview: "Das sind keine Gesetzmäßigkeiten. Corona kann sich in Richtung 'Omikron minus' oder 'Delta plus' entwickeln", so der Gesundheitsexperte. "Ich will ja nun wirklich kein Schwarzmaler sein, aber die Idee, dass Corona sich von selbst zum harmlosen Erkältungsvirus verwandelt, ist Wunschdenken."

In einer endemischen Phase ist das Virus noch immer vorhanden

Ein gutes Beispiel ist hier Malaria. In etwa hundert Ländern gilt die Krankheit als "endemisch", tötet aber dennoch weltweit rund 600.000 Menschen pro Jahr. Das bedeutet also: Nur weil die Menschen einen höheren Schutz aufbauen, muss das Virus nicht gleichzeitig harmloser werden.

Eine Endemie hat also viele Gesichter: "Im besten Fall wird das Virus harmloser und löst nur noch kleine und lokal begrenzte Ausbrüche aus", sagt der Bundesgesundheitsminister. Im schlechtesten Fall würden wir in eine Endemie geraten, in der eine gefährliche Variante dominant ist, so Lauterbach weiter.

Deutschland geht langsam auf die endemische Phase zu

Einen genauen Zeitpunkt, wann die Pandemie einen endemischen Charakter annimmt, gibt es nicht, der Übergang ist meist fließend. Genauso wenig gäbe es festgelegte Parameter, so der Virologe Binder vom Krebsforschungsinstitut in Heidelberg. Er orientiere sich bei seiner Einschätzung daran, dass das Coronavirus für das Immunsystem der meisten Menschen wegen Impfungen und Ansteckungen weltweit inzwischen nicht mehr neu sei. Vor mehr als zwei Jahren sah das noch ganz anders aus.

Ob das Coronavirus also wie eine Grippe mitunter viele Tausende Tote pro Saison in Deutschland verursachen oder ein harmloseres Erkältungsvirus wird, bleibt aktuell noch offen. Ein Gleichgewicht werde sich erst über die kommenden Jahre einstellen, so Binder. Der Übergang von einer Pandemie in eine Endemie verläuft regional unterschiedlich – europaweit aber auch innerhalb Deutschlands. Von dieser Entwicklung hänge es ab, wie gefährlich Infektionswellen im kommenden Herbst und Winter noch werden.

Der Epidemiologe Timo Ulrichs, der an der Berliner Akkon-Hochschule forscht, gibt zu bedenken, dass Länder mit hoher Impfabdeckung und Kontaktbeschränkungen weiter seien als Deutschland. "Unsere Impflücke wird dem Virus auch im kommenden Herbst noch Gelegenheit geben, eine weitere pandemische Welle von Neuinfizierten auszulösen. Jetzt wäre eigentlich die Zeit, diesem Risiko durch eine umfassende Impfkampagne zu begegnen."

Verwendete Quellen: rnd.de, faz.de, rki.de, pharma-fakten.de, zeit.de

Brigitte


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